Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

So 05.03.1933, Brief von Anneliese an ihre Eltern: “Wir haben die ganze Wohnung voller Osterblumen”

Poststempel: Chandler’s Ford, 6 [pm], 5 03 33

“Burleigh”, Hursley Road, Chandler’s Ford, Southampton

5. III. 1933.

Liebe Eltern,

heute hat die Bande mich nach dem Mittagessen alleine gelassen d. h. Christopher schläft und darum kann ich nicht in mein Zimmer und habe Euren Brief nicht zur Hand. Für Brief und Karte herzl. Dank. Ja, das war ein feiner Brief und wohl auch ein feiner Kaffee. Aufs Bild bin ich gespannt. – Ena wird nicht verreisen, es sind ja auch nur noch 4 Wochen bis der Walter kommt. Würdet Ihr dem Jungen wohl Georg-Pulver (kl. Schachtel oder mittelgroß), Schwarzkopf Haarpuder für blonde Haare u. Rheila Perlen mitgeben?

Und nun bitte Euren Rat: Letzte Woche bekam ich einen Brief von Frau Galka, die meine Häkelkunst bestaunt und annimmt, ich habe die Deckchen gearbeitet. Soll ich nun schnell bei Frau Schulz häkeln lernen? Oh, oh!

Euer Geld habe ich frohen Herzens und herzl. an Euch dankend denkend gestern mit Klein-Christopher abgeholt. Das bedeutet jedes Mal einen Spaziergang von gut 1 Stunde. Heute morgen bin ich mit Mr. Cox 1 Std. spazieren gelaufen. Auch für die Zeitungen danke ich schön, ach Ihr seid doch nette Leute! Die Wochenschau gefällt Cox sehr! Mir auch. Christopher und Jock (unser Hund) wollen mich beide nicht gehen lassen, so versichern mir Coxens alle Tage, ich geh aber doch. Von Betty bekam ich einen Brief, der vor Aufregung und Begeisterung übersprudelt. Ein Datum gibt sie nicht an, ich glaube, wir “müssen” alleine nach Paris fahren und sie kommt dahin nachgefahren. Ich freue mich ja so. Lotte Lüttje fährt diesen Monat heim; dort – in Rosehands – ist augenblicklich kein Mädchen u. 3 Kinder, brrr –

Schnee ist bei uns nur 1 Tag gewesen, wir sind hier ganz normal, sonnig und warm. Nächste Woche werde ich mir “Rom-Express” ansehen und übernächste Woche will Ena mit mir ins Theater. Es gibt “Zum weißen Rössl“.

Was kosten denn dort Dauerwellen bei unserem Friseur? Mein Haar ist vorbildlich glatt. Morgen habe ich große Wäsche d. h. nur meine Sachen, sonst wasche ich nicht.

Auf den Walter freue ich mich sooo und auch auf Euch – ach das wird fein werden. Ganz leicht wird allerdings das Weggehen von hier auch nicht werden.

Wir haben die ganze Wohnung voller Osterblumen, einfach herrlich.

Grävinghoffs sind mir unverständlich, die Emmi gehört in eine richtiggehende Fremdenpension. Für Gerti freu ich mich, wäre gern dabei. Na, später, man ist ja zum Glück noch jung.

Heute am Wahltag denke ich viel nach dort, leider ist unsere Antenne beim letzten Sturm entzwei gegangen, so kann ich nicht Berlin hören. Ich lese hier eifrig die Zeitung.

Vom 17. bis 20. März werden wir in Southsea wochenenden, fein nicht?

Wie war’s denn in der Loge? Und wie bei all den anderen Kaffeegebern, da war ja Hochbetrieb! Sieh doch zu, daß der Brief bis 2h im Kasten ist, falls möglich, abends habe ich immer viel länger Zeit zum Schreiben.

Der Junge schläft noch immer dank meiner “Zaubermagie”, die Ena immer anstaunt. Ich verrate ihr ja nicht, daß ich “Hochenglisch” mit ihm rede. Warum der kleine Kerl mich nur so gern hat, er muss doch immer tun, wie ich will.

Nun Schluß. Jetzt will ich mit Christopher zum Briefkasten, dann Tee machen für uns alle, denn dann werden die Coxens wohl antanzen. Denkt mal, die sind Tennis spielen, beneidenswerte Menschen. Hoffentlich kann ich bald in Schwelm spielen, wo mein Schläger so schön bespannt ist.

Recht viele Grüße

von Eurer Anneliese.

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