Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Sa 04.02.1933, Brief von Anneliese an ihre Eltern: “Wenn’s doch nur gut gehen wollte!”

Poststempel: Chandler’s Ford, 6.15 PM, 5 FEB 33
“Burleigh”, Chandler’s Ford.
4. II. 1933

Meine lieben Eltern,

gestern abend (Freitag) bekam ich Mutters lb. Brief und danke herzl. dafür. Da wir morgen nachm. + abend Besuch bekommen, will ich heute gleich antworten. Ich bin heute den ganzen Tag alleine mit meinem kleinen Jungen gewesen. Nur 2 mal hat er sich vollgemacht und trotzdem ich schon perfekt im Saubermachen bin, habe ich ihn – allen englischen Erziehungsregeln zum Trotz – gehörig verwichst. Ich lasse auch Familie Cox ihr Kind erziehen, aber wenn er alleine mit mir ist hat er zu parieren – und tut’s auch. Er nimmt es einem garnicht einmal übel, wenn man ihn verhaut.

Ich danke recht für die Zeitungen und die Wochenschau, das war mal eine rechte Freude, die Bildchen u. Artikel zu lesen. Zur Wiederholung empfohlen. Gelesen habe ich alles gestern im Bett. So alle 3 Wochen habe ich nämlich Kopfweh und dann gebe ich mich etwas zu und lege mich entweder vor oder nach dem Tee ins Bett und schlafe mich aus, ach das ist schön und tut mir gut.

Was macht denn eigentlich Onkel Karl, Du wolltest mir doch einmal – ohne Dich zu ärgern – darüber schreiben. Ich habe Onkel Willy zum Geburtstag geschrieben und will auch an Lilo’s – am 13. II. – denken. – Von Rudi bekam ich einen ganz reizenden Brief – man muß nur mal in die Fremde gehen, wer dann alle[s] an einen denkt ist doch erstaunlich.

Armes Trudchen, ärmerer August, ärmste Jutta!

Lotte Lütje hofft für mich zum Herbst in Paris etwas arrangieren zu können. Sie wird wohl Ende dieses Monates heimfahren und wir wollen dann in Deutschland einmal über die Sache sprechen.

Ich freue mich so, daß es Dir wieder besser geht!

Der Film “Grand Hotel” war erstklassig, Mr. Cox und ich waren beide begeistert!

Die Artikel über Hitler hier in den Zeitungen lese ich mit größtem Interesse. Wenn’s doch nur gut gehen wollte!

Leni schrieb recht lieb – der Anfang war in unmöglichem Englisch. Na, es wird schon kommen, wenn sie man nur erst einen Dunst davon hat. Sie soll nur mit Walter nach L. fahren.

Nebel haben wir hier so herzlich wenig, daß es kaum der Rede wert ist. Ich bin mit dem Wetter, das ich bisher in England gehabt habe, mehr als zufrieden.

Frau Döringhaus habe ich kürzlich ne Karte geschickt, sorg nur, daß sie Dir mal was näht!

Von dem Sandkuchen hätte ich zu gern ein Stück gehabt. Ich habe überhaupt manchmal Sehnsucht nach deutschem Essen, aber viele Sachen sind hier schöner und davon werde ich Euch was vorsetzen. Heute mittag habe ich mir Rührei mit Schinken u. geriebenem Käse gemacht, Ia!

Ich möchte mir übrigens bevor ich nach Deutschland komme hier eine Art Zeitschrift bestellen, die jeden Montag kommt und im Monat 1 sh = 75 Pf + Pto = 4 x 7 = 30 Pf. kostet und die sehr gut ist. Was meint Ihr dazu?

Wie geht es Emmy?

Was sagt Ihr denn zu Ruth Schloß?

Nun will ich zu Bett gehen, es ist 10 ¼h und ich bin müde.

Hebt mir die Rezepte bitte auf. Was sagt denn Tante Mimmy?

Recht herzl. Grüße

Eure Anneliese.

Von Frl. Naujock habe ich lange nichts gehört, sie ist auf Stellensuche und hat vielleicht jetzt etwas Mr. Cox gab Auskunft über sie.

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