Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Fr 20.01.1933, Brief von Walter an Anneliese: “ich kann sehr hart gegen mich selbst sein”

Bochum, den 20. 1. 33.

Mein liebes Kind!

Heute morgen erhielt ich Deinen lieben Brief, auf den ich schon sehr gewartet habe. Es ist jetzt schon ½ 1 Uhr, und alle anderen sind schon zu Bett gegangen. Aber wenn ich jetzt nicht schreibe, so komme ich vielleicht erst am Montag dazu, und solange möchte ich mein Baby doch nicht warten lassen. Denn Du bist ja doch etwas unruhig über den Inhalt meines letzten Briefes.

Du hast schon recht, daß Besuch immer Umstände macht und somit einen ganzen Teil Mehrarbeit verursacht. Ich weiß das auch zu schätzen. Auch erkenne ich die Freundlichkeit von Cox’s sehr an, mich dort für einige Zeit aufzunehmen und bin auch bereit, mich den vorliegenden Verhältnissen anzupassen und dort im Garten zu arbeiten. Du weißt ja auch, daß ich kein Starrkopf und Quertreiber bin und mich anpassen kann, wenn es angezeigt ist. Du kannst der Ena also mitteilen, daß mir Gartenarbeit Freude macht, daß ich aber keine großen Erfahrungen auf diesem Gebiet habe, aber gelehrig genug bin, das Erforderliche zu lernen. Vielleicht schreibst Du mir mal, welcher Art die Arbeiten sind. –

Du wirst aber sicherlich gedacht haben, daß ich zu faul zum Arbeiten bin oder mir gar zu schade für körperliche Arbeit vorkomme. Wenn dem so wäre, hätte ich wahrscheinlich nicht praktisch auf Werken [?] gearbeitet, was ich aus eigenem Antrieb getan habe. Wenn es sein müßte, würde ich auch heute nicht davor zurückscheuen, ich kann sehr hart gegen mich selbst sein. Aber in diesem Falle bin ich von anderen Voraussetzungen ausgegangen.

Da ich noch nie im Ausland gewesen bin, ist das für mich natürlich etwas ganz Besonderes. Da ist es erklärlich, daß mich der Gedanke, die wenigen Tage durch Arbeit zu verkürzen, etwas zurückgestoßen hat. Ich konnte ja auch nicht wissen, wie es von Ena gedacht war. ich konnte auch annehmen, daß ich den größten Teil des Tages mit Arbeit verbringen sollte, und dieser Gedanke enttäuschte mich ziemlich. In Burleigh selbst wird wenig los sein, und so ergibt es sich eigentlich von selbst, daß man sich eine Beschäftigung sucht und sich in irgend einer Form nützlich macht. Mach Dir also keine Sorgen mehr darum und hab mich nicht weniger lieb, es wird schon alles bei bester Laune und in Harmonie vor sich gehen. Seitdem ich Deinen lieben Brief gelesen habe, sehe ich alles mit anderen Augen an. Es tut mir wirklich leid, daß ich Dir so unvorsichtig geschrieben habe, was meinem augenblicklichen Eindruck von der ganzen Sache entsprach. Ich hätte mich zunächst mal bei Dir erkundigen sollen, dann hätte ich Dir die Unruhe, in der Du sicherlich bist, erspart. Wenn ich an Dich schreibe, überlege [ich] im allgemeinen nicht so genau alle Konsequenzen, sondern schreibe so, wie es meiner Stimmung entspricht. Das tat ich auch im vorigen Brief. Zu Unruhe sollen Dir derartige Dinge kein Anlaß sein. Wir kennen uns ja und haben uns so sehr lieb und können uns doch über alle Fragen und Meinungsverschiedenheiten in Ruhe aussprechen. Ich glaube, daß wir uns immer einigen werden auf vernünftiger und friedlicher Basis.

Ich hab so das Gefühl, als ob Du dort zu viel arbeiten müßt und kaum zur Ruh kommst, wenn Du Dir mal ein kleines Vergnügen gönnen willst, nicht etwa, daß Familie Cox die Absicht hat, Dich auszunutzen, sondern daß eben soviel Arbeit zu tun ist. Wenn Du wieder in Deutschland bist, wirst Du Dich erst mal etwas erholen müssen.

Dein Vorschlag, auf kürzestem Wege nach London zu fahren und auf dem Rückwege Paris mitzunehmen, ist sehr gut. Wie lange gedachtest Du denn, in Paris zu bleiben? 2 oder bloß einen Tag? Könnten wir wohl einige Tage früher fortfahren, oder läßt sich das mit Betty’s Plänen nicht vereinen? Vielleicht schreibst Du mir mal etwas Genaueres darüber. Das Leben in Paris wird nicht sehr teuer sein, nehme ich an. Und es wäre doch fein, wenn wir nicht bloß in Paris gewesen wären, sondern auch einen Eindruck von dem Leben und Treiben bekämen. So Arm in Arm mit Dir durch die Straßen zu pilgern, mal ins Kino, mal ins Kabarett, in eine Ausstellung oder sonst irgendwohin zu gehen, stelle ich mir ganz herrlich vor. Du sollst doch von der Rückreise auch etwas haben, Du bist nicht bloß zum arbeiten da.

Ich weiß ja nun nicht, was von Burleigh aus unternommen werden soll und mit welchen Kosten es verbunden ist. Darauf richtet sich ja schließlich der ganze Reiseplan. Wir brauchen uns ja vorher noch garnicht festzulegen. Wir werden schon überlegen, wie wir es mit der Rückfahrt halten wollen, wenn wir zusammen sind. Aber schreib mir doch bitte mal, wieviel Geld wir für den Aufenthalt in England schätzungsweise brauchen werden, aber schlag nicht zu wenig an, sondern sei mal ganz großzügig. Ob 100 Mark nur für den Aufenthalt in England wohl ausreichen, oder brauchen wir voraussichtlich mehr? So ganz wenig möchte ich nicht mitnehmen und spare schon tüchtig. Jedesmal wenn wieder ein 5 Markstück mehr in der Reisekasse klingelt, freue ich mich von neuem und denke an die schönen Ferien, die da kommen sollen. Da macht das Sparen doppelt Spaß. Hoffentlich ist ein Visum schon in 14 Tagen zu bekommen in England, sonst ist es doch vielleicht besser, wenn ich es hier besorge. Demnächst werde ich aber zum Reisebüro gehen und mich über alles Wesentliche orientieren.

Gesundheitlich geht es mir ausgezeichnet und gute Laune habe ich auch. Über wenig Arbeit kann ich nicht klagen. Der Abendkursus für Unterprima ist bereits im Gange, leider sind es nur 2 Schüler. Aber ich lerne selbst auch noch dabei. Die schwereren Aufgaben trage ich in ein besonderes Heft ein. Es stehen auch mehrere Aufgaben darin, die ein Durchschnittspauker garnicht zu lösen vermag, wovon ich mich bereits öfter überzeugt habe. Vielleicht läßt sich die begonnene Aufgabensammlung später mal zu einem Buche umgestalten und herausgeben. Vorläufig ist es noch nicht so weit, aber im Laufe der Jahre kann es mal werden. Was hältst Du von dieser Idee? Vielleicht unterstützt Du mich dann wieder bei der Anfertigung der Arbeit? Dann ruht das Glück und der Segen darauf.

Seit einer Woche nimmt Willi Schmidt an meinen Abendkursen teil und freut sich über seine Fortschritte. Im übrigen kommen wir wenig zusammen, da ich keine Zeit habe und auch kein Geld ausgeben möchte. Das Verhältnis zwischen uns beiden ist aber ausgezeichnet. Sein friedliches Verhalten zeigt, daß er seinen unausgesprochenen inneren Kampf um Gleichberechtigung in wissenschaftlicher Hinsicht aufgegeben hat. Er sieht ja selbst, welche Anforderungen in den Abendkursen und im Silentium an mich gestellt werden und erkennt gern an. Letzteres ist nur insofern von Bedeutung, als der Ton zwischen uns seinen gereizten Charakter verloren hat, und mehr will ich ja garnicht. Im April will Willi sich zum Mittelschullehrerexamen in Mathematik melden, und Carola ist natürlich stolz darauf, würde Dir doch genauso gehen, nicht wahr? Rudi rechnet in seiner Freizeit eifrig Aufgaben des Unter- und Obertertiapensums und freut sich königlich, wenn er eine schwerere eingekleidete Aufgabe herausbekommen hat. Die Unter- und Oberprimaaufgaben sind für ihn Böhmische Dörfer, wie er selbst sagt. Für mich wird es wohl ewig ein Rätsel bleiben, wie er an 1 ½ Fach [?] in Mathematik gekommen ist, aber im Silentium macht er seine Sache, und das ist für mich maßgebend.

Nun, mein liebes gutes Kind, will ich schließen in der Hoffnung, daß es Dir noch recht gut geht und ich bald wieder von Dir höre.

Sei vielmals herzlich gegrüßt und geküßt von

Deinem Jungen.

Viele Grüße an Familie Cox, der ich sobald wie möglich schreiben werde.

Recht herzliche Grüße von Mutter und Geschwistern.

1 Kommentar

1 Mi 25.01.1933, Brief von Anneliese an Walter: “I suppose that life will be pretty expensive in Paris” — 77jahre schrieb am 25.01.10 um 16:40 Uhr:

[...] window and it is rather difficult for me now to hold a pencil. Well, I was very pleased when I got your letter and I thank you very much for it. No, my dear boy, I know that you are neither lazy nor afraid of [...]

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