Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Mo 30. / Di 31.01.1933, Brief von Anneliese an ihre Eltern: “Dann habe ich die Zeitung gelesen, die von vorne bis hinten ‘hitlert’”

Poststempel: Southampton, 1 Feb 1933, 1 PM

“Burleigh”, Hursley Road, Chandler’s Ford, Southampton 30. I. 1933.

Liebe Eltern,

heute abend will ich doch schon einmal anfangen, wenn auch nicht viel Zeit übrig geblieben ist. Ob es der Mutter wohl besser geht? Ich denke viel an Euch und hoffe bald viel zu hören. Ich hoffe stark, daß Muttel sich zu Bett gelegt hat und sich ganz auskuriert!!! Mr. Cox ist auch kurz vor dem Sterben, er hat es aber bis morgen aufgeschoben, weil heute abend Bridge gespielt wird. O, ist das ein Hampelmann!

Die Ena macht mir Sorge, die ist mir heute morgen fast zusammengebrochen, d. h. mehr seelisch. Sie hat so Rheumatismus über den ganzen Körper, daß jede Bewegung zur Anstrengung wird und dabei arbeitet sie so tapfer. Sie hat so geweint heute morgen und das will bei ihr etwas heißen! Ohne ihre Energie wäre die totkrank. Ja, da will ich man alles tun, was ich kann, um ihr zu helfen, wenn’s auch manchmal viel wird. Viel lernen werde ich diese letzten Wochen nicht mehr, aber ich bin gesund, werde bald eine schöne Zeit mit Walter verleben und kann mich ja zu Hause ausruhen, wenn’s nötig sein sollte. Und die arme Ena muß immer hierbleiben. Es muss doch schrecklich sein, wenn man will und nicht kann. Und kein Absehen und da Mann und das Kind noch die ganze Kraft auszehren, natürlich ist da viel ihre eigene Schuld, aber das spielt ja in diesem Stadium keine Rolle. Ich gehe früh zu Bett und mache Freiübungen, damit ich auf dem Damm bleibe.

Für den Brief noch vielen Dank. Scheußlich kalt war’s hier auch und da habe ich meinen billigen, warmen Jumper mit viel Freude getragen. Was sagt die Mutti denn überhaupt zu meinen Einkäufen? Der Regenmantel ist mir heute – es ist weniger kalt und recht feucht – sehr zu Gute gekommen.

Wie ist denn der Geburtstag verlaufen? Auf den Heidelbeerwein freue ich mich.

Von Hans bekam ich einen sehr schönen Brief.

Geheizt haben wir tüchtig, aber es war doch fies kalt und den Steinfussboden in unserer Küche – zu ebener Erde – mag ich garnicht. Und Frost habe ich auch, gehe dem aber gehörig zu Leibe.

Und nun ist es Dienstag abend geworden und als ich um ½ 8h glücklich meinen Jungen im Bett, die gebügelte Wäsche im Schrank und ein anderes Kleid angezogen hatte – Ena + Mr. Cox sind heute nachmittag und abend aus – fand ich Mutters liebe Karte vor und die hab ich mit so viel Freude gelesen und mich dabei der Länge nach in den Sessel geflenzt. Dann habe ich die Zeitung gelesen, die von vorne bis hinten “hitlert”. Sieht es sehr ernsthaft aus. Der arme alte Hindenburg muss also wohl recht verzweifelt sein, daß er sich zu diesem Schritt entschlossen hat. Hier lebt man so in den Tag hinein und hört kaum etwas von Deutschland. Die einzigen wertvollen u. kurzen Übersichten bekomme ich in Hansens seltenen Briefen, nachdem man mir von Schwelm boshafterweise keine Zeitungen mehr zukommen läßt.

Nein, liebe Mutter, den Schlüssel ziehen wir nicht ab. Der Junge weiß nun, daß er nicht an den Schrank zu gehen hat und wenn’s trotzdem wieder passieren sollte, soll er Haue kriegen. Wer’s glaubt! Ein Glück, daß er im Grunde solch lieber kleiner Kerl ist, wenn er von Natur aus bösartig wär, dann würde es wohl ein nettes Pflänzchen sein. Und er hat seine Anneliese soo gern und die kann es garnicht verstehen, denn bei der und einzig und allein bei der – heisst’s “parieren”!

Ja, und die Ena ist so dankbar, immer wieder drückt sie meine Hände einmal, weil ich ihr so manches jetzt abnehme. Mr. Cox tut das ja nicht und bevor sie ihn fragt, da tut die arme Frau es lieber selbst. Aber sie ist glücklich dabei à la Tante Anna.

Ich weiß Mr. Cox sehr gut zu nehmen und nutze ihn zu meinen Gunsten auch oft aus. So ein bischen Theater spielen gehört nun einmal zum Leben und ich bin ja nicht mit ihm verheiratet – zu seinem tiefsten Bedauern. Ich hab ihm aber wiederholt gesagt, daß er sich bei mir verflixt ändern müsse oder totunglücklich würde. Ich kann ihm alles sagen, die Ena staunt Bauklötze. Aus dem Mann wär bestimmt mehr zu machen – und manchmal geht mir die Art, wie Ena nach seiner Pfeife tanzt, auf die Nerven. Morgen geht Ena mit dem Jungen zu ihrer Freundin zum Essen und Tee und ich werde mit Mr. Cox in seinem Geschäft Butterbrote u. Tee verspeisen und hinterher mit ihm Greta Garbo in “Grand Hotel” sehen. Und die Rückfahrt wird sicher wieder sehr “romantisch” werden, dann hält er immer meine Hand. Ich hab ihm schon einmal gesagt, daß meine Hände aber auch “ohne” ganz schön wären. Naja, jedem Tierchen sein Pläsierchen. Dann erzählt er das nachher glückstrahlend der Ena. Und der gute Mann möchte mir ja so gern mal nen Kuss geben – muss ja auch wunderschön sein – er redet sich fusselig darüber – Ena und ich können’s schon nicht mehr hören – und er hat doch solche Angst vor mir, denn er weiß ja, daß er eine gelangt kriegt – und das freut einen dann ja auch.

Nun ist’s ½ 10h, noch ½ Std. zum Strümpfe stopfen. Ich freue mich jetzt doppelt auf Euren Brief.

Viel gute Besserung.

Herzlichst Eure Anneliese.

Schick das Buch bitte zum Sonntag (5. II.) zum Walter. Habe Taschentuch besorgt und schreibe direkt.

Habt oder wollt Ihr eigentlich von Walter Besuch hier etwas sagen in Schwelm? Ich sehe eigentlich nicht ein, warum man sich ganz in Stillschweigen hüllen soll. Was meint Ihr?

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