Di 07.06.1938, Brief von Lolly an Annelieses Bruder Hans mit ausführlichem Bericht über die Italienreise: „In einem Gladiatorenkeller waren wir auch, der ist ausgegraben und da trinkt man jetzt Bier“

eingestellt von am 7. Juni 2015 |

Berlin Charlbg., d. 7. Juni, 38.

Ihr Lieben,

für Deinen langen Pfingstbrief, lieber Junge, vielen herzlichen Dank. Klein Ingelein macht uns vielen Spaß. Nun wird Euer Kind ja den ersten Geburtstag bei den lieben Großeltern in Kiel feiern und womöglich auch dort die ersten Schritte laufen. Die herrliche Seeluft wird schon gut tun. –

Hast du Freude in Süddeutschland gehabt, Michel? Das Freiburger Münster ist wohl schön und hast du auch das Höllental bis Hinterzarten gesehen? Und wie hast du die Pfingsttage mit deinen 2 Frauen verlebt, Hans?

Ich habe Hausarrest, war aber am 2. Pfingstabend im Opernhause mit Vater, zum erstenmal! Der Rosenkavalier, ganz herrlich! Nun liege ich wieder brav auf meiner schönen Loggia und halte die seit 3 Wochen dicken Beine hoch. Am Dienstag war ich beim Arzt, der meinte aber, ich sollte die Behandlung fortsetzen, die sei gut. Ich nahm täglich ein Salzbad und massierte mit Öl. Nun reibe ich des Nachts noch mit brauner Salbe ein und lege soviel wie möglich die Beine hoch. Jedenfalls war es eine Überanstrengung. Sonst sind wir beide quietschvergnügt und schlafen herrlich! Vater fühlt sich sehr wohl in der Arbeit und trinkt täglich sein Ginkofink [?]. Vom 1. Septbr. an macht er ein Arbeitsjahr im neuen Haushalte durch, ohne gegenseitige Vergütung!

Wir freuen uns, daß Walter und Anneliese ihre Ferien bei uns verleben. Ein wenig Großstadt und die schöne Umgebung tun ihnen schon gut. Wenn wir im Wuppertale Wohnung bekommen sollten, haben wir doch wenigstens eins unserer Kinder näher bei uns. Die vielen Bekannten dort unten locken uns ja auch. Hast du nicht bald mal wieder eine Dienstreise nach Berlin, Hans? Das wäre ja fein! Für Kiel wünschen wir Euch das beste, warme Wetter, das gebraucht man doch da.

Über Italien, lieber Hans, kann man besser erzählen anhand der Bücher, meinte ich. Habe ich Euch garnichts über Italien geschrieben? Dann will ich Euch fein allerlei erzählen. Die Fahrt durch die Schweiz war blendend. Am Vierwaldstädtersee ging es vorbei, durch den Gotthard bis Mailand. Da kurz zuvor Neuschnee gefallen war, erstrahlten die Berge im reinsten Weiß, dazu leuchteten die frischgrünen Matten mit allerlei Blumen. Des Nachts in Deutschland hatten wir gut ruhen können, da sonderbarerweise in unserem Abteil nur 3 Personen waren, ja bis Halle waren Vater und ich allein. So konnten wir im <u>vollbesetzten</u> Abteil von Basel ab frisch und genau auf alle Schönheit achtgeben. Die Zollkontrolle war sehr einfach auf der Hinfahrt, man fragte nur nach Geld und sah nur die Brieftasche nach. In Mailand imponierte uns der Prachtbahnhof, groß, übersichtlich und hell ist er und dann der prachtvolle Marmor, sogar auf dem Boden. Unser Hotel war ganz groß, sodaß wir 400 geschlossen dort untergebracht waren. Nach dem Abendessen wurde der Kreditbrief eingewechselt und dann schlief man sooo gut.

