Mi 15.03.1933, Brief von Walter an Anneliese: “Wesentliche Änderungen in meiner Gemütsart sind inzwischen nicht eingetreten”
Bochum, den 15. 3. 33.
Mein liebes gutes Kind!
Deinen lieben Brief habe ich mit vielem Dank erhalten und mich sehr gefreut, daß Du so schnell geantwortet hast. Daß Du ein wenig überrascht warst, kann ich wohl verstehen, aber ich glaube nicht, daß Du Angst vor mir hast und Dich fürchtest, mit mir allein zu sein, denn das wäre ja ein unnatürlicher Zustand und daß ich Dich von ganzem Herzen lieb habe und mich riesig auf unser Wiedersehen freue, weißt Du ja, und es würde Dir komisch vorkommen, wenn es anders wäre.
Das Buch “Helene Thielemann” kenne ich leider noch nicht. Nächsten Sonntag kann ich leider nicht nach Schwelm fahren, da mein Leibbursch und seine Braut sich angemeldet haben, und da kann ich schlecht absagen, da wir uns so selten sehen. Aber den folgenden Sonntag werde ich Deine lieben Eltern besuchen, das ist ja noch zeitig genug. Ein Päckchen für Dich werde ich natürlich gern mitnehmen.
Vielleicht ist es nicht gerade praktisch, einen ganz großen Koffer mitzunehmen, da die Sachen dann nicht fest darin liegen und herumschlackern. Aber wir können ja Anzug und Wäsche usw. in einen Pappkarton packen und werden auf diese Weise schon alles nach Deutschland befördern; darum brauchst Du Dir keine Sorgen zu machen. Es wäre ja fein, wenn Deine Annahme, daß wir in Paris auch allein sein können, in Erfüllung ginge. Etwas Schöneres, als mit Dir allein in der Welt herumzugondeln, kann ich mir garnicht denken. –
Ich war nun auch am Verkehrsverein und habe das Visum bestellt; morgen oder übermorgen ist es fertig. Auch habe ich mich nach den Zügen erkundigt. Ich kann um 733 in Bochum abfahren, bin um 1258 in Vlissingen und um 2038 (engl. Zeit) in London, Liverpoolstreetstation. Das wird derselbe Zug sein, den Du auch benutzt hast. Am 4. April gibt es nun Ferien, das ist ein Dienstag. Da ich Dienstag erst in der 4. Stunde Unterricht habe und um 10 Uhr Schulschluß ist, ist der 4. April für mich schon Ferientag. Montag habe ich sowieso frei. Samstag habe ich die erste Stunde. Am Sonntag den 2. April kann ich also getrost fahren, ohne etwas zu versäumen. Bestelle die Zimmer also bitte für Sonntag. Falls ich schon am Samstag fahren sollte, so schadet das ja nicht. Die eine Nacht kann ich ja schlafen, wo ich gerade bin, und Sonntag mittag ab 12 Uhr kann ich ja bereits in die von Dir gemieteten Zimmer einziehen, da der Tag im Hotel ja von Mittag bis Mittag rechnet. Wenn ich erst Sonntag kommen sollte, so treffen wir uns um 2038 auf dem Bahnsteig, und sonst erwarte ich Dich entweder im Hotel oder an einem von Dir vorgeschlagenen Ort. Ich meine, es ist so eindeutig. Du kannst also jetzt die Zimmer bestellen von Sonntag bis Dienstag. –
In 2 ½ Wochen sind wir also wieder zusammen, dann sind die langen, langen 10 Monate glücklich herum. Es kommt mir fast komisch vor, daß es jetzt bloß noch so kurze Zeit dauern soll. Ich glaube ja, daß wir keinen Tag brauchen werden, um uns aneinander zu gewöhnen. Wesentliche Änderungen in meiner Gemütsart sind inzwischen nicht eingetreten, da sich meine Lebensbedingungen nicht geändert haben. Wie es bei Dir ist, weiß ich ja nicht ganz, nehme aber an, daß nur Positives hinzugekommen ist.
Falls ich das betr. Buch nicht unbemerkt aus Deinem Bücherschrank nehmen kann, so erzählst Du mir halt, was darin steht, wenn wir zusammen sind. Wir werden schon übereinkommen.
Zur Beschäftigung mit dem Englischen werde ich wohl nicht mehr kommen vor der großen Reise, es wird auch so gehen, ich habe ja meinen Dolmetscher. Es tut mir wirklich leid, daß Du krank warst. Du sollst Dich doch nicht so anstrengen und überarbeiten! Hoffentlich bist Du jetzt wieder ganz gesund.
Vielleicht bist Du so lieb und denkst daran, daß Frau Cox die Einladung nicht zu spät abschickt.
Nun, mein liebes Baby, sei herzlichst gegrüßt und geküßt
von Deinem Jungen.
Viele fernmündliche Grüße von Mutter und Geschwistern. Viele Grüße an Familie Cox.
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[...] back from Southsea on Monday afternoon I found your letter and I thank you very much. I had been waiting- oh sooo much for it – why? because of my last [...]
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