Mo 16.05.1938, Brief von Lolly an Anneliese: “Gott sei Dank regt mich so etwas garnicht auf“

eingestellt von am 16. Mai 2015 |

Charlbg., d. 16. Mai 38

Meine liebe Anneliese,

nun ist Vati zum Kegeln gegangen und ich schreibe an unser Kind. Vom Vati soll ich herzlich grüßen und er hätte rote Backen, einen Braunkopf und ein Bäuchlein! Im Amte wäre es sehr nötig, da viel Personal auf Urlaub ist und einige Stellen in seinem Referat nicht besetzt werden können, weil einfach kein Personal mehr abgegeben werden kann von den Ämtern. Ennig ist nun auf Urlaub, wenn er wiederkommt, geht Donath. Das Referat besteht noch, ist etwas umgemodelt vorläufig. Die Kollegen haben sich gewundert, daß Vati wiederkam, aber Vati fühlt sich im Dienste noch ganz wohl. Präsident Hunsmann hat Dresden ausgeschlagen, er zieht in die Kuno Fischerstr., hat noch Urlaub und läßt sich dann wohl pensionieren; Geld ist reichlich vorhanden, da einmal das große Los gewonnen wurde. Er ist 63 Jahre alt.


Drenkmanns Danksage kam und darauf stand die Tochter als verheiratet. Ich schrieb dir doch, daß Herr D. tot ist. – Wir waren von Samstag mittag bis vor einigen Stunden ohne Elektrisch, wir hatten Kurzschluß. Ein toter Strang auf dem Flur, dessen Existenzberechtigung nicht nachgewiesen werden kann, hatte durch Erschütterung einen Draht der Lichtleitung berührt. Am Sonnabend romméten wir bei Grunaus am Abend und am Sonntag saßen wir mit dem Silberleuchter au der Loggia. Eben kam Herr Zimmermann und wollte uns „ins Licht zu ihnen“ holen und freute sich mit uns, daß die Störungsquelle gefunden war. Morgen gehe ich mit Frau Z. u. Herrn Zs. Schwester, die zu Besuch ist, spazieren, Frau Franzen wird auch mitkommen. Scheyrichs sind bei der Tochter in Stendal. Welkers [?] wohnen schon in Naumburg. So wie ich kann, besuche ich die arme Hilde und nehme schönen Kuchen mit. Ich muß nämlich zum Zahnarzte, ich habe mir oben die Goldbrücke durchgebissen, sodaß ein Zahn mit Gold aus der Brücke rausfiel. Gott sei Dank regt mich so etwas garnicht auf.

In der nächsten Woche kommt am Freitag u. Samstag Frl. Schody und macht mich fein, zwei Zellmuffelinkleider werden gearbeitet. Mein helles Muffelinkleid paßt mir nicht mehr, ich schenke es dir und auch einen halbfertigen Kittel, der etwas geflickt ist, aber du nimmst ihn gewiß gern. Zu Eurem Hochzeitstage habe ich schon etwas gekauft.

Ja, und gestern standen feine Pralinen auf dem Kaffeetische und rosa Geranien für den Balkon und der liebe Briefträger brachte mir viele Ingebilder und aus Iserlohn so was Schönes und liebe Briefe und dafür danke ich so recht, recht herzlich. Walters Adresse möchte ich auch gern haben und wissen ob man Studienrat oder Assessor schreibt!

Wir freuen uns recht, daß du in Iserlohn mit Walter Abwechselung hattest. Es ist gewiß schade, daß wir nicht schon in Wuppertale wohnen und du oft jetzt bei uns sein könntest. Wenn du aber nach Berlin kommen möchtest, so wartet dein Bett schon alle Tage auf dich!!

Am 20. Mai vor einem Jahre war meine Operation. Wie viel wohler fühle ich mich doch jetzt als damals. Wo waren wir aber auch überall in diesem Jahre! Zuerst die Erholung im Isargebirge und dann die große Rundreise: Kassel, Frankfurt a. M., Wiesbaden, Elbf., Schwelm, Iserlohn, Elberfeld und die vielen Ausflüge und zuletzt nach Hannover. Dann die wunderbare Italienfahrt und die Fahrt durch die Schweiz mit alle den unvergeßlichen Schönheiten. Nun die Erholung in Halle, wo wir so gern gesehene Gäste waren und der Lauf durch den Harz.

Eben schreibt Tante Lieschen, die wir in Salzdetfurth treffen wollten. Leider telefonierten Schyers ab, da Tante Lieschen den Neffen in Hameln mit pflegen sollte. Der etwa 20 jährg. hatte eitrige Mandelentzündung und ist erst jetzt auf Besserung. Tante Lieschen schreibt, sie sei totmüde von den Anstrengungen. Schlagers laden uns für 4 Wochen ein!! Wir haben aber unser Reisehöschen ausgezogen und bleiben schön zu Hause.

