Fr/Sa 18./19.03.1938, Brief von Lolly an Anneliese: „Das muß ein Erlebnis sein!“

eingestellt von am 18. März 2015 |

Charlbg., d. 18.3.38.

Meine liebe Anneliese,
vielen Dank für den Brief. Sei nur recht vorsichtig mit deinem Arm!

Da wird Euer Plätzchen wohl irgendwo in Westfalen liegen. Es ist möglich, daß die Nachricht erst nach den Ferien kommt.

Präsident Hünsmann hat an der Riviera die Versetzung nach Dresden zum 1. März! bekommen, kommt also w. garnicht nach hier zurück, – schade. Sein Nachfolger ist ein hiesigeer OPR. Ritsch, ein alter Kämpfer. Vater hat nun 15 Bestrahlungen und Massagen bekommen. Vom 1. ab hat er seine 3 Wochen Urlaub, weil er nicht krank nach Italien fahren kann. Wenn es nötig ist, fahren wir im Juli nach (bei) Bad Elinsberg.

Wir waren in der Charlbg. Oper und Gärten, wir erlebten: Evangelimann von Kienzl, herrlich!

Heute morgen berichtete Frau Zimmermann von der Einholung des Führers, sie ist vor dem Luftministerium bald ganz aus Fasson gedrückt! Wir sahen uns gegen 3 „unter den Linden“ an, da war die Wilhemlstr. voller Menschen. Vater brachte mich dann die Potsdamerstr. rauf zu Damms. Der Hans ist angestellt. Werner hatte gerade seine Eisbude wieder eröffnet. Damms Geschäft geht wieder gut, nur sind die Zutaten knapp. Ich denke, Werner übernimmt mal das Geschäft. Die Ilse wohnt nicht mehr bei Damms!

Ja, wir spucken mal in den Vesuv und machen nach Befinden, viel mit, – wenn wir Devisen bekommen. Die Hauptsache ist ja erst mal, daß wir Österreich haben!

Wie schön, daß Hedwig so gut durchkam und auch erst einmal nähren kann, das ist ja am einfachsten.

Sonnabend morgen weiter.

Nun hörten wir gestern die Reichstagssitzung im Restaurant am Wittenbergplatze an. Wir wollten noch mal mit Feldwischs zusammensein. Herr Zimmermann kam auch, seine Frau hatte, von lieber Hand, eine feine Karte für den Reichstag bekommen. Das muß ein Erlebnis sein! Morgen sind wir bei Zimmermanns, da wird viel Schönes erzählt werden. Jetzt wollen wir Bratkartoffeln, Bückling und eine Gurke essen (meine sind noch tadellos) und dann nach Wannsee fahren. Wir laufen auf dem neuen Wege, am Wasser lang, nach Nikolaskoe und dann durch den Glienicker Park nach Babelsberg.

Mein Hausputz ist ganz fertig! Am Montag kommt Fr. Schody. Wie schön, daß du Rock u. Jäckchen aus dem Samt bekommst. Frau Veltwisch hatte gestern meinen neuen schwarzen Mantel in blau an (dieselbe Stoffquelle), sie hat selbst genäht und 1 mtr. Stoff mehr verbraucht als Fr. Schody! Sie ist größer als ich, das dürfte aber höchstens ½ mtr (1,60 m breit) ausmachen!

Die Ausstellung „entartete Kunst“ soll Quatsch sein, alles Sachen, die man schon abgebildet sah und im Augenblick läuft man durch – also sparen wir die 50 Pfg.

Michels Geburtstagspaket schicken wir vorher ab, sie bekommt hell graublaue Wolle zum stricken eines Kleides und Höschens für Inge (alte Waare [sic]!) Zum Hochzeitstage schreiben wir dann aus Italien. Gestern hörten wir allerdings, es wäre Devisensperre. Wir fragen in einigen Tagen mal an im Lit.

Wann ist Schulschluß, bis wann? Dann lauft aber tüchtig im Wald und Sonne rum, – Ihr wißt nicht was kommt! Es wäre ja auch nicht schlimm, wenn ihr einen Umzug selbst bezahlen müßtet, wenn euch die Stadt gefällt Darüber kämt ihr auch weg, die Hauptsache ist doch, daß Walter angestellt wird!!

Nun wünschen wir Euch beiden einen recht schönen Sonntag und grüßen Euch herzlichst!
Vater u. Mutti.

1 neuer Ahne ist gefunden durch Ernst Heidelmann, Linden, Innungsobermeister!

veröffentlicht am 18. März 2015 um 12.51 Uhr
in Kategorie: Lolly Merten

2 Kommentare »

  1. Zwi Druckfehler:Die Ilse wohnt sicht mehr bei Damms!
    Mmontag

    Es ist schon merkwürdig, wie normal das Leben ein Jahr vor dem Weltkrieg verlief. Über die „Entartete Kunst“ durfte man wohl nichts Negatives schreiben.

    Comment by Jürgen Galka — 20. August 2015 @ 23:03

  2. Vielen Dank für die Hinweise

    Comment by SG — 25. August 2015 @ 08:07

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