Nach dem Frühstück, es gab <u>durchweg</u> bis Mittag nur 2 Brötchen, wenig Marmelade u. ganz, ganz wenig Butter, ging die Rundfahrt vor sich, dabei sahen wir den ersten Prachtdom, dem noch so viele in Italien folgten. Was man dabei an Schmiedearbeit (Handarbeit) und Mosaik sah, war bezaubernd schön. Und das Abendmahl von Leonardo da Vinci, an der Wand der alten Klosterkirche (die zwischendurch mal Pferdestall war), ist so lebendig, daß viele glauben, da saßen u. standen die Menschen und das Brot lag deutlich auf dem Tische. Alles kann ich gar nicht beschreiben, auch nicht den Friedhof mit seinen prunkhaften Marmorgebilden, die meistens die trauernde Hinterbliebene darstellen, wie sie bei dem Tode des Gatten oder des Kindes war. Oft ist auch die Tote, hauptsächlich wenn sie jung war, in Lebensgröße wiedergegeben. Ein Denkmal, wohl mit das schönste, stellt den verstorbenen reichsten Seidenfabrikanten dar in Lebensgröße, zu beiden Seiten sind die Reliefs der beiden 20 jährg. Söhne. Alle starben an Schwindsucht. Davor kniet die Gestalt der Mutter, – alles natürlich Marmor. Die Mutter lebt heute noch als 90jährige. In Genua ist ein ebenso großartiger Friedhof, auf dem die Figuren der Bibel entnommen sind, nicht persönlich!

Am Nachmittage fuhren alle im Auto zum Lago Maggiore nach Stresa. Auf den See konnten wir nicht, weil Sturm war. Der Völkerbund tagte ja damals auf einem Dampfer! Mailand mutet fast noch deutsch an, dort sind die Frauen <u>blond</u>. Die Stadt ist <u>sauber</u> und sehr schön und hat herrliches Villenviertel, einen <u>kleinen</u>, gepflegten Park, auf den der Führer besonders hinwies. Die herrlichen Seen der Umgebung, der Comersee z. B. auch, sind ja wunderbar.

Am nächsten Morgen um 9 fuhren wir schon weiter nach Genua, wo wir um 12 waren. Wir wohnten in einem Hotel, das einer Schweizerin gehörte, die deutsch sprach. Während der ganzen Reise war man jedesmal mit <u>anderen</u> Reisegeführten im Hotel, während wir die Bahnfahrten im gleichen Abteil mit 2 Lehrerinnen aus Berlin machen mußten. Wir gingen noch vor Tisch auf Entdeckungsreisen, durch die ältesten Gassen, hohe Treppen runter, wo <u>über der Straße</u> von Fenster zu Fenster die Lappen von Wäsche trocknete! In solchen Häusern wohnte in Deutschland kein Mensch mehr! Um so schöner ist die Villenstadt, einfach prachtvoll. Sonst ist die innere Stadt schmal, auch die Straße, an denen die alten Paläste liegen. Diese Paläste, die z. B. jetzt Hochschule sind, liegen um einen Hof gebaut.

Der Hafen ist groß und die Promenade sehr schön, Wir <u>wählten</u> hier auf dem Motorboot Wolf und dieses wurde im Paß vermerkt! Natürlich zeigte uns auch hier die Rundfahrt manche schöne Kirche, einen wunderbaren Triumphbogen, als Denkmal der Kriegsgefallenen, das Haus des Kolumbus, wo er seine Jugendzeit verlebte und mehr.

Der nächste Tag brachte uns im Auto rauf nach Rapallo, und St. Margherita lag unten am Meere. Eine herrliche Fahrt durch viele kleine Orte, die Gärten voll reifender und reifer Citronen u. Apfelsinen. Nach dem Essen, um 2 Uhr, fuhren wir weiter bis Rom, wo wir nach Mitternacht landeten. Unser Hotel lag 5 Minuten vom Bahnhofe. In Berlin bekamen wir schon mit der Abteilnummer, sämmtliche Hotels für die Reise. Auf den Bahnhöfen standen dann die Portiers mit einem Hotelnamen an hoher Stange und dann schloß man sich seinem Hotel an. Das Gepäck, das unseren Namen und unsere Hotels trug, kam auch bald und so konnten wir auch in diesem Bette gut schlafen. (<u>Immer</u> ohne Wanzen!) Auf der Fahrt sahen wir ja ohne Unterbrechung zum Fenster raus, es war ja alles so neu, man wollte doch nichts verfehlen. Die herrlichen Berge, die Sümpfe, die aber noch viele Pfützen haben und sehr vereinzelt Häuser! Die Olivenhaine, Cypressen und Pinienwälder, die Häuser in den kleinen Orten, hauptsächlich die einzelner Fassaden, sind eine Farbenkleckserei. Bald wurde hier bald da ausgebessert und mit der Farbe, die gerade noch stand.

