Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

So 29.01.1933, Brief von Walter an Anneliese: “In Deutschland ist es ziemlich kalt”

Bochum, den 29. 1. 33.

Mein liebes Baby!

Deinen lieben Brief habe ich gestern mit recht herzlichem Dank empfangen und möchte Dir heute auch gleich antworten. Es tut mir wirklich leid, daß Du Dir den Finger geklemmt hast. Hoffentlich tut es nicht mehr so weh und wird bald wieder besser. Ist der Finger denn sehr dick? Schreib mal, wenn es geht, etwas darüber. Daß Du eine Nacht in London bleiben willst, beglückt mich geradezu.

Denn an einem Tage zweimal die Fahrt von Burleigh nach London (und zurück) zu machen, ist reichlich viel, und in der Nacht können wir auch nicht ankommen, da würde für die Besichtigung von London nicht viel Zeit übrigbleiben. So haben wir einen ganzen Tag mehr zur Verfügung. Du bist doch ein liebes Geschöpf. Ich kann Dir garnicht sagen, wie lieb ich Dich habe.

Hier im Ruhrgebiet ist die Grippe sehr stark verbreitet. Die meisten Schulen sind schon geschlossen. Gott sei Dank sind Rudi und ich, sowie meine Lieben noch verschont geblieben. Am Sonntag ist unsere Schule auch geschlossen worden und wird erst am Freitag oder Montag wieder aufgemacht. Das Silentium und die Abendkurse gehen natürlich weiter. Willi Schmidt und seine Mutter sind auch schon eine Woche im Bett. Gleich will ich ihn mal besuchen. In Deutschland ist es ziemlich kalt. Die Stuben sind kaum richtig warm zu bekommen, besonders bei uns par terre, aber bei Euch wird es nicht besser sein in England, da der Nebel die Kälte doch sehr fühlbar macht.

Heute nachmittag will ich Deine Briefe und Karten sortieren und in chronologischer Reihenfolge nummerieren. Dabei wird so manch schöne Erinnerung wieder wach werden. Mein Brief an Ena und Mr. Cox wird wohl schon bei Euch angekommen sein. Hoffentlich habe ich nicht allzu viel Fehler gemacht; Du wirst den Brief doch sicherlich auch lesen. Schreib mir bitte doch, was Ena dazu gesagt hat, ob er ihr mißfallen hat.

Heute will ich noch einige Arbeiten für’s Silentium zusammenstellen und eine oder 2 Aufgaben für die Oberprima rechnen. Meine Sammlung enthält ungefähr schon 20 Aufgaben. Ich rechne mit 150 Aufgaben für das Buch, welches ich schreiben will.

Über die Anlage des Buches bin ich mir noch nicht klar. Das hat aber auch noch Zeit, bis die Stoffsammlung fertig ist. Das kann noch 1 bis 2 Jahre dauern, denn wenn ich wieder mehr Zeit habe, werde ich wieder Mineralogie und Mathematik betreiben. Einstweilen habe ich noch keine Zeit dazu. Es wird mir eine schöne Beruhigung sein, wenn wir wieder über alles genauer sprechen können. Rudi tut augenblicklich garnichts mehr, hat es ja auch nicht nötig, da er 1 ½ Fach Mathematik schriftlich vorweisen kann. Vielleicht komme ich auch noch mal dahin.

Laß recht bald wieder von Dir hören und sei recht herzlich gegrüßt und 1000 mal geküßt

von Deinem Jungen.

Viele Grüße von Mutter u. Geschwistern.
Viele Grüße an Familie Cox.

Das Bild gefällt mir sehr, hab recht herzlichen Dank dafür.

1 Kommentar

1 Do 02.02.1933, Karte und Brief von Anneliese an Walter: “der Geschmack der beiden Nationen ist sehr verschieden” — 77jahre schrieb am 02.02.10 um 15:12 Uhr:

[...] and content here in our peacefull woods. Have you been at the Travelling Office? Thanks so much for your nice letter. I hope that you won’t get flu; there is quite a lot of flu round here but I shall do all I [...]

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