Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

So 19.03.1933, Brief von Anneliese an ihre Eltern: “Ist doch ne ganze Masse Geld!”

Poststempel: Portsmouth & Southsea 745PM, 19 MAR 1933

Southsea/Porthmouth [sic]
28, Havelock Road
19. III. 1933.

Ihr Lieben,

nun sind wir also einmal wieder – und leider zum letzten Male für länger – in Southsea. Heute morgen haben wir einen 1 ½ Std. langen Spaziergang an der See entlang gemacht, d. h. Mr. Cox, Ruth und ich. Nachmittags habe ich dann Christopher ¾ Std. ausgeführt. Nun spielen die anderen Bridge – was ich übrigens nicht gelernt habe.

Nun zunächst einmal recht herzl. Dank für den schönen langen Brief, für Postkarte und Zeitungen; nicht zu vergessen das Logenbild, das mir viel Freude gemacht hat. Das kleine Schulkind-Lottchen ist ja niedlich!

Ob wohl der Walter heute bei Euch ist, ich muss viel nach dort denken. Och, ich bin garnicht traurig, wenn die nächsten 14 Tage herum sind. Ich hoffe, einen Brief von dem Jungen vorzufinden, wenn wir am Montag mittag wieder in “Burleigh” sein werden.

Am Mittwoch Nachmittag kam eine dicke Dame – oder war’s eine Frau? – zu Cox. Sie ist Deutsche – Westfale – und in Chandler’s Ford verheiratet. Sie ludt (o wie, wie wird denn das geschrieben?) mich für Donnerstag abend zum “Deutschen Club” nach Southampton ein, wo ich dann einen Vortrag über Schlesien hörte. Es war recht interessant, wenn auch nichts Besonderes. Die “Dame” ist mir nicht gerade sonderlich sympathisch, ich werde sie aber – ihrer wiederholten Einladung zufolge – noch einmal besuchen, denn dann wird sie auch Leni dort einführen und da lernt sie doch immer mal Deutsche kennen. – Leni fürchtet, daß sie bei ihrer Cousine nicht solange wohnen kann und will ev. einige Tage in einem kl. Hotel wohnen, ihre Eltern sollen es nicht wissen. Cox können sie aber vorher noch nicht gebrauchen, das ist ja auch zu verstehen. Einl. ein Brief für sie.

Gerti, Hans F. und Emmi tun mir herzl. leid. Was Emmi anbetrifft, so glaube ich ja, daß Eure Vermutung richtig ist, wenn so, dann tut sie mir noch mehr leid, sie ist doch eine der Allerbesten! Nett, daß Du sie mal einladen willst, Muttel. Wie war denn der “Große” bei Nackens? Frau B. muß es demnach ja nicht zu schlecht gehen!

Für Vaters Anfrage herzl. Dank. Ihr seid doch nett, Ihr macht es einem nicht schwer, um Geld bitten zu müssen. Die Fahrt von Southampton bis Cöln kostet etwa 55,- M, viel weniger wird’s ja auch leider bis Barmen nicht sein, denn die kleine Entfernung macht ja bei der ganzen Strecke nicht viel aus. Ist doch ne ganze Masse Geld! Aber der andere Weg würde auch mindestens auf 45,- M + 1 Nacht Übernachtung kommen. Schon heute vielen herzl. Dank, daß Ihr es möglich machen wollt. Na ja, und über das Empfangsgeschenk zerbrechen wir uns alle 6 hier den Kopf. Ich glaub, ich hab’s, ich sag aber nix. –

Na, bei Mertens wirds aber fein sein. Ob der Walter mir wohl ein paar Scheiben Pumpernickel mitbringen kann? Bist Du nun schon ne “Luise”, Mutti? Von Betty hab ich noch nicht wieder gehört, die hat auch sicher Angst, so schlimm haben es die Zeitungen hier gemacht! Allmählich werden aber mehr und mehr Stimmen laut, die einen Mann mit Hitler’s Tatkraft für England haben möchten.

Wie geht’s denn bei Tölkes?

Ich werde mir nun übernächste Woche noch Dauerwellen machen lassen, es geht jetzt wirklich nicht mehr und Ondulieren kommt zu teuer auf die Dauer, denn das hält ja bei dem jetzt feuchten Wetter nicht. Einen Rock habe ich mir auch gekauft, er wird noch passend gemacht. Er ist grau-kariert und kostet etwa 7.20 M, ich bin viel danach herumgelaufen. ich glaube, er wird sich gut tragen. Was mit meinem Mantel wird müssen wir erst einmal in Schwelm sehen. Ich freu mich auf Schwelm, wenn wir auch hier von meinem Weggehen nicht reden mögen. Ich soll auch immer zu Besuch kommen. Letzte Woche – als man hier soviel vom Krieg hörte – bat mich Ena, Euch beiden und Walter im Falle eines Krieges für unbegrenzte Zeit nach hier einzuladen. Ist das nicht lieb?

Nun Schluß; diese Schreiberei auf dem Schoß – ohne geeignete Unterlage – ist nicht gerade berückend.

Herzl. Grüße Euch beiden Lieben und all den anderen

Eure Anneliese.

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