So 26.02.1933, Brief von Walter an Anneliese: „mit Gewalt läßt sich halt auch nicht alles erreichen“

eingestellt von am 26. Februar 2010 |

Bochum, den 26. 2. 33.

Mein liebes Baby!

Auch ich habe recht lange auf Deinen Brief warten müssen. Am Dienstag abend erhielt ich ihn. Mutter war auch schon unruhig, und wir dachten schon, daß Du krank seist. Ich wollte Dir gleich antworten, aber ich komme leider erst jetzt dazu. Ich habe wirklich so reichlich zu tun. Fritz Schlicker und ich arbeiten jetzt auch wieder für Mineralogie zusammen, seit Montag. Wenn auch die Fortschritte nicht gerade groß sind, so geht es aber doch voran. Fritz, der arme Junge, hat mitten im Semester aufhören müssen, da er kein Geld mehr hat.

Seine Schwester, 16 Jahre alt, hat nämlich einen Studiker im 10. Semester zum Verehrer. Bei seinem ersten Besuch bei Schlickers ist er gleich 2 Monate hintereinander geblieben und jetzt kommt er Freitag nachmittag von Münster und bleibt bis Montag abend. Auf diese Weise geht soviel Geld drauf, daß für Fritz nichts mehr übrig bleibt. – Wie Du ja weißt, verstehen wir uns sehr gut und arbeiten gern zusammen.

Für Mathematik habe ich inzwischen auch einige Aufgaben gerechnet und eingetragen. Das Silentium macht jetzt vor Ostern viel Arbeit. Jeder Schüler soll mitkommen, und wir müssen die faulen Kerle zur Arbeit zwingen, aber mit Gewalt läßt sich halt auch nicht alles erreichen. Für morgen muß ich noch für 12 Schüler Arbeiten zusammen stellen und mir überlegen, was ich meinen Oberprimanern morgen im Abendkurs für die mündliche Prüfung beibringe, die am 7. und 8. März stattfindet.

Neulich war ich am Verkehrsverein und habe mich über die Hauptsachen erkundigt. Das Auslandspaß Visum für einen Monat kostet nicht ganz 3 Mark. Vorher muß ich aber noch einen deutschen Paß beschaffen. Die Photos, die ich habe, sind nicht zu gebrauchen, ich muß ein richtiges Paßbild beibringen. Der Paß kostet 3 Mark. Morgen lasse ich mir Paßbilder machen. Das Visum werde ich mir hier besorgen, dann brauchen wir uns in London die Zeit dadurch nicht zu verkürzen. Den genauen Tag meiner Abreise kann ich jetzt noch nicht festlegen, da ich mit unserem Schef noch nicht darüber gesprochen habe, aber ich denke, spätestens am 1. April zu fahren. Ist es denn überhaupt nötig, daß das Zimmer schon vorher bestellt wird? Kann ich das nicht tun, wenn ich dort bin?

Ich freue mich ja schon so sehr auf die schöne Zeit, daß ich Tag und Nacht daran denke. Das Träumen von England ist ganz herrlich. Ich darf Dir garnicht erzählen, wie schön das Zusammensein mit Dir im Träume ist. Vielleicht wird das in Wirklichkeit noch viel, viel schöner und inniger, denkst Du nicht auch? Vielleicht ist unser Zusammensein in England von einer längeren Pause gefolgt, falls ich Ostern eine Stelle bekommen sollte. Einerseits wäre es zu begrüßen, auf der anderen Seite aber durchaus nicht. Was Liebe ist, vermag man erst recht zu erleben, wenn man sich solange nicht sehen kann, garkein Küßchen haben, garnicht mal umgefaßt, gedrückt und gestreichelt wird. In 5 Wochen ist es doch schon wesentlich anders. So Gott will, bin ich dann in London und warte auf Dich.

Einen neuen Mantel habe ich bereits, einen ganz feinen, der Dir sicherlich auch gefallen wird. Falls ich genügend Geld habe, kaufe ich mir auch noch einen Anzug und einen Hut. Ich möchte auch mal ganz fein sein.

Wie Du wohl weißt, stehen die neuen Wahlen vor der Tür. Die neue Regierung, auf die ich ja schon lange gewartet habe, hat ja die Absicht, den Kommunismus, den Marxismus und auch das Zentrum wirksam in ihrer internationalen Politik kalt zu stellen und für das deutsche Volk zu arbeiten. Im Rundfunk dürfen nur die nationalen Regierungsparteien sprechen. Die Begeisterung für den neuen Kurs ist wirklich ganz groß. Es ist damit zu rechnen, daß eine nationale Mehrheit bei der Wahl am 5. März herauskommt. Aber die Regierung bleibt auch, wenn dies nicht der Fall ist. Mann will lediglich feststellen, wieviel % des Volkes die Regierung stützen.

Nun, mein liebes gutes Kind, will ich schließen in der Hoffnung, daß Du recht bald wieder von Dir hören läßt und noch recht gesund bist.

Grüße Familie Cox vielmals von mir und sei selbst recht herzlich gegrüßt und 1000x geküßt

von Deinem Jungen.

Viel Grüße von Mutter und Geschwistern.

veröffentlicht am 26. Februar 2010 um 12.00 Uhr
in Kategorie: Walter Galka

3 Kommentare »

  1. […] to have it now and again many, many thanks for it. Well, I hope you notice that I am answering your letter very soon because I only got it the day before yesterday. Yesterday I received your mother’s […]

    Pingback by Do 02.03.1933, Brief von Anneliese an Walter: “I hope I shall be able to recognize you” — 77jahre — 2. März 2010 @ 18:06

  2. […] it’s better if I answer in English. I have been a little bit surprised after having read your letter but – never mind – we will see and let things get on and be happy, very happy that we shall be […]

    Pingback by Do 09.03.1933, Brief von Anneliese an Walter: “I have not told my mother and I shall not now” — 77jahre — 9. März 2010 @ 22:04

  3. „Aber die Regierung bleibt auch, wenn dies nicht der Fall ist.“

    Da hat er wohl recht behalten, denn eine absolute Mehrheit für die NSDAP wurde es ja rechnerisch nicht.

    Comment by Niels — 13. August 2010 @ 21:01

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