Sa 12.03.1938, Brief von Lolly an Anneliese: “Bekannte bekommen erst im Mai Devisen und haben im November angemeldet“

eingestellt von am 12. März 2015 |

Charlbg., d. 12. März, 38.

Meine liebe Anneliese,
nun alles wieder in Ordnung gebracht ist, was der Kaffee gestern aus der Reihe brachte, sollst du erst den Sonntagsgruß haben. Der Nachmittag war anregend und gemütlich. Der Appetit war, danke, recht gut. Für morgen, wenn Zimmermanns bei uns skaten, habe ich schon wieder Kuchen besorgt. Gestern stand Hünsmanns Versetzung nach Dresden im Blatte. OPRat Ritsch wird Präsident. Er ist Bayer und alter Kämpfer. Vater wird in einer Woche wohl ärztlich fertig sein und dann noch 8 Tage krank bleiben und anschließen seinen 3 Wochen Urlaub einreichen. Vielleicht fahren wir im Juli noch mal ins Bad, nach Reinsberg [?], wenn es nötig ist. Herr Eunig vertritt ja so gut, – und gern?

Wir sind ab und zu im Grunewald gewesen, müssen uns aber immer zwischendurch ausruhen. Das Kaffeetrinken, selbst nur 1 Tasse, ist doch recht teuer, haben wir festgestellt! Zur Zeit ist aber auch dies nötig, wir buchen es als „Kranksein“!

Unsere Wohnung ist jetzt herrlich warm in der Sonne, wir gebrauchten so wenig Heizungsgeld, mit dem neuen Ofen.

Die Ahnensuche läuft. Vater hat nach Linden an Ernst Heidemann und nach Holle geschrieben. Ein Pfarrer konnte uns Angaben machen, wo eine Urahne getaut wurde und so werden wir wohl auf Umwegen zum Ziel kommen.

Vater ist so gemütlich, der Tag geht immer schnell vorüber. Mein Boden und Keller sind auch gehausputzt. Nun werden zu Pfingsten die Gardinen vorn und in deinem Zimmer gewechselt. Den kleinen weißen Kleiderschrank, der in der Küche stand, ist als Kleiderschrank für Euch hergerichtet, mit einer Stange für die Bügel und steht auf dem Flur.

Hilde kam gestern nur für 1 Stunde. Hans mußte unvorhergesehen nach Leipzig und kam erst am nächsten Tag zurück und mußte gleich vom Bahnhofe ins Geschäft gehen. Nun hatte er angerufen und gesagt, daß er um 6 zu Tisch käme. Da kam die treue Seele, brachte mir Eier, öffnete, brachte Kaffee rein und ging wieder, mit Butter und Kuchen bepackt. Ob aus der Reise zu Euch etwas wird? Vielleicht ja im Mai, dann wollen wir ihr Haus hüten.

Ob wir wohl die Italienreise machen können, Bekannte bekommen erst im Mai Devisen und haben im November angemeldet. Ich lege den Prospekt unserer Reise ein, ich habe nur den einen. Unsere Reise geht durch die Schweiz. Sollte es jetzt nicht klappen, dann klappt es das nächste Mal. Wir behalten die Ruhe. Viel Devisen gebrauchen wir ja nicht, man soll etwa 30 M nebenbei nötig haben.

Vorher bekommt ihr beiden noch ein Paket!

Dein Arm, liebe Anneliese, macht uns Sorge! Kommt das ganz von selbst oder balgt ihr euch wohl mal? Oder schadet die Gymnastik zur Zeit? Ist da nicht vorübergehend eine Bandage nötig? Du kannst auch jederzeit dich bei uns ruhen und hier behandeln lassen! Der Walter wird schon mal fertig, wenn es sein muß. Sollte alles klappen, mache ich dir gern den Umzug!

Heute abend sind wir im [unleserlich] bei den [unleserlich]. Am Montag gehen wir ja ins Charlbg. Opernhaus. Am Mittwoch trinke ich bei Damins Kaffee, Marie Michaelis ist endlich zurück. Am Freitag trinken Zimmermanns und wir mit Velterischs den Abschiedsschoppen am Witttenbergplatz. Also über Einerlei brauchen wir nicht zu klagen.

Meine Morgenhilfe sucht eine mehrmalige Wochenstelle, ich traure ihr nicht nach, sie ist langsam u. sehr dreist! Sie will aber gern 1x kommen.

Frau Selle filzt nun schon 7 Wochen mit dem Gichtfuße, sie ist immer glücklich, wenn ich mal 1 Stdn. rüberkomme.

Bei Wittes haben wir im Skat gewonnen. Viel über die Reise erfuhren wir nicht, außer Essen und Trinken. Tante Else ist recht dick geworden, hauptsächlich im Gesichte, das macht nicht vornehmer. Nackens schrieben auch an uns begeistert, Krauses aus Schwelm sind mit da, aber Ski wird nicht gelaufen.

Mit [unleserlich] habt ihr gewiß viel Freude gehabt. – Dein bestseidenes Jacket ist hochmodern!! An Hedwig haben wir geschrieben. Auch euch beiden gratulieren wir zur neuen Würde. Wie heißt denn das Kleinchen?

Nun müssen wir aber essen und dann geht’s raus in die Sonne. Zum Kaffee sind wir wieder hier. Dem lieben Walter und dir herzliche Grüße von
Vater und Mutti.

veröffentlicht am 12. März 2015 um 11.41 Uhr
in Kategorie: Lolly Merten

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