Mi 03.05.1933, Brief von Walter an Anneliese: “als wohlbestallter Pauker in Schwelm niederlassen”

eingestellt von SG am 3. Mai 2010 |

Bochum, den 3. Mai 1933.

Mein liebes, gutes Kind!

Heute morgen, kurz vor meinem Aufstand, erhielt ich Deine beiden lieben Briefe. You are ever such a nice girl. Nach Münster zu fahren, hielt ich für unzweckmäßig, da Münster zuerst mal diejenigen Assessoren unterbringt, die im numerus clausus sind, die also schon mal voll beschäftigt waren. Ich hielt es für wichtiger, dem Schwelmer Chef zu schreiben mit der Bitte, mich bei der Umbesetzung der Stellen zu berücksichtigen. Der Brief ist heute mittag abgegangen.

Ich nehme an, daß Hasenclever mir sofort Bescheid geben wird, ob für mich irgend welche Aussicht besteht, eine der Stellen zu bekommen, ich hab ihn speziell darum gebeten. Wenn ich sofort nach Münster gefahren wäre, hätte man mich sicherlich gefragt, ob ich denn mit Hasenclever schon gesprochen hätte, und Hasenclever hätte sich übergangen gefühlt.

Wie schön es wäre, wenn ich mich als wohlbestallter Pauker in Schwelm niederlassen könnte, ist garnicht auszudenken. Ich könnte mein liebes Baby jeden Tag sehen, aber meine Hoffnung ist recht gering. Zunächst freue ich mich mal tüchtig auf den Samstag. Ich erwarte Dich um 901 am Südausgang. Wenn Du vom Bahnsteig aus die Treppe heruntergegangen bist, brauchst Du keine Treppe mehr heraufzugehen, um zum Ausgang zu gelangen.

Falls ich nicht am Bahnhof sein sollte, so warte bitte einen Augenblick. Es kann sein, daß ich die erste Stunde unterrichten muß. Die Stunde schließt nach Bahnzeit um 850 Uhr. Es kann sich aber nur um 2 Minuten handeln, dann bin ich bestimmt da. Warte dann bitte vor dem Ausgang (draußen an der Straße) unter der Uhr. Nachmittags werde ich mich freimachen.

Wir gehen zusammen zur Schule mit Rudi, ich schau kurz nach dem Rechten und geh wieder. Beim Englischen kannst Du mir eventuel [sic] noch etwas helfen. Wir werden die beiden Tage jedenfalls ganz nett verbringen. Samstag nachmittag werden wir, falls wir Luft haben, zum Tanzen gehen. –

Den Ehrentag Deines lieben Vaters habe ich durchaus nicht vergessen. Soviel ich wußte, ist er am 6. Mai und ich habe es Dir in Schwelm auch noch gesagt, ohne Widerspruch zu hören. Die Hauptsache ist jedenfalls, daß ich es jetzt genau weiß. Mutter, Karl und Hedwig freuen sich auch schon sehr auf unser Kind. Die Bilder sind doch sehr nett geworden; kommen die anderen noch oder sind sie verwackelt? Bring sie doch bitte mit.

Nun, mein liebes Baby, will ich schließen, denn es ist schon recht spät, und morgen früh muß ich zur ersten Stunde dasein.

Bleib hübsch gesund, komm gut nach Bochum und halt recht lieb Deinen Jungen, der Dich herzlichst grüßt und küßt und Dich sehr auf das Wiedersehn am Samstag freut.

Dein Walter.

Viele herzliche Grüße von und zu den Lieben.

330503s

veröffentlicht am 3. Mai 2010 um 22.00 Uhr
in Kategorie: Walter Galka

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