Mo 27.12.1937, Brief von Annelieses Eltern an Anneliese: ”So hilft einer dem anderen und das nennt man Volksgemeinschaft“

eingestellt von am 27. Dezember 2014 |

Charl.bg., d. 27. Dzbr. 37

Lieber Walter und Anneliese,

nun ist das sehr schöne Christfest vorüber, es hat uns schöne Stunden und viele Freude gebracht. Eine besondere Freude empfanden wir beim Auspacken Eurer reichlichen Gaben, die mit so viel Liebe ausgewählt und eingepackt waren. Das Paket kam zwar erst am 1. Festnachmittag um ½ 3 an, wir wollten uns gerade umziehen, um nach Klein Machnow zu fahren. Wir waren aber nicht enttäuscht am Christabend, denn als wir in Annel. Brief lasen, daß am Dienstag die Post abgegangen war, wußten wir, daß nur ein glücklicher Zufall uns das Paket schon am Christabend bringen könnte. Bei Umladung, wie es hierbei der Fall ist, muß ja alles zurückbleiben, was nicht in den Wagen geht, und somit muß man ruhig die doppelte Zeit rechnen. Nun habt aber recht herzlichen Dank, auch für alle Briefe. Besonders danken wir dir, lieber Walter, für deinen langen lieben Brief. Wir sind immer glücklich, wenn unsere Kinder zufrieden schreiben, unsere Kinder sind ja nun mal unsere Hauptsorge und Hauptfreude und wir erleben natürlich auch in der Ferne mit alles, was bei Euch und in Frankfurt Gutes und Böses passiert.

Wir […] am 1. Christtage Herrn Jeske […], er und Evi waren über Weihnachten bei den Kindern. Wir sollen herzlich grüßen. Die Unterhaltung mit dem klugen Mann war sehr anregend und wir fanden erst gegen 11 Uhr den Heimweg. Die arme Hilde hatte am Christabend grauenhafte Leib- und Kopfschmerzen gehabt und kurz zuvor war ihrem Auto ein anderes in die Flanke gefahren, etwa 60-80 M Reparatur. Nun freuten sie sich aber am „Nora“, den sie sich gegenseitig geschenkt haben und über die Schreibmaschine.

Gestern, am Zweitfeiertage, waren wir bei Domins mit Usles aus Potsdam zusammen. Es war äußerst gemütlich. Friedel Usle (die ja für Heinz zu lang war), ist seit einigen Monaten mit einem Arzte verlobt und die ältere Tochter, die mit Walter Iben verlobt war, diese Verlobung aufgab und dann einen Regierungsassessor heiratete, den sie vor der Geburt ihres Kindes verlor, ist wieder verlobt mit einem Amtsgerichtsrat. Die Schwiegereltern hatten Mutter und Kind sicher gestellt, mit 300 M monatlich. Nun hat sie im Hause der Schwiegereltern den jetzigen Verlobten kennengelernt. Nun sind 2 Hochzeiten im Hause Usle fällig, die aber beide ohne Feier sein sollen. Usles haben uns sehr gefallen, sie schwärmen von Potsdam. Am Christabend waren wir in der Kirche am Lietzowsee, indem 2 Christvespern hintereinander abgehalten wurden. Der Pastor war mir zu theatralisch.

Winny Schumaker schrieb mir so traurig, sie hätte am ganzen Körper Ausschlag gehabt und hinterher eine sehr starke, lange Erkältung. Sie glaubte nicht mehr die Arbeit leisten zu können und würde wohl aufhören. Über Weihnachten wollte sie ins Elternhaus fahren. Ob da alles gut endet? Ich verstehe den Verlobten ja nicht!

Mein Weihnachtsmann war äußerst nobel, ich war so sprachlos! Eine Persianer Mufflasche [?] und ein Opernglas bekam ich. (Eine Theaterkarte war nicht im Beutel, ich habe gleich nachgesehen!)

Zu „Theaterkarte“ hat Paul direkt an den Rand notiert: „Es sollte man bloß eine Abonnentskarte sein!“

Frankfurt schickte ein sehr schönes Kissen, gewebt aus ungesponnener Schafwolle und blau mit Ingelein im Bild. Und die schönen Holzuntersätze und Flaschendose, sehr fein!

