Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Di 29.08.1933, Brief von Walter an Anneliese: “Die Herren an der Bergschule sind sehr nett und hilfsbereit, leider wissen sie über Gesteinspetrographie nicht Bescheid”

Bochum, den 29. 8. 33.

Mein liebes Kind!

Über Deinen lieben Brief, der Sonntag morgen hier ankam, habe ich mich sehr gefreut. Es ist doch schön, daß Du vor unserer Verlobung noch Gelegenheit gehabt hast, eine tüchtige Erholungsreise zu machen, denn die Anstrengungen des bevorstehenden großen Ereignisses sind nicht abzusehen, wenn die Andeutungen Ruth’s wahr sind. Das schöne Wetter ist so recht angetan, die beglückende Stimmung auch äußerlich zu demonstrieren, die Natur scheint sich mit uns zu freuen.

Die Ringe glänzen unbeschreiblich schön in der Sonne, sie wollen nicht mehr lange im geschlossenen Kästchen in der Dunkelheit verweilen, sondern am Leben zweier sich liebender Menschen in Freud und Leid teilnehmen, das ist doch lieb von den Ringen, nicht wahr?

Über Deine Karte an Mutter und Mutters Karte aus Arnsberg haben wir uns alle sehr gefreut und danken Euch herzlichst. Gestern habe ich auf Vaters Wohl einen kräftigen Streifen getrunken, vielleicht hat ihm das linke Ohr dabei geklungen.

Die Arbeit geht gut, wenn auch langsam von statten. Die Firma Krantz hat auf mein Schreiben noch nichts hören lassen. Ich habe deshalb gestern aus der Schule alles in Frage kommende Material herausgesucht, und heute war ich den ganzen Tag in der Bergschule und habe mikroskopiert. Ohne Dünnschliffe werde ich wohl nicht auskommen. Der Spaß kostet vielleicht 20 Mark. Die Herren an der Bergschule sind sehr nett und hilfsbereit, leider wissen sie über Gesteinspetrographie nicht Bescheid, es geht aber auch so.

Morgen früh habe ich um 8 Uhr Privatstunde, und anschließend gehe ich zur Mädchenschule und dann zur Bergschule. Freitag beginnt das Silentium und Samstag komme ich nach Schwelm, worauf ich mich ganz besonders freue. Die Familie kommt, wie vereinbart am Sonntag nachmittag um 318 in Schwelm an.

Ich lege Dir die noch fehlenden Adressen bei. Vielleicht bist Du so freundlich und schreibst sie noch. Ich denke, daß es am besten ist, die Anzeigen so abzuschicken, daß sie am Samstag ankommen, denn viele möchten doch zum Verlobungstage von sich hören lassen, aber wenn Ihr anders meint, bin ich natürlich damit einverstanden. Bei Kohlmann fehlte ja nur noch Straße und Nummer. Falls Du keine Karten mehr übrig hast, schreib mir doch bitte sofort.

Was macht Dein Zähnchen?

Laß recht bald von Dir hören und sei 1000x herzlichst gegrüßt und geküßt von
Deinem happy Walter.

Viele Grüße an Mutter und Vater. Viele Grüße von Mutter, Hedwig und Karl.

Auf einem separaten Zettel:
Herrn Studienrat Kohlmann ++
Bochum, Wrangelstr. 33.

Herrn Herbert Sonntag
Frankfurt a. M.
Eckenheimer Landstr. 59

An das Kollegium des städtischen Oberlyceums, Bochum, Arndtstr. 29

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