So 12.02.1933, Brief von Anneliese an ihre Eltern: “Hier sind die Schneiderinnen schlechter im Arbeiten und so unverschämt”
Poststempel: Chandler’s Ford, 615 PM, 12 FEB
“Burleigh”, Hursley Road, Chandler’s Ford, Southampton
Sonntag nachm. 2. 2. 1933. Der Brief ist offenbar falsch datiert.
Ihr Lieben daheim,
3fachen Dank und recht herzlichen sogar 1.) für Brief, 2.) für das leckere! Päckchen, 3.) für das wertvolle Geld! Alles kam am Freitag morgen an. Daß die Besserung bei Mutter aber nur so langsam vorangeht, passt mir garnicht, läßt sich da denn nichts machen?
Ena geht es wieder besser, sie ist wieder mit Lust und Liebe bei der Sache und so sieht das junge Leben hier wieder heller aus. Und die Sonne strahlt dazu vom Himmel und es ist so warm, daß Kätzchen, Schneeglöckchen und Primeln in voller Blüte stehen. Wie ist es denn bei Euch?
Frl. Lütje bekam zuerst kein Geld, was jetzt ist, weiß ich nicht. Sie schrieb mir sehr lieb und glaubt, mir für nächsten Winter etwas in Paris besorgen zu können, sodaß wir evtl. zusammen fahren könnten. Nun sind’s nur noch 7 Wochen, bis der Walter kommt, ich freu mich schrecklich. Was sagt denn Schwelm dazu?
Von Betty habe ich schon über 1 Monat nichts gehört, ich glaube die hat Grippe. Außer dem Hause habe ich selbst bezahlt, sie sogar 1 oder 2 mal eingeladen.
Von Frl. Naujock höre ich garnicht und von Hedi Nurheimer [?] habe ich nie wieder etwas gehört, das ist aber besser so, wäre schade ums Porto. Von meinen 4 engl. Freundinnen höre ich immer zieml. regelmässig, das ist viel wichtiger.
Gestern war ich in Southampton im Kino. Das ist das billigste Vergnügen, kostet nur zwischen 50 Pf. + 1 M. Nett war’s, ich war aber auch 10 Tage lang nicht ausgewesen.
Klein Christopher frisst mich vor Liebe auf, seit ich ihn so tüchtig verhauen habe. Ena ist manchmal richtig etwas eifersüchtig und jeder, der kommt, sagt, wie sehr mich der Junge vermissen würde.
Dem Onkel Karl ist wohl nur mit der gleichen Unverschämtheit anzukommen, etwas anderes versteht der nicht.
Onkel Willy schreibt so herzlich wie nie. Gerda – seine Stieftochter – möchte “brennend gern” nach hier – am liebsten zu Mrs. Cox kommen. Gerda hat an mich geschrieben und ein Bild beigefügt. Ena hat gleich gedankt, es täte ihr leid, wenn die sich die Finger schmutzig machen würde und zudem würde sie sie nie mit ihrem Manne alleine lassen können. Na, das ist ja nicht unsere Sache. Ich werde ihr schreiben, daß ich wirklich nichts machen kann und vorschlagen in der “Dame” zu annoncieren. Ich werde natürlich anbieten müssen, es für sie tun zu wollen, werde es auch garnicht so ungern tun. Es wird allerdings wohl ganz nett teuer sein. Onkel Willy lädt mich herzlichst ein, sie im Sommer zu besuchen. Ruth Weyrich ist wieder zu Hause. Die kleine Gisela ist am 3. I. nun doch gestorben.
Ich danke Euch recht schön, daß Ihr Walter’s Buch besorgt habt. Ich hoffe, es gefällt ihm. Ich habe noch nichts von ihm gehört.
Zu Frau Döringhaus [?] musst Du wohl hingehen Muttel, lieber 3 als 1 mal, die ist den Ärger doch Wert. Hier sind die Schneiderinnen schlechter im Arbeiten und so unverschämt! Ich werde mir wohl noch einen einfachen Rock kaufen müssen, der blaue sieht zu gemein aus und den guten blauen möchte ich nur zur Jacke aufheben.
Nun will ich Tee machen, es ist schon ¼ vor 5h. Heute mittag gabs gebratenes Huhn m. Braten- + Brotsoße, geb. Kartoffeln, Rosenkohl, Sponge = Mürbeteigpudding mit gek. Pflaumen. Ia.
Herzl. Grüße u. steckt doch den Brief bis 12h oder 2h in d. Kasten, ja?
Eure Anneliese.
Bekomm ich mal Zeitungen + Wochenschau? Was macht Hitler?
Nun soll Frau Mucki nen Geburtstagsgruß kriegen.
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