Nun will ich dir noch von unserer Reise erzählen. In Halle schliefen wir von 0 – 8, oft durch, ich auch! Am Vormittag half ich im Haushalte und trocknete nach Mittag noch Geschirr ab. Dann gingen wir los. Im Walde blühten Anemonen, Schlüsselblumen u. Veilchen und die Wiesen waren voller Sumpfdotterblumen und Schaumkraut. Einfach herrlich. Wir waren nach Salzdetfurth, 3 Stdn. Wegs, diesmal den ganzen Tag. Zweimal zum Jägerhause, zum Wohldenberge, nach Schloß Söder, zur Heidemühle, zum Büser Jagdhause usw.

Tante Meta hatte herrlichen Zuckerkuchen gebacken und so schöne Semmel. Wir haben der Elsbeth 20 M für die Aussteuer geschenkt u. den Jungens 5 M. Auch hatten wir für jeden etwas mitgenommen. Leider lagen Meta u. Karl einige Tage recht erkältet. Da war Tante Meta so dankbar, als ich etwas für sie sorgte. Elsbeth ist Gauführerin und viel unterwegs. Da sind wir dann am Sonntag daheim geblieben, als die Kinder fort mußten. Eine Kranke gebraucht mal frische Wäsche oder mal eine Tasse Kaffee und daran denkt eine 16jährige noch nicht. Für die Harzwanderung bekamen wir dann ½ Pfund Butter, eine Wurst und Brot mit, auch eine Flasche Kaffee, so kam die Sache garnicht teuer. Vom Brocken haben wir die klarste Aussicht gehabt, einfach wundervoll! Vom Torfhaus zum Brocken war noch dickes Eis auf dem Wege und an den Seilen hoher Schnee. Aber auch nur auf diesem Wege war noch Winter und schweres Gehen. Der Abstieg nach Harzburg war prächtig. Im Molkenhaus, 1 Stunde vor Harzburg, tranken wir in der Sonne Kaffe, – ebenso am folgenden Tage am Romkerfaller Wasserfall. Wir freuen uns, daß wir diese Wanderung so gut geschafft haben. Wir sind eben noch nicht alt! Unsere Bekannten hier würden solche eine Wanderung nicht schaffen. –

An der Jungfernheide werden etwa 20.000 Wohnungen gebaut für alle, deren Wohnungen des Bahnband wegen geräumt werden müssen. Nun wird auch dort ein Postamt gebaut werden müssen.

Ich fürchte ja, wir werden auch schwer eine Wohnung im Wuppertale bekommen, wenn auch viele Freunde für uns suchen.

Morgen will ich Frau Z. mal fragen, ob von ihren Altenaer Bekannten niemand eine 3 Z. Wohnung abgeben könnte. Haben Pinckhards dort keine Bekannte?

Geh nur ja viel raus, mein Annelieschen, mach es dir so gemütlich wie möglich! Unzufriedenheit ändert nichts. Du weißt: Es soll ja noch was Schlimmeres geben! Die Hilde käme gewiß auch lieber zu dir als daß sie da liegt! Was hat denn Georg gesagt? Ich brauche nichts mehr einzunehmen, alles geht prima. Tante Meta trinkt nüchtern 1 Glas warmes Wasser mit 3 Löffel voll Zucker, das hilft gut und wurde vom Arzt verordnet.

Ilse Rufarth hat ein Auto und fährt jeden Tag nach Halberstadt zur höf. Handelsschule. Der Otto ist konfirmiert und soll in des Vaters Geschäft.

Übrigens wollen Onkel Karl und Tante Meta im Septbr. nach Italien. Am 1. Oktober geht Karl zum Militär und Elsbeth soll zum 1. Janr. in eine Haushaltsschule für 1 Jahr. Der 9jährg. Hermann ist der geborene Bauer und soll den Hof bekommen. Karl will Lehrer werden oder zum Arbeitsdienst gehen oder Abitur nachmachen und studieren, nur kein Bauer bleiben.

Frau Selle hat Gürtelrose und kommt um vor Jucken. Frau Franke hat unsere Wohnung so gut betreut. Klein Wolfi schellt zwei mal an und nimmt „Fau Merten“ eben mal in den Arm!

Mein Hafergarten blüht. Aus Halle habe ich mir rotblättriges Schlinggewächs mit weißen Blüten mitgebracht u. eingepflanzt.

Die Ahnen sind alle beieinander, Vati schickt sie dir. Kohlen sind erledigt!

Und nun für heute Schluß, Liebes! Viele herzliche Grüße für dich und Walter und Euch beiden vielen Dank.

Mutti.

auto ? de
Eine

veröffentlicht am 16. Mai 2015 um 12.00 Uhr
in Kategorie: Lolly Merten

Keine Kommentare »

Leave a comment