Di 14.06.1938, Brief von Lolly an Anneliese: “Die Zeit erfordert den Kampf, da muß auch jeder Einzelne für sich kämpfen“

eingestellt von am 14. Juni 2015 |

Charlbg., d. 14. Juni, 38, Rönnestr. 10 I

Meine liebe Anneliese,
dir und dem Walter vielen herzlichen Dank für die schönen, leckeren Kuchen, die uns ja sooo gut schmecken! Das war ja ein Freudentag gestern! Zuerst waren die Geschwülste an beiden Beinen dünner. Ich habe keine geschwollenen Füße, nur die inneren Knochen sah man kaum und dann ging ein Geschwulst an den Vorderbeinen hoch, am rechten schlimmer. Das Ganze war dann 20 cm hoch, 5 cm breit u. 3-4 hoch in der Mitte. Nun ist die Sache schon auf 1/3 fast zurückgegangen! Am Donnerstag gehe ich wieder zum Arzte und berichte darauf gleich.

Gestern kam auch Frau Grunow eben mal rauf, ihr Mann hat noch Venenentzündung am gesunden Beine, das andere ist kriegsverletzt. Selbst hatte Frau Grunow Mumps. Weißt du noch, dabei kann man keinen Zuckerkuchen essen! Ich fand es rührend, daß Frau G. mir nur eben was einholen wollte und mir schöne Rosen brachte. Und dann schickte mir Frau Preuß einfach mal die Wohnungsangebote des Gen. Anzeigers, da mußte ich doch lachen. Es standen allerlei 3 Zimmer u. Küche, Bad, Heiz drin, aber ohne Preis u. alles für Juli und August. Ich denke, wir inserieren Ende des Monats selbst, ich denke zum 1. Oktbr. klappt es! Sonst bleiben wir etwas länger hier, uns treibt’s ja nicht so. Herr Eunig wird heute 65 und hört morgen auf, er soll andere Arbeit gefunden haben. Wie mag es übrigens bei Grässinghoffs sein, der suchte auch irgendeine Beschäftigung?

F. Zimmermann kam Sonntagmittag, wir aßen gerade auf dem Balkon, Schnitzel, Spargel u. Pudding, und fragte, ob sie nach dem Abendbrot zum Skat angenehm wären und das waren sie. Vater holte zwischendurch 1 Ltr. Bier rum und dafür verloren Z.s in die Kasse auch 92 Pfg.! F. Z. hat große Schmerzen in der linken Schulter, ob gezerrt oder Rheuma, weiß sie nicht. Da Z. in keiner Kasse sind, ist große Sorge. Die Wohnung ist ja mit allen Möbeln, die in der 3 Zimmer größeren Dienstwohnung waren, vollgestellt, so schloßen sich Z.s […] blaue Flecken, davon kann die Sache auch gut […], nun, denn diesmal ist der Fleck etwa 5 cm groß!

Ins Rsld. [?] Kränzchen kann ich heute wieder nicht, ich liege von ½ 10 an brav auf meiner Kosche, draußen ist heute noch zu kalt. Erbssuppe mit Ragout ist fertig. Morgen gibt’s Schnitzel, Kartoffelsalat, Rhabarber.

Ich habe an Hans einen langen Italienbericht gesandt, den soll er euch schicken u. ihr schickt ihn dann an uns zurück! Hans fragte natürlich, wann wir denn davon erzählen wollen, wir sahen uns doch nicht! Mündlich läßt sich über I. natürlich noch viel berichten, sonst müßte ich tagelang schreiben.

Meine Zahngeschichte ruht einstweilen, ich beiße garnicht ab! Über kurz oder lang gibt es eine große Sache. Es wäre mir kein unangenehmer Gedanke, wenn Engelke es wieder machen müßte! Ist es vorher nötig, so macht es mein Zahnarzt, der als Arzt großartig ist, aber scheinbar an Ersatz nicht gern rangeht.

