Di 04.07.1933, Brief von Walter an Anneliese: “Am 1. habe ich mein erstes Geld bekommen”
eingestellt von SG am 4. Juli 2010 |
Bochum, den 4. Juli 33.
Mein liebes Kind!
Am Donnerstag habe ich sehr auf Dich gewartet, aber unser Kind kam nicht. Freitag erhielt ich dann Deinen Brief, für den ich Dir herzlichst danke. Bei uns ist jetzt Reisestimmung. Karl ist schon halb in Bayern. Er fährt Samstag früh. Mutter fährt Montag nach Amelunxen, Walter fährt Samstag nachmittag um 517 Uhr nach Schwelm. Ich glaube, der Junge freut sich von allen noch am meisten, dem muß es doch in Schwelm gut gefallen, denn die Anneliesa [sic] ist auf dem Plan.
Boy will have many a big kiss. Ich bin wie üblich, gegen 7 Uhr in Schwelm und freue mich schon ganz “schrecklich” darauf. 14 Tage sind doch eine lange Zeit. Bis dahin wird noch tüchtig gearbeitet, und das macht mir auch Freude. Am 1. habe ich mein erstes Geld bekommen, 33 Mark für den halben Monat. Die Abzüge werden erst verrechnet und das nächste Mal mit abgehalten. In den Ferien bekomme ich auch das “Gehalt”, was mich sehr angenehm berührt.
Ich habe die Absicht, das Silentium in den Ferien offen zu lassen und nur eine Woche zu schließen, damit das Sparen für Hedwig nicht ins Hintertreffen kommt. Hoffentlich beteiligen sich genügend Schüler, daß es sich auch lohnt. – In der Schule geht es ganz gut. Ich fühle mich sowohl bei den Knaben wie auch bei den hübschen kleinen Mädchen ganz wohl, denn sie sind alle brav und folgsam comme il faut. Die Unterrichtsvorbereitung nimmt ziemlich viel Zeit in Anspruch. Damit diese Arbeit mir für spätere Jahre zugute kommt, arbeite ich jede Stunde auf einem Blatt aus und versehe es mit dem entsprechenden Datum. Falls der Direktor Ostern wissen will, was ich in dem Jahre durchgenommen habe, kann er sich orientieren und bekommt von meiner Tätigkeit nicht den schlechtesten Eindruck. Für manche Stunde brauche ich 2-3 Stunden Vorbereitung. Diese Woche habe ich noch 5 Stunden zu geben: 3 Stunden Physik, 2 Chemie. Nach Möglichkeit will ich diese Woche schon etwas für nächste Woche vorbereiten, damit ich den Samstag und Sonntag in Ruhe mit Euch verleben kann.
Bei Euch herrscht sicherlich reger Betrieb. Hans und Maria sind da und vielleicht auch meine Freundin Ilsa. Für Mutter und Dich bedeutet das viel Arbeit, die aber doch gern geschieht. Ich freue mich sehr darauf, Hans und seine fiancée wiederzusehen. (Auch kann ich lernen, wie fiancées sich zu einander verhalten. Ob die beide sich auch Küßchen geben? Oder sind wir beide bloß so naiv?) Hans wird sicherlich viel Interessantes von seiner Tätigkeit zu erzählen wissen und Maria auch. Die Ferien werden den beiden recht gut tun in dem schönen Wetter und der guten Schwelmer Luft, ich kann da aus Erfahrung sprechen.
Nun, mein liebes Kind, will ich schließen in der Hoffnung, daß es Dir und den Deinen recht gut geht und bin mit den herzlichsten Grüßen an alle und von allen und einem big kiss for you
Dein Walter.
Karl dankt Deiner lieben Mutter vielmals für den Artikel.
veröffentlicht am 4. Juli 2010 um 16.00 Uhr
in Kategorie: Walter Galka