Mo 24.01.1938, Brief von Michel und Hans an Hans‘ Mutter: “wollt Ihr den Sorgen des Hausbesitzers aus dem Wege gehen und lieber eine bequeme Mietwohnung nehmen?“

eingestellt von am 24. Januar 2015 |

Frankfurt/Main
24. Jan. 38

Liebe Mutter!

Zu Deinem Geburtstage wünschen wir Dir von Herzen viel Schönes und Gutes, vor allem ein gesundes neues Lebensjahr mit deinem Liebsten – und eine ganz herrliche Italienreise mit heiter Sonnenschein! Unser Ingechen läßt „Hei die da“ sagen, das gedeutet sicher etwas ganz Besonderes für ihre liebe Oma. Und dann kommt noch etwas Besonders von unserem Schätzlein: Der erste Zahn ist da! Das war am Sonntag eine Freude! Fast hätten wir die Ankunft garnicht bemerkt, – ich spielte mit dem Kind, und als es lachte, sah ich zufällig etwas kleines Weißes im Unterkiefer: Den Zahn! Das war eine Freude, unbeschreiblich – ohne alle Schwierigkeiten war er urplötzlich da. Frau Dietrich konnte nicht fassen, daß ich es morgens beim Stillen nicht gemerkt hatte, aber ich spüre dieses winzige Zähnlein auch jetzt nicht, wo ich doch weiß, wo es sitzt.

Hoffentlich gefallen dir die Schätze, die wir für dich erstanden haben, liebe Mutter: Das Buch ist deinem Wunsche gemäß von Penner und Anther [?], es wird dir sicher Freude machen. Die bunten Serviettenringe sind für Gäste gedacht und haben sich bei uns als sehr praktisch erwiesen. Die Pralinen unserer Hoflieferanten möchten dir gern gut schmecken.

In anderer Handschrift:
Jetzt habe ich Mutter und Tochter an die Luft befördert. Mutter Michel hat einen kurzen, aber tiefen Mittagsschlaf getan; inzwischen habe ich Ingelein unterhalten, z. B. mit Stehübungen, die sie so sehr liebt, daß sie mit Gewalt wieder auf den Boden gesetzt werden muß, wenn die erlaubte Minute vorbei ist. Jetzt sind die beiden zum Kaffee zu einer Kollegenfrau.

Nun wünsche ich dir, liebe Mutter, auch das Allerbeste und viel Schönes im neuen Lebensjahr! Hoffentlich wird es vor allem ein Jahr vollkommener Gesundheit für Euch beide werden. Und dann wünsche ich Euch herzlich, daß der große Entschluß der Umsiedlung nicht gar so schwer fällt, und daß die Lösung in jeder Hinsicht befriedigt! Wie weit sind denn die Pläne gediehen? Wollt Ihr Euch mit dem Geld, das aus Hannover zu erwarten ist, nicht irgendwo selbst etwas bauen? Oder wollt Ihr den Sorgen des Hausbesitzers aus dem Wege gehen und lieber eine bequeme Mietwohnung nehmen? Schreibt doch mal darüber! Oder ist das alles noch nicht spruchreif?

Wir wünschen auch Walter und Anneliese recht bald die endgültige Anstellung und den wohlklingenden Titel. Wenn sie erst „Studienrath“ sind, wird sich hoffentlich auch mal eine Dienstreise bis Iserlohn ausdehnen lassen!

Der „Brandstifter“ im letzten Fall war ungelöschter Kalk, der als Düngemittel (gemahlen) durch plötzliche Feuchtigkeit (Wäsche und Nässe bei Kälte) sich selbst entzündet hatte.

Nun also einen recht schönen Geburtstag, liebe Mutter! Dir und dem lieben Vater viele liebe Grüße!

Hans, Michel und Klein Inge.

veröffentlicht am 24. Januar 2015 um 12.10 Uhr
in Kategorie: Hans Merten

Ein Kommentar »

  1. […] Hans fragt immer wieder an, wo wir vom 1. Oktober an bleiben. Wir warten ab, wie es mit unserem Hause wird und bleiben vorläufig hier in der Wohnung und sehen uns in Ruhe um. Unser neuer Ofen heizt so sparsam, Tag u. Nacht durch. Morgens sind immer 18° und mehr! Die Küche ist auch erträglich durch die Eskimoplatte, die die Feuerung anhält u. spart! Die Wohnung ist sehr billig gegen alle anderen. Im Ofen stehen dauernd 2 Teekessel und 1 Topf mit heißem Wasser, sodaß ich nicht 2 Mark für Gas gebrauche. Bei Centralheizung, sagt mir Frau Zimmermann, ist es vor 10 nicht warm! Und die Gegend ist für Berlin sehr gut und dicht an der Stadtbahn. Hildes Haus betreuen wir gern, damit die Hilde fort kann, sonst ist das für Vater arg umständlich und ich muß auch oft reinfahren und für einige Tage Essen vorbereiten. Aber, du hast sicher Freude, wohl Anneliese? […]

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