Fr 20.05.1938, Brief von Lolly an Anneliese: „Schweineherz und Lunge, neue Kartoffeln und Rhabarberpudding“

eingestellt von am 20. Mai 2015 |

Charlottenburg, d. 20. Mai 38.

Meine liebe Anneliese,
war das ein lieber langer Brief! Vielen Dank. Wir hörten gern mal wieder aus Schwelm. Es waren alles Neuigkeiten. Grete Fischer schrieb mir, daß Emmy wieder 4 Wochen im Krankenhause lag. Uns tut der Mann bald mehr leid als Emmy, aber auch sie bedauern wir recht. Das ist ja tatsächlich kaum eine Ehe. Emmy war eben nie gesund.

Euch war Schwelm eine nette Abwechslung, die Euch Nackens ja besonders schön machten. Das Wetter war auch hier prächtig. Wir tranken in Schildhorn Kaffee. In der Woche am Dienstag konnten wir im Kränzchen auch noch in der alten Fischerhütte draußen Kaffee trinken, dann regnete es und war kalt.

Zum „weit“ laufen fehlt mir noch die Luft, einstweilen ist mein Bedarf gedeckt! Vater bekommt morgen das „goldene Verdienstkreuz“! Da gibt es ein festliches Mahl bei uns: Schweineherz und Lunge, neue Kartoffeln und Rhabarberpudding. Und am Nachmittage nehme ich meinen Mann an den Arm und trinke mit ihm irgendwo fein Kaffee. So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage!

Am Montag muß ich viel Buntes waschen. Unsere Fenster sind alle geputzt. Die Herta kommt noch immer 1-2 mal in der Woche, sie ist frech wie Oskar, aber ich habe sie nötig. Neulich meinte sie: „Haben Sie den Kaffee gekauft?“ oder: „Ach, den Eimer bringen sie wohl selbst runter, da geht noch was rein!“ Aber ich fand es richtiger, wenn die Herta dies tat!

Ich habe einen sehr hübschen, dunkelblauen Hut, der gestern der Hilde auch so gut gefiel. Das arme Ding humpelt so im Hause rum, mehr hüpfend als auftretend. Dies Mädchen, was aushilft, war gerade in die Stadt, um Besorgungen zu machen. Ich konnte ihr dann noch Kartoffeln aus dem Keller holen und allerlei abnehmen. Hilde erzählte über viel Ärger mit den Schwiegereltern. Hans will einen Schuldschein haben über die 4-5000 M, die er ins Geschäft gegeben hat und aufs Erbe verzichten, weil er sonst die Schulden mit erbt. Den Kauf des Nebenhauses haben Jeskes fallen lassen. Herr Jeske war sehr krank, das Herz setzte aus und Evi lag an Grippe. Da sind Hans u. Hilde, vor Ostern, zu Pflege dagewesen in den schlimmsten Tagen. Die Dora hatte sie gerufen! Nun ginge es aber wieder. Hilde nähte sich einen sehr schönen Strandanzug. Das Geld flutscht der Hilde doch sehr durch die Finger, der Haushalt kostet viel Geld!

Vor Pfingsten bekommst du ein Paket, mein Liebes, darin ist dann auch das Kleid, das noch wie neu ist! Frau Franzen verreist und hat mir ihre N.S. Kulturgemeinde Theaterkarte zur Verfügung gestellt. Nun versuche ich darauf am Montag eine Karte fürs Opernhaus zu bekommen, hoffentlich glückt es. Am Montag kommt der Plan raus und es ist Ausgabe.

Gehst du auch möglichst viel spazieren? Hast du wen, der mitgeht? Du schriebst doch von einer S.A. Frau. Wir sind froh, daß du den Arm noch massieren läßt, nun wird es ja gut werden. Und Walter wird es auch gut tun, daß es nicht nur Turnen gibt. Viel Arbeit wird dein lieber Mann schon haben, seine Fächer sind ja auch nur aufgebaut.

Die Holles können so schwer gute Stoffe zur Aussteuer kriegen. Ich habe der Elsbeth noch 6 Kaffeeservietten hingeschickt.

Zur Ahnensuchen, sehen wir eben, fehlt noch 1 Teil. Vater fordert den gleich an.

Herr Eunig will noch im Dienst bleiben nach der Pensionierung. Seine Kinder kosten ja auch erst noch Geld, er hat zu spät geheiratet und seine Frau hat 3 Operationen hinter sich und was hat der Sohn gekostet! Der junge Franzen geht nun noch 4 Wochen nach Frankreich, von dem in Irland ersparten Gelde. In London usw. war er 4 Wochen. Er findet den Irländer sehr herzlich und den Engländer arg zugeknöpft, – ein großer Gegensatz wäre es.

Die Tochter von Frau Wegrich liegt schon wieder an Herzschwäche, beide Eltern sind dort.

Unser Kränzchen wird kaum standhalten, Frau Franzen und Frau Zimmermann können nicht fertig werden. Ich verstehe mich gut mit den Beiden. Frau Franzen ist soo vornehm und betut sich gern und Frau Zimmermann ist oft rücksichtslos und kann grob werden, wo es auch anders ginge. Frau Z. sagt: Dafür bin ich aus Westfalen!

Nächste Woche sollen mich Tante Winnys Schwestern zum Kaffee besuchen Am Mittwoch kränzchen wir im Terrassen Restaurant Wannseee, fein was?

Läufst du nicht mal mit Frau Muffe u. Kind spazieren, – wenn du sonst keinen Anschluß hast?

Wir freuen uns schon auf euren Ferienbesuch!

Nun einen schönen Sonntag und herzliche Grüße euch beiden von
Vati und Mutti

veröffentlicht am 20. Mai 2015 um 12.21 Uhr
in Kategorie: Lolly Merten

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