Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

So 12.02.1933, Brief von Walter an Anneliese: “ich möchte so gern voran”

Schwelm, den 12. 2. 33.

Mein geliebtes gutes Kind!

Wie Du siehst, bin ich hier in Schwelm bei Deinen lieben Eltern. Es ist mir doch immer eine Erleichterung und eine Freude, wenn ich mich hier in den Räumen bewege, die Dir so vertraut sind und mich mit Deinen Eltern unterhalten kann, die ihr Kind doch so schrecklich lieb haben. Wenn Du auch nicht hier bist, so bist Du doch der Mittelpunkt, und ich freue mich so darüber. Für Deine hübschen Geschenke und Deine lieben Zeilen danke ich Dir with all my heart. Wie sehr ich mich über alles gefreut habe, kann ich garnicht ausdrücken.

Ich will Dir nun aber auch mitteilen, warum ich erst heute schreibe, denn so langes Warten bist Du doch nicht mehr gewöhnt von mir, stimmt’s? Außer der übrigen Arbeit hatte ich noch manche Überarbeit, zumal ich auch die Grippe hatte und dadurch mancherlei nachzuholen hatte. Dienstag schreiben die Oberprimaner meines Abendkurses die mathematische Abiturarbeit. Statt 2mal habe ich deshalb 4mal in der Woche mit ihnen gepaukt. Dann habe ich mich um eine Mittelschullehrerstelle nach Bad Liebenwerda (Provinz Sachsen) beworben. Ich habe 14 Zeugnisabschriften beigelegt, die ich aber erst noch polizeilich beglaubigen lassen mußte. Lebenslauf und Bewerbung schreiben dauert auch Zeit. Da ich kein vernünftiges Lichtbild von mir hatte, habe ich mir 6 Bilder in Postkartengröße beim Photographen machen lassen. Du bekommst natürlich eins davon, wenn sonst auch niemand, da ich sie ja für Bewerbungen brauche. Verlangt wird für die Stelle Mathematik, Naturwissenschaften, erwünscht sind fremde Sprachen. Das wäre so etwas für mich. Am Montag will ich noch eine Bewerbung abschicken. Die Zeugnisabschriften habe ich bereits fertig, ich brauch sie bloß noch beglaubigen zu lassen. Dann muß ich noch den Lebenslauf und die Bewerbung schreiben. Bei dieser Stelle (Bad Essen bei Osnabrück) handelt es sich wieder um eine Mittelschullehrerstelle. Gefordert werden Naturwissenschaften und Turnen. Allerdings ist es nur eine Vertretung für ein halbes Jahr. (1. 4. – 30. 9.)

Beide Stellen sind für den 1. April ausgeschrieben. Die Gefahr, daß die Reise nach England dadurch gefährdet ist, besteht nicht, da die Schulen ja erst am 21. April wieder beginnen. Allenfalls könnte ich die Reise etwas abkürzen müssen. Jedenfalls wäre ich recht glücklich, wenn ich eine der Stellen bekäme, ich brauchte mich nicht so viel zu quälen, verdiente mehr Geld und hätte auch noch etwas Zeit, mich weiterzubilden, was mir jetzt fast versagt ist, und ich möchte so gern voran. Zum Verkehrsbüro bin ich auch noch nicht gekommen, das wird aber Dienstag, spätestens Mittwoch erledigt, es ist ja noch nichts versäumt bisher.

Die Leni werde ich nach London mitnehmen, aber abgeben werden wir uns mit ihr in London wohl nicht, denn dafür sind wir viel zu lange getrennt gewesen und wollen ganz unter uns sein; niemand soll unsere Wiedersehensfreude stören. Ich male mir schon immer aus, wie herrlich das wird. Das erste Küßchen nach so langer Zeit wird uns besonders gut tun, und dabei soll niemand Bekanntes uns beobachten und dicke Romane von erzählen. Die erzählen wir uns ganz allein. Deine lb. Mutter hat sich das auch nicht anders gedacht, als daß ich Leni wohlbehalten nach London bringe und damit meine Mission erledigt ist. Du bist doch auch damit einverstanden, ja?

Deine Mutter ist wieder so einigermaßen auf dem Damm. Ich soll Dir von ihr und Vater herzliche Grüße bestellen. Mit dem Buch hast Du mir wirklich eine große Freude gemacht. Ich habe es auch schon einmal gelesen. Das schöne Taschentuch gefällt allen, besonders natürlich Deinem Jungen.

Bleib recht gesund und munter und sei vielmals herzlichst gegrüßt und geküßt

von Deinem Walter.

Viele Grüße an Familie Cox.

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