Mi 02.03.1938, Brief von Annelieses Eltern an Anneliese und Walter: “die Schüler machten Notabitur, da dort der Bau der Nord-Südachse beginnt“

eingestellt von am 2. März 2015 |

Charlbg, d. 2. März 38.

Ihr lieben Beiden,
für Deinen Brief, lieber Walter, vielen Dank. Wir freuen uns herzlich mit euch über diesen Erfolg und hoffen, daß alles klappt. Inzwischen meldest du dich aber gewiß weiterhin auf freiwerdende Stellen, damit du auf jeden Fall Aussicht hast, angestellt zu werden. Wohin ihr kommt, muß ja gleich sein. Eine Stelle ist schon irgendwo für dich da! Da hattet ihr ein freudiges Kaffeetrinken im Franzosenhohl, wo es ja auch so schön ist.

Vater wurde heute wieder arg behandelt. Mit einer Luftpumpe wurde der Knoten hochgesaugt, damit er besser geknetet werden konnte. Auch Rheuma ist eine eklige Sache. Am Donnerstag, also morgen, in 8 Tagen wird Vater voraussichtlich wieder den Dienst beginnen. Die vielen Spaziergänge in der Sonne haben Vater ein so rosiges Gesicht gegeben, daß ich mich immer wieder über meinen „jungen Mann“ freue. Eben hat Vater meine frischen, aufgefärbten Zuggardinen im Schlafzimmer angebracht. Unser Hausputz ist schon halb geschafft. Das Buffet wird Vater noch mit auskramen und wir werden dann zusammen alles Porzellan säubern. Am Freitag klopft Gerda die Läufer, seift das Badz. sauber (das sie wohl vergessen hat!) und macht das halbe Zimmer sauber. In der nächsten Woche wird noch gebohnert. Ich muß bis dahin noch alle Bilder sauber machen. Die Gardinen in den Vorderzimmern wechsele ich erst Pfingsten. In „Annelies Zimmer“ sind die Fenster noch sauber, die bleiben noch hängen. Morgen früh wird ein Rohrbruch in unserer Küche repariert, der aber sofort bemerkt wurde und nur eine kleine Stelle an der Decke durchnäßt hat. Hoffentlich muß die Decke nicht aufgeklopft werden, wo gerade die Küche sauber ist!

Unser Konzertabend war so wunderschön und jeder Platz besetzt. Im E[unleserlich]andersaal sahen u. hörten wir neulich: „Das steinerne Herz“ von Grimm. Es wurde vorgetragen, gespielt, gesungen u. musiziert, von Musikschülern. Am Montag in 8 Tagen sind wir in der Charlbg. Oper, wir hören: der Evangelimann. Frau Franzen besorgte mir die Karten durch die Kulturgemeinde für 9,85 M im Parkett. Dazu hat mir die Schneiderin gestern mein blaues Kleid gemacht. Leibchenrock u. Bolero, darunter eine Seidenbluse ohne Ärmel, blau, graublau u. gold. Noch schöner ist mein Mantel geworden, für mein Persianercape, also ohne Kragen. Für dich, Anneliese, habe ich reine Wolle in blau zum Mantel, Futter besorge ich noch. Frl. Schody näht ihn dir hier und du kannst ihn im Übergang gut gebrauchen. (Weihnachten bekommst du ihn dann abgezogen!)

Am Sonnabend sind wir abends bei Wittes und heute, am Mittwoch, trinke ich bei Frau Zimmermann Kaffee.

Berlin hat euch scheint‘s gern, es plant für August viele große Sachen; ich finde dies sehr aufmerksam! 3 höh. Schulen in Tempelhof herum, mußten ganz schnell geräumt werden, die Schüler machten Notabitur, da dort der Bau der Nord-Südachse beginnt. Im Grunewald ist es viel lichter geworden, überall sind sonnige Flächen entstanden, mir gefällt es jetzt viel besser.

Lilo schrieb mir, daß sie den 10 jährg. Hochzeitstag im Scherler feiern wollten, sie möchten sich mal auslassen. Am Sonntag werden wohl Zimmermanns bei uns sein, sie trafen uns am vorigen Sonntag, unangemeldet, noch nicht an. Wir tranken in der alten Fischerhütte Kaffee, es war unheimlich voll!

Frau Selle filzt und hinkt rum mit furchbaren Schmerzen im Fuße, es soll Gicht sein. Nun sitzt sie schon 6 Wochen in der Wohnung. Wir besuchten sie neulich und am Freitag will ich mal wieder gehen und ihr eine Blume hintragen.

Der weiße Schrank von dir (Großmutters) steht nun in der Küche und der dort stand, wird Brennholz für den nächsten Winter. So bauen wir allmählich ab.

Borries suchen eine 2 Zimmer Wohnung mit Heiz., sie darf aber nicht teuer sein. Die Wohnung über uns kostet 110 M Friedensmiete – und unsere kostet 90 M!

Und nun erzählt uns viel im Sonntagsbriefe, worauf wir uns immer so sehr freuen.

Ist Hedwig noch nicht durch? Putzt sich das kleine Mädel noch?

Bei uns gibt’s Wirsing, Kartoffeln u. einen Wurstrest (von Winy!), dann gehe ich zum Friseur und trinke den „dünnen“ Kaffee bei Frau Zimmermann.

Und nun herzliche Grüße und einen guten Erfolg!
Mutti

In anderer Handschrift:
In Mutters Augen werde ich scheinbar immer schöner – na ich will es aushalten. Im übrigen bin ich mit mir zufrieden. Euch beiden will ich wünschen, daß eure Hoffnungen wahr werden damit ihr eine bleibende Statt habt. Wird’s nicht, na dann das nächste Mal.
Beste Grüße.
Vater.

veröffentlicht am 2. März 2015 um 11.23 Uhr
in Kategorie: Lolly Merten, Paul Merten

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