Frau Zimmermann brachte mir Christnachmittag ½ Pfund Marzipangebäck und wollte hören, ob wir noch frei wären, dann sollten wir ja zu ihnen kommen, wenn auch Logierbesuch da wäre. Ich brachte am 1. Weihnachtsmorgen zu Graumanns einen süßen Gruß, weil sie allein waren. So hilft einer dem anderen und das nennt man Volksgemeinschaft.

Nun muß ich dir noch etwas erzählen, liebe Anneliese. Do solltest noch ein so großes Damasttuch haben. Es sollten rundherum 2 Hohlräume geschlagen werden und dabei ist es verunglückt, indem es in die Maschine kam. Am Rande war ein Dreieck gerissen und das Tuch voll Öl. Nun haben sie mir das Stück vom Rande abgenommen und das Tuch waschen und heißmangeln lassen. Beim näheren Nachsehen entdeckte ich gestopfte Stellen und reklamierte. Nun haben wir uns geeinigt. Ich behalte das Tuch und man hat mir eine kleine Entschädigung gegeben. Ich wollte nicht auf das Tischtuch verzichten, weil ich dies Leinen ja in absehbarer Zeit nicht haben kann. Ich hebe das Tuch für dich auf. Wer den Vorfall nicht weiß, sieht garnichts und du legst, wenn nötig, eine Decke in die Mitte. Bei der Sache blieb ich wieder, auch im Geschäfte, völlig ruhig, wenn auch bestimmt. Und über andere Sachen regt man sich so grenzenlos auf, man ist doch ein komisches Gemisch! Ich wünschte, ich hätte erst in allem diese Dickfelligkeit weg! Wir haben da einen unverschämten Brief von Karl Heyer bekommen, er schickte uns 75 M Zinsen, nach Abrechnung des Honorars für seine Verwaltung, die er höher beansprucht, als Dr. Servais. Von dem Gelde und den Zinsen, die er zu Unrecht einsteckte, die aber nachgewiesen werden können, sagt er nichts. Ich hätte ja Lust nunmehr die ganze Sache dem Rechtsanwalt zu übergeben u. diesem unverschämten Großmaul mal zu zeigen, wie er ist! Ich überlege mir noch, ob ich mir die Aufregung zumuten kann. So kriegt man immer mal wieder einen auf den Kopp, sonst würde man ja auch wirklich mal ruhig werden können und das soll wohl nicht sein.

Nun verlebt ihr schöne Tage in Bochum. Hoffentlich hat Hedwig auch etwas Freude am Feste haben können u. fühlt sich wohler. Grüßt mir alle Eure Lieben doch. Die schönen Schaufenster zeigen gewiß auch allerlei Neues, was es in Iserlohn nicht gibt und wir Frauen sehen das doch nun mal gern. Hier war Matsche in Klein Machnow, aber am 2. Festtage waren etwa 5° Kälte, – das war wohl meines neuen Muffes wegen.

Für Iserlohn wünsche ich noch viel Schnee zum Skilauf und für Walters hohe Stiefel! Und nun möge das neue Jahr für Euch ein recht Gutes werden, in jeder Beziehung! Wir gehen zur Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche und nach dem Essen vielleicht noch zu Graumanns. Wir freuen uns auf das neue Jahr sehr! Uns bringt es ja die schöne Italienreise, Vaters lange Ferien und gewiß doch noch etwas von dem schönen, was wir gern möchten.

So danke ich Euch noch einmal herzlich und sende viele Grüße!
Eure Mutter

In anderer Handschrift:
L. A. u. W.
Nehmt auch meinen herzlichen Dank für die Aufmerksamkeiten entgegen. ich werde mir Mühe geben, mit allem gut fertig zu werden. Bei dem Druck wird uns das sicherlich nicht schwer fallen. Vor dem Fest und während der Festtage war Mutter ganz gut in Fahrt; das Kaufen und Bescherung machten ihr Freude. Sie sieht gut aus und ist wohlauf – die Zahnsache scheint auch glimpflich abzugehen. Ich kämpfe mich weiter im alten Sinne u. Geleise. Nun alles Gute zum Jahresschlusse u. zum Neuen Jahr!
Herzlichst Vater.

veröffentlicht am 27. Dezember 2014 um 12.00 Uhr
in Kategorie: Hans Merten, Lolly Merten

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