Fr. Schody bestelle ich. Willst du nicht einige Tage vor Walter kommen, damit die Schneiderin vorher fertig wird? Dies ist nur ein Gedanke zum überlegen.

Und nun wer Lieselotte ist? Da lege ich dir ein Stück von Hansens Brief vom 29. April ein, das du mir bitte zurückschickst!! Es schreibt sich nicht so ganz schön im liegen!

Über eure schönen Ausflüge in Grün u. Sonne freuen wir uns herzlich. Solche Ausspannung gibt neue Kraft und läßt mit Ruhe alles abwarten. Ärger und Aufregung ändert ja nichts im Leben, dies wissen aber nur die Alten! Das Leben ist jetzt Tempo Tempo, mehr, als jemals. Es gibt nicht nur das große Ziel, das nur ja allen recht ist, sondern viele Ungerechtigkeit und viel Egoismus. Da muß man den Mut haben, sich selbst zu halfen und auch oft denken: „es geht vorüber!“ Die Zeit erfordert den Kampf, da muß auch jeder Einzelne für sich kämpfen, nicht für seinen Egoismus, aber für sein Recht! Wir wünschen dem lieben Walter vom Herzen, daß er schafft, was er verlangen kann! Aber den Bogen nicht überspannen! Erst angestellt sein! Ihr werdet schon durchkommen! Wir freuen uns immer, wie du wirtschaftest, lieb Annelchen, wir sind so stolz auf unsere Kleine, – das muß auch mal gesagt sein!!! Und der Walter scheint ja auch nicht der Schlechteste zu sein, – wenn man seine Frau erzählen hört!!!

Ich danke dir auch, meine Anneliese, daß du kommen willst, wenn wir dich krankheitshalber nötig haben, das ist ein schönes Geschenk für uns. Im August, haben wir uns vorgenommen, geht es uns sehr gut. Vergnügt sind wir überhaupt immer! Vati holt so treu ein u. gibt Zettel im Geschäft ab, damit mir die Ware geschickt wird. Bei mir stärkt Faulheit die Glieder!

Ingelein bekommt zum Geburtstage 5 M für Silber, die Holzente und wenn ich raus kann, noch ein Spiel oder Lufthöschen. Ja, Ingelein ist ganz süß und lacht, wie ihr Vater es machte!

Tante Winy schrieb uns auch so lieb, wir sollten kommen. Es geht ihr aber nicht so gut, Rippenfell und Herz machen zu schaffen, aber, schreibt sie, den Kopf behalte ich oben. In der nächsten Woche mich Tante Winys Schwestern mal besuchen zum Kaffee. Ich gehe nicht eher spazieren, bis alles gut ist u. dann hole ich auch erst mal nur ein! Vati war am Sonntag von 12 – 4 draußen; eben mal von Grunewald bis Nikolaskoe gelaufen.

Ob Vati wohl bei Abschied so eine neue Postkutsche kriegt? Ne Trompete schenke ich ihm dann!

Was schneiderst du jetzt? Mein schönes Bordürekleid hat Fehlstellen, ich flicke auf jede dünne Stelle einen Stern und an der andreren Seite auch einen.

Frau Grunow hat der Herta gekündigt, sie ist ihr zu dreist und zu langsam, auch sehr flüchtig. Sie bekommt eine Frau, die durch Fortzug der dann frei geworden ist u. 4 Jahre dort war. Ich werde noch fertig mit Herta, kann auch eher was sagen! Ich will H. nun 2x in der Woche nehmen! Halbe Tage darf ich nicht ausmachen, ich muß immer von mal zu mal bestellen, sonst muß ich kleben.

Und nun muß ich meine Erbssuppe wärmen (von gestern, heute mit 1 Pfund Spargel).

Nochmal ganz herl. Dank, auch vom Vati. Für dich u. Walter viele herzl. Grüße von
Vati u. Mutti.

veröffentlicht am 14. Juni 2015 um 12.21 Uhr
in Kategorie: Lolly Merten

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