Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

So 26.03.1933, Brief von Walter an Anneliese: “die herrliche Zeit, in der wir unsere Gedanken mündlich austauschen können”

Schwelm, den 26. 3. 33.

Mein liebes Kind!

Nächste Woche um diese Zeit bin ich, so Gott will, bereits in London und zähle die Stunden bis zu dem großen Augenblick, wo ich Dich wiedersehe. Wie sehr ich mich freue und was in mir alles vor sich geht, kann ich garnicht beschreiben. Wenn man sich solange nicht gesehen hat, ist die Wiedersehensfreude dann auch wohl verdient. Für Deinen Brief, auf den ich sehnlichst gewartet habe, danke ich Dir recht herzlich. Da Du von Cut mitbringen nichts geschrieben hast, werde ich ihn auch zu Hause lassen.

Heute morgen war ich bei Bambergers. Es ist jetzt alles all right. Wir fahren Samstag früh hier ab und sind Samstag abend in London. Wo ich die erste Nacht zubringe, werde ich sehen, wenn ich dort bin. Auf jeden Fall treffen wir beiden uns Sonntag abend in London. Sei bitte so freundlich und beantworte diesen Brief sofort, damit ich Deine Antwort noch am Freitag bekomme. Schreib mir bitte, wo und um wieviel Uhr ich auf Dich warten soll, schreib mir auch die genaue Adresse von dem Hotel, in welchem Du Zimmer angemietet hast, denn bis jetzt hast Du mir das noch nicht mitgeteilt und ich würde sonst ja garnicht wissen, wohin ich gehen soll, und wir könnten uns garnicht treffen, und das wäre doch unsagbar schrecklich. Schreib also bitte sofort. Leni wird einige Tage, bis Ende der Woche, nach in London bleiben und dann nach Burleigh kommen.

Hoffentlich bleibt das Wetter so schön, wie es augenblicklich ist. Wahrscheinlich werde ich morgen Geld an Dich abschicken, wohl 100 Mark, damit ich nicht alles bei mir habe. Hoffentlich bekomme ich Enas Brief zeitig genug und Leni auch. Einen neuen Anzug werde ich mir nicht kaufen, damit wir mit dem Gelde nicht zu knapp werden. Ich ziehe einen blauen Anzug an und nehme noch den anderen blauen mit, 2 Paar Schuhe, 5 Oberhemden. Falls ich mit der Wäsche nicht auskommen sollte, lasse ich dort etwas waschen, denn allzuviel möchte ich nicht mitnehmen, nicht mehr als nötig ist.

Dies wird wohl der letzte Brief vor der Abreise sein, dann kommt die herrliche Zeit, in der wir unsere Gedanken mündlich austauschen können. Die Freude Deiner Eltern auf ihr Kind ist unbeschreiblich, das wirst Du wohl gut verstehen. Mindestens genauso freut sich Dein Junge, der Dich herzlichst grüßt und küßt bis auf das langersehnte Wiedersehn.

Dein Walter.

Sei so lieb und schreib bitte sofort.

In der Handschrift von Annelieses Mutter:
Ich gebe dem Walter ein Küßchen für Dich mit.
Mutti

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