Dann kam auch mal ein Marmorsteinbruch. Der Marmor lagerte <u>verschiedenfarbig</u> übereinander! Am Morgen war dann die erste Rundfahrt durch die alte Stadt und die Nachmittagsfahrt ging durch das neue Rom. Am anderen Morgen folgten Vatikan, Sixtinische Kapelle, Peterskirche und am Nachmittage haben wir uns Rom noch einmal allein angesehen. Das Rom nicht verglichen werden kann mit einer anderen Stadt, ist ja so klar, es gibt dieses Alte, worüber man immer wieder staunen muß und als Gegensatz diese Marmorpracht eben nur hier. Das Stadion ist so herrlich in seiner weißen Marmorpracht und 280 überlebensgroßen Sportgestalten aus weißem Marmor, rundherum. Nur fällt es jedem gleich auf, daß die Männer ein Blatt vor dem Dings haben, das nicht so schön und glänzend ist, Ja, sagte der Führer uns, die Nacktheit wurde an <u>dieser Stelle</u> beanstandet und da bekam leider jede Figur ein Feigenblatt!! (Wie soll das nun in den Museen und Galerien werden?) Jede Stadt in Italien mußte übrigens so eine Figur stiften, darum ist der Ton im Marmor verschieden, bald bläulich, bald rötlich oder gelblich. (In einem Gladiatorenkeller waren wir auch, der ist ausgegraben und da trinkt man jetzt Bier.)

Am nächsten Tage ging es um 3 weiter nach Neapel, um 6 waren wir dort und wohnten am Bahnhofsplatze, dem Vesuv gegenüber. Er qualmte fürchterlich und hatte 4 Wochen vorher wieder Lava gespien. Auch hier wohnten wir gut, nur Vaters Koffer kam nicht. Da half kein telefonieren, Litt meinte, der würde schon kommen. Nun, nachdem Vater am Telefon saugrob wurde, bemühte man sich dann und er wurde in der folgenden, also 2. Nacht um ½ 2 Uhr vor die Tür gestellt! Am Morgen ging es ganz früh aufs Schiff und abends kehrten wir zurück, darum konnte man sich selbst nicht kümmern! Was hilft da eine Versicherung, man hat nichts da und das Geld braucht man für nötige Sachen! Else Witte war durch Ägypten mit dem Litt, da hat ein Herr seinen Koffer nur am Anfang u. Ende der Reise gesehen. Ein 3 mal hoch der deutschen Gründlichkeit! Nur wir sind dann am ersten Morgen vergnügt mit nach Capri gefahren und haben gesagt: „nicht ärgern, nichts zu ändern!“ Als unser Schiff nun vor der blauen Grotte hielt und so viele seekrank rumlagen, sogar der ital. Reiseführer, sah ich mir erstmal die kleinen Boote an und die hohen Wellen. Erst sagte ich mir „so ganz im Stillen“, na, das kannst du nicht, die Dinger tragen ja wie Nußschalen! Aber dann kam mir der Gedanke, daß ich nur einmal im Leben hier war und da sagte ich ganz mutig zu Vater: „natürlich fahren wir, das kann ich!“ und das ging so gut und war so wunderbar schön! Das Wasser ist leuchtend blau und die Wellen sind wie Perlmutter. Und dann fuhr der Dampfer wieder nach Capri und nach dem Essen ging es mit Drahtseilbahn rauf nach Anticapri. Da war ein Blühen und […], zu schön und der weite Blick. Wir persönlich sahen dann noch eine Mussolinischule. Da haben die Klos, aus weißem Marmor natürlich, keinen Sitz, sondern es ist ein [Quadrat mit Loch] auf der Erde, zum Loch hin abgeschrägt. Da blühte Lavendel im Schulgarten. Im Garten des Hotels Paradies, den ich mir einfach ansah, blühte alles in einer Pracht, die den Namen Ehre macht. Rückfahrt.

Am folgenden Morgen sahen wir uns noch den Lido an und das Museum, in dem die Ausgrabungen von Pompeji liegen. Nach dem Essen fuhren wir im Auto, Sechssitzer, nach Pompeji, das nicht vom Vesuv, sondern vom Somena [?] mit Asche verschüttet war. Die Ausgrabungen sind fabelhaft. Herculaneum kann nicht ausgegraben werden, weil es durch <u>Lava</u> verschüttet wurde. Man findet in Pompeji ganze Straßen, die Mauern, Höfe, Schulen, ja ein Bad sogar zeigen, durch ein Kellergitter sieht man unten <u>Bleirohre</u> liegen. Im Garten eines vornehmen Hauses sah ich auch die einzige Myrte, die wir alle sahen. (Mignon?) Einiges, was man sonst fand, ist hier im Museum, das meiste sahen wir aber im Museum in Neapel. Nachdem wir noch eine Korallenfabrik besichtigt hatten vor Pompeji, ging es weiter zum Vesuv. Unser Wagen fuhr in scharfen Kurven höher u. höher und dann mußten wir noch ebenso ¾ Stdn. steigen auf losem Sand oder Asche. Nun kam die Lava und darauf ein bequemer tiefer ½ stündiger Weg. Bis an den <u>nicht rauchenden</u> Nebenkrater ging es, 3 Häuser breit vom fürchterlich rauchenden Hauptkrater entfernt, an den kam man nur mit Asbestsohlen und Gasmaske. In den bis oben rotglühenden Nebenkrater ließ mich der Führer gucken! Ich war froh, als ich wieder unten war!! Eine Dame fiel leider u. mußte gleich runtergebracht u. operiert werden!! Wir konnten besser springen und klettern als die Jugend!!

