Sa 18.12.1937, Brief von Annelieses Eltern an Anneliese: ”Rechts von der Chaussee sind Rasen, Radfahrweg und Fußgängerweg verschwunden“

eingestellt von am 18. Dezember 2014 |

den 18. Dzbr. 37.

Meine liebe Anneliese,

nun wird es ein Montagsgruß werden und zugleich muß ich dir sagen, daß unsere Pakete schon am Freitag früh angeliefert sind, weil Vati das nötig fand, des vielen Schnees wegen. Die Gute ist also hier geblieben und Vati möchte nicht, daß sie jetzt im Trubel zerdrückt wird. Dein liebes Niklaspäckchen war ganz schräg, die Dose war an einer Seite platt gedrückt, so geht es, wenn ein kleines Paket unten im Sacke liegt. Der Inhalt schmeckte, auch zerbröckelt, herrlich!

Wie schön, daß du Schi [sic] laufen konntest, ich wünsche dir noch oft das schöne Vergnügen. Heute feierst du also als S.A.-Frau Weihnacht, mal etwas ganz anderes. Wenn die Flickerei in diesem Jahre nicht fertig wird, dann ist im Januar auch noch Zeit dafür, die Hauptsache ist ja, daß alles heil und ganz gemacht wird. Ich habe auch noch allerlei auf deinem Bette liegen, das muß aber wahrscheinlich bis nach Weihnachten warten.

Wie gut, daß du nun allerhand eingekauft hast, was gekocht werden kann. Hemdentuch ist für Bettwäsche weniger geeignet, es schwitzt so schnell, dann lieber Damast, wenn es möglich ist. Ein Bezug sind 4 ¼ mtr. Ich höre mich auch um.

Mir wird noch der Vorderzahn plombiert mit Wurzelbehandlung, in Friedenau wieder, bei Dr. Wentorf. Am Montag muß ich schon 10 vor 8 da sein! Das Bohren tut da vorn recht weh, aber Weihnachten ist dann alles vorbei. Eben haben wir in der Kantstr. einen sehr schönen Baum gekauft, so groß wie Vati, für 1,80 M. Hier am Bahnhofe waren die Bäume so teuer!

Morgen, Sonntag, wollen wir von Bahnhof Tiergarten aus in die Stadt gehen. Rechts von der Chaussee sind Rasen, Radfahrweg und Fußgängerweg verschwunden, es wird eine sehr breite Straße gemacht. Wir wollen mal unter den Linden lang zum Weihnachtsmarkt vorbei in die Stadt bummeln. Hier draußen brennt nur bei Diels ein Tannenbaume, so ist nirgends Weihnachtsstimmung.

Am 2. Festtage sollen wir bei Domins Kaffee trinken, wir wollen mal sehen. Vielleicht laden wir Grünows zum 2. Abend ein, die sind allein. Die Tochter wollte mit Mann und Kind kommen und nun kam plötzlich eine Versetzung nach Eschwege zum 1. Januar, nun verbleibt die Reise aus dem Taunus nach hier.

Herr Domin hat wieder am Fernsprecher recht geklagt, das alte Leiden ist wieder so heftig, die Besserung war also nur vorübergehend. Der Heinz schriebe garnicht und würde auch nicht kommen, wo er den Wagen verkauft hätte. Ich hörte von Michel, daß den Heinz wohl was anderes in Frkf. hält, aber ich weiß das natürlich nicht!!

Wir wollen den Tannenbaum im Eßzimmer haben, am Fenster und ihn alle Tage erstrahlen lassen.

Und nun zu Euren Geschenken vom Berliner Weihnachtsmann. Für den lieben Walter gab er uns etwas besonders Schönes, es ist nicht von Firma Ahorn und Nußbaum, sondern von ganz gewöhnlichem Schaf, das ja zur Zeit das Allerbeste zu geben hat. Dein Kleid, liebe Anneliese, wärmt ebenso und das Tischtuch, 160-160 ist noch reines Leinen, kann also gekocht werden. Den Kittel habe ich dir selbst genäht, die Knöpfe kannst du vor der Wäsche rausnehmen. Alles was dabei liegt, wird schon gebraucht werden.

Das Allerschönste schenken wir uns selber. Wir haben uns für Italien angemeldet, vom 6. April ab, 13 Tage, bis Capri! Hoffentlich könnt ihr diese Reise schon mal eher machen (als mit 57/64 Jahren. (193 M mit allem.) Es wird für uns anstrengend sein, aber wir ruhen uns hier dann noch 8 Tage aus.

Und nun euch beiden viele herzliche Grüße, ein Weihnachtsgruß kommt noch.
Mutti.

In anderer Handschrift:
Liebe Anneliese u. Walter!

Ja nun steht Weihnachten wieder vor der Tür und der Weihnemann [sic] hat sein Möglichstes getan, die kleinen und großen Kinder zu erfreuen. Daß er dabei an einzelne Familienväter recht hohe Ansprüche gestellt, gehört wohl zur Sache und muß fest ertragen werden. Mutter hat sich jedenfalls recht bemüht, dem Knecht Rupprecht viele Wege abzunehmen. Hoffen wir, daß ihr das vollauf gelungen ist und daß die übersandten Kleinigkeiten (mehr oder weniger) Gefallen finden und Freude machen. Das Öffnen der Weihnachtspakete erst unter dem Weihnachtsbaum klingt ja sehr schön und feierlich – wenn man da aber feststellen muß, daß der Inhalt teilweise den Abschluß von der Reise nicht ganz gut vertragen hat, so ist das grämlich. Deshalb war ich für zeitige Absendung, die auch an sich zum Fest zumal bei der Abseitslage Iserlohns angebracht ist.

Wir wünschen zunächst viele Vorfreude und danach volle Erfüllung aller Freuden. Hoffentlich geht’s euch beiden gesundheitlich gut. Abgesehen von Mutters Vorderzahn sind wir gut auf der Höhe.

Viele herzl. Grüße
Vater.

veröffentlicht am 18. Dezember 2014 um 14.00 Uhr
in Kategorie: Lolly Merten, Paul Merten

Ein Kommentar »

  1. kleiner Schreibfehler:
    ein Tannenbaume

    Comment by Jürgen Galka — 27. Dezember 2014 @ 17:40

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