Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Fr 21.07.1933, Brief von Walter an Anneliese: “diesmal möchte ich mein persönliches Vergnügen doch zu Gunsten der Beruhigung von Hedwig zurückstellen”

Bochum, den 21. Juli 33.

Meine liebe Anneliese!

Deinen lieben Brief habe ich erhalten und danke Dir recht herzlich für ihn, zumal er so hübsch lang ist und die freudige Nachricht über allright bestandenes Examen enthält. I congratulate you with all my heart. Umsomehr kannst Du Dich nun in dem schönen Wetter auf dem Tennisplatz erholen, was Dir recht gut tun wird.

Ich muß Dir leider die traurige Mitteilung machen, daß ich Samstag nicht kommen kann. Als ich gestern abend spät nach Hause kam, ich hatte noch experimentell in der Schule vorzubereiten, fand ich Hedwig in traurigster Stimmung weinend vor. Die Eltern Hugo’s machen dem Jungen wegen der Kirche und des Posaunenchors soviel zu schaffen, daß er nicht mehr weiß, was er tun soll. Hedwig möchte nun gern, daß ich sie in dieser schwierigen Situation nicht allein lasse und hier bleibe. Vielleicht kann ich dazu beitragen, den beiden die trüben Gedanken etwas zu verscheuchen und vielleicht eine Aussprache über die heikle Frage herbeiführen und Klarheit und Beruhigung herbeiführen. Hugo soll natürlich nicht erfahren, weshalb ich nicht nach Schwelm fahre. Du weißt ja, wie gern ich zu Euch komme und wie sehr ich mich immer darauf freue, aber diesmal möchte ich mein persönliches Vergnügen doch zu Gunsten der Beruhigung von Hedwig zurückstellen, wenn es mir auch nicht gerade leicht wird. –

Wann Mutter zurückkommt, weiß ich noch nicht. Vielleicht kommt sie nächsten Samstag oder Sonntag. Mutter wird ja demnächst schreiben. Ich freue mich schon sehr auf die großen Ferien. Das Silentium wird wohl ruhen, denn fast alle Schüler fahren weg. Hoffentlich komme ich dann zur Mineralogie. Ich zähle schon die Unterrichtsstunden, die ich bis zum 18. noch zu verzapfen habe.

Deine französischen Studien scheinen große Fortschritte zu machen. Wenn ich im Silentium eine Neusprachlerin brauchen sollte, werde ich an Sie denken, gnädiges Fräulein.

Soeben ist Hugo angekommen, obwohl er eigentlich heute nicht erscheinen wollte. So ganz gefährlich wird es nicht werden, denn die Stimmung ist ganz gut.

Verzeih bitte, daß ich morgen leider nicht kommen kann, es tut mir selbst weh genug. Schreib mir recht bald wieder, bleib hübsch gesund und grüß Deine lieben Eltern vielmals von Hedwig und mir und sei selbst herzlichst gegrüßt und geküßt

von Deinem Jungen.

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