Am nächsten Morgen Stadtbummel. Die Stadt ist sehr schön, der Lido prachtvoll mit herrlichen Villen und Blicken. Nach dem Essen Fahrt bis Florenz von 14 – fast 24 Uhr! Zwischendurch Abendessen, wie oftmals im Speisewagen. Was gab es da wieder zu sehen! Wir 4 paßten aber auch auf und sahen sogar den schiefen Turm von Pisa. Nur wie es dunkel war, ruhten wir.

Ein Autobus fuhr uns in ein hakenkreuzfahrengeschmücktes Hotel. Wir bekamen ein prächtig geschnitztes Schlafzimmer u. schliefen soo gut. Am folgenden Morgen, Ostersonntag, kam die Rundfahrt durch diese Kunststadt, Dante Haus, Dom, Kirchen, Galerien, alles wunderbar schön, meist gotische Kunst. Nach dem Essen ging es im Autobus nach Fiesole, oben auf einem der 7 Hügel, die die Stadt umgeben. Hier liegt das <u>alte</u> Florenz, wie die Ausgrabungen zeigen und das Museum. Von einigen Kaffeegärten aus war der Blick auf Florenz herrlich. Zurück fuhren wir noch durch viele schöne Anlagen. Am Abend tranken wir noch mit einigen aus unserem Hotel in einem Lokal ein Glas Bier und am nächsten Vormittag waren wir im Palast de Pitti, wo Hitler wohnen sollte, dort sahen wir die wunderbaren Bilder, Gobelins, eingelegte Tische u. Schränke und was es nur an Kunst gibt. Die Ufficien zeigten uns ebenso wertvolle Bilder, und dann hatten wir genug Kunst genossen! Nun gingen wir noch einkaufen, vernähten die Sachen noch zwischen Hemd und Korselett, aßen zu Mittag, kauften ½ Liter Wein, 2 Pfund Apfelsinen und einen großen Kaffeekrug für die Heimreise. Gegen 6 fuhren wir ab und um 9 Uhr früh waren wir in Basel. Nirgends konnten wir Näheres erfahren!! Die Kontrolle war mehr als gründlich! Alle Schmutzwäsche wurde nachgesehen, da ist vielen Angst und Bange geworden! Abendessen hatte es im Zuge gegeben und nun sollte es noch Mittagessen geben, damit war Schluß! Und so viele Menschen hatten nicht vorgesorgt u. bekamen auch in Basel nichts! Wir haben uns beeilt und bekamen Kaffee u. 1 Schinkenbrötchen in Basel. So half uns unser Kranzkuchen bis 10 Uhr abends durch und wir konnten noch abgeben.

Nun habe ich 3 Tage lang Euch von Italien erzählt und so viel ist nicht gesagt.

Meine Geschwulst an den Beinen ist viel dünner geworden, auch nicht mehr so rot. Am Mittwoch gehe ich zum Arzt, ich denke, dann ist es gut. Ich habe mir den Po auch schon platt gelegen.

Schickt diese Schilderung doch an Anneliese und Walter dann weiter! Ich hätte diesen Erguß gern wieder!

Und nun herzliche Grüße, auch von Vater, der einholt.

Mutter.

Ein Küßchen fürs Ingelein.

 

veröffentlicht am 7. Juni 2015 um 19.34 Uhr
in Kategorie: Lolly Merten

Ein Kommentar »

  1. […] habe an Hans einen langen Italienbericht gesandt, den soll er euch schicken u. ihr schickt ihn dann an uns zurück! Hans fragte natürlich, […]

    Pingback by » Di 14.06.1938, Brief von Lolly an Anneliese: “Die Zeit erfordert den Kampf, da muß auch jeder Einzelne für sich kämpfen“ 77jahre — 3. Januar 2016 @ 12:24

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