Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Mi 26.07.1933, Brief von Walter an Anneliese: “Die Tragödie ist also vollständig zu Ende gespielt”

Bochum, d. 26. Juli 1933.

Mein liebes, gutes Kind!

Soeben habe ich Deinen lieben inhaltsreichen Brief erhalten und danke Dir herzlichst. Ein Unglück kommt nie allein. Ich bin wirklich froh, daß ich Samstag und Sonntag in Bochum geblieben bin. Am Samstagabend waren Hedwig und Hugo bei Wegners und haben dort Billard gespielt. Gegen 10 Uhr kamen sie heim und bei gemütlicher Unterhaltung haben wir noch bis 12 Uhr bei uns gesessen. Alles war in bestem Einvernehmen. Sonntag nachmittag wollte Hugo um 3 Uhr bei uns sein, wir wollten zusammen dann einen weiteren Spaziergang machen.

Aber wer nicht kam, war Hugo. Statt dessen kam unser Vetter Karl, der mit Hugo zusammen im Posaunenchor ist, und teilte uns mit, daß Hugo nachmittags um 6 Uhr auf dem Feste seiner Kirchengemeinde mitspielen wolle, um das Gelingen des Festes nicht zu gefährden. Am Montagabend wolle er zu uns kommen. Aber er kam nicht. Statt dessen kam Dienstag früh ein Abschiedsbrief von ihm; es wäre besser, daß jeder in seiner Kirche bliebe und daß das Verhältnis gelöst wurde, die Photographien schicke er ihr sofort zu. Ich war einfach sprachlos.

Um zu vermeiden, daß Hedwig den Lump mittags telefonisch anrief, mußte ich sie schon in Kenntnis setzen. Du kannst Dir den Kummer von Hedwig vorstellen. Dienstag nachmittag brachte ein Junge Hedwigs Photos und Hedwig Bücher zum Geschäft. Die Tragödie ist also vollständig zu Ende gespielt. Heute nachmittag haben Hedwig und Frau Wegner unsere Mutter abgeholt. Mutter ist auch ganz niedergeschlagen, daß Hedwig so etwas passieren muß. Einzelheiten erzählte ich Dir und Deinen Lieben noch am Samstag. Es ist doch wirklich traurig, daß man kam noch jemandem trauen kann.

Ich freue mich immer wieder, daß zwischen unseren Eltern und uns beiden volles Einvernehmen und Vertrauen herrscht. Wo Vertrauen und Liebe walten, lassen sich auch schwere Schicksalsschläge gemeinsam tragen und knüpfen die Bande noch enger. Wenn Hugo’s Liebe zu Hedwig nicht hinreichte, um die relativ kleinen Schwierigkeiten zu überwinden, dann ist er nicht wert, meine Schwester zu besitzen. Du wirst sicherlich genauso darüber denken.

Ich freue mich schon sehr auf eine Aussprache mit Euch über das Schicksal beider Familien und bin mit den herzlichsten Grüßen an Deine Lieben und Dich, auch von Mutter und Hedwig, and a big kiss for you

Dein Walter.

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