Mi 25.01.1933, Brief von Anneliese an ihre Mutter: “Ich bin doch eben meiner Mutter Tochter!”
“Burleigh”, Chandler’s Ford
25. I. 1933.
Meine liebe Geburtstagsmutti,
einen recht, recht schönen Tag wünsche ich Dir mit viel Freude und fürs neue Lebensjahr viel Gutes und Schönes! Ganz tüchtig werde ich an Dich denken und dazu die Melodie “Einst an diesem Tage” singen. Ob da Vati Dir wohl einen schönen Geburtstagstisch aufbauen wird? Vielleicht findet darauf auch der Schal einen kleinen Platz. Magst Du ihn leiden? Ich dachte, er würde ganz hübsch für den schwarz-weißen Mantel passen.
Und wie gefällt Dir die Kette? Ich hatte mir vor Weihnachten eine schwarz/goldene gekauft, weil meine anderen so ziemlich alle gerissen sind und von eben dieser Kette ist nun ganz England begeistert und Ena und Ruth und Enas Mutter und Tante Ida und Frl. Naujock usw. sind alle schnell hingelaufen und haben sich auch eine gekauft oder besorgen lassen. Komisch, nicht wahr? Ich bin doch eben meiner Mutter Tochter!
Mein kleiner Junge spielt mit seinem train = Eisenbahn und redet mich fusselig. Über Germany und Großmutter – das bist Du wohl – usw. Er ist goldig aber – – Kindererziehung ein Kapitel für sich. Davon mündlich. Letzte Woche hat er Mutters Vorratsschrank über Sofa und Teppich geleert – zum ersten Male hat er den Schlüssel rumgedreht. Da gabs dann Kakao, Kartoffelmehl, Zucker, Puddingpuler, Korinthen, Essiggurken, Haferflocken, Ingwer, Maccaroni, Tee, Gewürze usw. alles zu lieblichem Brei vermengt. Ena war sehr traurig – es kostet viel, viel Geld. Der Junge wusste, was er getan, es war ihm schon oft verboten worden, an den Schrank zu gehen, da schon vorher kleine Malheure dieser Art vorgekommen waren. Was hättest Du mit ihm gemacht, Muttel? Ich stehe hier mit meiner Ansicht gegen alle. Als wir dann eifrig mit Aufräumen beschäftigt, niesend (Ingwer) hantierten, seine Sachen gesäubert, Finger verbunden hatten und ihm anbefohlen hatten, sich nicht zu mucksen, schreit dieser kleine Schlingel quietschvergnügt: “Onkel Walter kommt bald, um Christopher zu besuchen!” Was sagste nun?
Ich habe mir heute meinen Finger eklig geklemmt darum ist meine Schrift noch schlechter als gewöhnlich. Aber könnt Ihr ohne Tisch schreiben? – Zudem sind wir heute mal wieder unendlich fleißig gewesen. Gestern abend hatte Mr. Cox seine Bridge-Freunde hier und da gab’s bis 12h zu tun, aber Ena und ich haben uns so nett unterhalten. Leberwurstbutterbrote haben wir gestrichen – zum ersten Male hab ich welche gesehen, seit ich in England bin – und da behauptet Mr. Cox heute morgen, Leberwurst wäre furchtbar, sie hätten vor lauter Winden nicht weiterspielen können – Ena und ich haben uns nachher krank gelacht. Unsere schöne, arme Leberwurst!
So, nun hab ich den kleinen Kerl ins Bett gebracht und selbst gebadet. Nun will ich erst Deinen lb. Brief beantworten.
Die Gartenarbeit-Angelegenheit ist zu aller Zufriedenheit gelöst. Die Ena wird schon nicht zuviel verlangen und wir haben ja auch feste zu tun und Walter ist nun auch ganz einverstanden. Wir freuen uns beide mopsig! Das mit dem Lesen war garnicht böse gemeint, nur muss man dem Walter das Lesen etwas schmackhaft machen, gerade weil er so wenig Zeit hat, und Rilke wird ihm schon gefallen. Den genauen Titel des Buches weiß ich nicht, sag nur das Buch vom Cornett. Wenn es nicht zu teuer ist, werde ich es mir auch kaufen, es ist es wert.
Gerti hab ich zum 14. I. geschrieben, dgl. Tante Anna zum 20. I. und ihr 1 Taschentuch geschickt.
Den 27. I. werde ich in Winchester feiern, und ganz viel werde ich an Dich denken und Dir soviel Schönes wünschen!
Familie Arthur in London nimmt wohl für so lange Zeit niemanden! Aber ich weiß ein nettes kleines Hotel und vielleicht werde ich 1 Tag nach London gehen u. den Walter abholen, das wäre doch schön, nicht wahr?
Nun Schluß! Dir und dem Vater viel herzl. Grüße und einen schönen Geburtstag!
Herzlichst mit vielen Küßchen
Anneliese.
Noch keine Kommentare
Schreib' doch den ersten!
Schreib einen Kommentar: