So 12.03.1933, Brief von Anneliese an ihre Eltern: “man kann ja nichts vorhersehen”
Poststempel: Chandler’s Ford 12 MR [?] 33
“Burleigh”, Hursley Road, Chandler’s Ford, Southampton
12. III. 1933.
Ihr Lieben,
ach ist das heute herrliches Wetter. Sommerkleider haben wir an und gehen ohne Mantel in den sonnigen Garten. Und alles blüht so schön. Ich wünschte nur, es wäre so schön wenn Walter hier ist! Heute in 3 Wochen werde ich also aller Voraussicht nach nach London fahren und Walter vom Zuge abholen. Am Dienstag abend werden wir dann hier in “Burleigh” eintreffen. Betty habe ich schon letzte Woche etwa in dem von Mutter vorgeschlagenen Sinne geschrieben.
Vielleicht kommt sie garnicht nach all dem, was man hier in der Zeitung liest! Nun sagt einmal, wie ist es denn in Deutschland? Sieht es wirklich so schlimm dort aus, wie die Zeitungen es hier machen. Hier wartet man so ungefähr jeden Tag auf den Ausbruch eines Krieges in Europa – ich bin wirklich ziemlich unruhig. Und schickt mir doch bitte Zeitungen, ich warte sehr darauf. – Nun aber erst einmal herzl. Dank für Muttters lb. Brief. Aufs Logenbild freue ich mich, ist auf Trudchens garnichts zu sehen? Ich will mir diese Woche auch einen neuen Film kaufen. Vielleicht lasse ich mir hier Dauerwellen machen, bevor Walter kommt. Mein Haar sieht scheußlich aus und würde allerhand Ondulation haben müssen – ich bekomme es hier für 10,- M gemacht. Das Geld geht mir ja schwer ab, aber es muss sein. – Zu Frl. Seydlitz würde ich natürlich liebend gern einmal fahren!!
Ena und ich verstehen uns von Tag zu Tag besser, so ganz leicht wird’s nicht werden, wenn wir in ca. 5 Wochen ganz auseinandergehen müssen. Und Mr. Cox hofft auf ein Wunder, das mich zum Hierbleiben veranlasst. Und um Klein-Christopher haben sie schon richtig Angst, so würde der sich nach mir sehnen. Na, ist man nur alles halb so schlimm. Wie gehts denn bei Tölkes? Und was sagt der liebe Georg?
War Frau Wöinghaus da?
Sag doch Gerti bitte, daß ich vergessen habe, ihr auf ihre Frage zu antworten, ob sie nächsten Sommer (1934) als Haustochter nach hier kommen könne. Ena kann natürlich noch nichts Bestimmtes sagen. Gerti soll kurz vorher einmal anfragen. Ich glaube kaum, daß es was wird, denn Ena kann ja garnicht “ohne” sein. Aber immerhin, man kann ja nichts vorhersehen.
Wie gehts Emmi? Grüß sie herzlichst, dgl. Gerti und Leni und Mimi.
Am Freitag war ich in “Rom-Express“, sehr sehr guter Film, dann habe ich meine Uhr abgeholt (3,-) und meine Schuhe (2,-). Gestern wollte ich gerade mit Saubermachen anfangen, als Ena entdeckte, daß Mr. Cox seine Tennisschuhe vergessen hatte. Da bin ich ihm dann fix nachgefahren, war viel schöner als Reinemachen. Um 1h kam ich dann zurück und habe Ena einen großen Strauß Osterblumen (-,30 Pf.) mitgebracht. Möchtest Du auch einen? Natürlich gabs dann bis abends spät zu tun, nen Prachtkuchen habe ich gebacken.
Nun wollen wir eben mal eine Stunde Auto fahren.
Drum Schluß und herzl. Gruß
Eure Anneliese.
Noch keine Kommentare
Schreib' doch den ersten!
Schreib einen Kommentar: