Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Di 17.01.1933, Brief von Anneliese an Walter: “Hier in England kommt es garnicht darauf an, wie man angezogen ist”

“Burleigh”, Hursley Road, Chandler’s Ford, Southampton

17. I. 1933

Mein lieber Junge!

Eigentlich ist es ja verkehrt, abends um ¼ vor 10h einen Brief anzufangen und noch dazu wenn man so müde ist! Aber wir haben viel zu tun gehabt die letzten Tage und morgen würde ich auch kaum zum Schreiben kommen, da ich nach Southampton will und mir dort mit Frl. Naujock zusammen den Marlene Dietrich Film “Blonde Venus” ansehen möchte. –

Na ja, mein Junge, fein soll es werden, wenn wir hier in England zusammen sind! Ich denke immer und immer und immer wieder daran – und es sind nun nur noch 11 Wochen bis zu Deiner Ankunft. Ich würde Dir vorschlagen, am 2. April zu fahren, das ist ein Sonntag, und an diesem Tage ist in England ganz und garnichts los. Ich würde Dir vorschlagen, denselben Zug zu benutzen wie ich damals, d. h. etwa um 10h ab M-Gladbach. Dann hast Du in Vlissingen nur eben vom Zug aufs Schiff zu gehen, kommst nach 6 Std. Überfahrt in Harwich an und der Zug nach London wartet schon. Ich würde Dir nicht raten, vorher nach Paris zu fahren, denn das ist doch ein großer Umweg, kostet viel mehr Zeit und verteuert die Sache sehr. Und 2 fremde Großstädte hintereinander ist eigentlich mehr als man verdauen kann. Ich hatte damals nach 1 Tag London reichlich genug. Wollen wir das Paris nicht auf der Rückfahrt mitnehmen und lieber 1 Tag eher abfahren? Was meinst Du dazu? Ich möchte auf jeden Fall gern über Paris fahren. Für England gebrauchst Du nur den Paß dgl. für die Fahrt durch Holland. Für Frankreich bezw. für die Durchfahrt ist ein Visum nötig – was wir uns aber hier in England kaufen können – das ist hier nämlich billiger und wir haben unser Geld ja so nötig hier, wohl? Visum kostet etwa 5 sh = 3,75 M (5 M. in Deutschland), ich weiß es nicht genau. Am besten gehst Du einmal ins Reisebüro, die geben Dir über all das Auskunft. –

Ja, das Wetter im April in England soll halt auch “Aprilwetter” sein, vielleicht etwas wärmer als in Deutschland, aber manchmal gibt’s auch Schnee und so muß man eben auf alles eingerichtet sein. Bringt nur nicht zuviel mit! Hier in England kommt es garnicht darauf an, wie man angezogen ist. Auf Enas Vorschlag gehe ich später noch ein. Wenn Du einen guten und einen einfachen Anzug (am besten Sportanzug, falls vorhanden) und etwas für den Garten geeignetes mitbringst ist das reichlich. Ich würde Dir raten, Dir einen nicht zu dünnen Übergangsmantel zu kaufen, der würde für hier sehr geeignet sein und wenn’s in Deutschland ganz warm ist, trägst Du ja doch keinen, nicht wahr? Die Wege hier sind Waldwege z. T. mehr z. T. weniger schmutzig. Derbe Halbschuhe dürften angebracht sein. Wenn Du irgendeinen alten Gummimantel hast, dann bring ihn mit. Solltest Du ev. einen kaufen wollen – ich weiß ja nicht, woran Du denkst, dann warte lieber und kauf ihn hier.

Und nun zu Enas Vorschlag. Meinst Du nicht, daß es ganz reizend von Cox ist, Dich, den sie doch garnicht kennen und der sie doch auch gewissermaßen als Unbekannter herzlich wenig angehen könnte, für unbestimmte Zeit einzuladen? Es kostet natürlich Ena ein ganzes Teil Mehrarbeit, Besuch hier zu haben, denn selbst ohne sogenannte Umstände zu machen, kommt eins zum anderen und das verursacht Arbeit, was ein Mann ja vielleicht – ohne den Betrieb zu kennen – nicht bedenkt. Und denkst Du nicht, Walter, das eine Gefälligkeit der anderen Wert ist? Und wenn Du mit all dem Anderen – was Ena schreibt – einverstanden bist, dann tust Du ihr doch dafür sicher auch gern etwas zu Gefallen und nimmst ihr und mir etwas Arbeit ab. Ich habe ihr gesagt, daß Du jetzt vor Ostern sehr viel zu tun hast und Ruhe nötig haben wirst und zudem bin ich ja auch morgens vollbeschäftigt. Mehr kann ich Ena nicht sagen – das bringe ich nicht fertig. Und zudem glaube ich sogar, daß Dir die Arbeit in unser köstlichen Luft Freude machen wird, jeden Morgen oder vielmehr einige Morgen 2-3 Stunden in frischer Luft bei nicht zu schwerer körperlicher Arbeit zuzubringen wird doch ein schöner Wechsel von dem Sitzen in dumpfen Schulräumen sein. Zudem sind mein Vater als auch Hans und viele Bekannte ziemlich begeistert von der Arbeit im Garten. Und in England betrachtet man sie sogar für etwas sehr sehr Schönes. Man würde Dich also wohl garnicht einmal verstehen können. Zeit genug für Dich selbst und für uns beiden wird schon noch bleiben, dafür wollen wir schon sorgen. Und höchstwahrscheinlich würden auch Cox sich erkenntlich zeigen und Dir mit dem Englisch helfen. Zudem ist Ena so lieb und läßt Leni schon ganze 8 Tage früher kommen, obwohl wir dann zu 3 Deutschen sind, damit wir dann auch einmal den ganzen Tag fortkönnen. Ist doch nett von ihr!

Du schreibst mir wohl mal, was Du dazu denkst? – Für all die Mitteilungen vom Silentium usw. danke ich Dir sehr. Es freut mich immer sehr, davon zu hören und zu sehen, daß Du mit Leib und Seele dabei bist. Sei nicht böse, wenn ich schließe, ich bin sooo müde!

Viele liebe Grüße und Küsse

Deine Anneliese.

Grüß auch Deine Lieben schön. Deiner Mutter gute Besserung. Ich lese den Brief nicht mehr durch, entschuldige bitte.

Ich könnte Dir in London ein kleines gutes Hotel nennen, wo auch Mr. Cox übernachtet und – sowie Du den genauen Tag weißt – ein Zimmer bestellen. Dann könnte ich am Montag od. Dienstag – wie Du willst für einen Tag nach dort kommen und Dir alles Sehenswerte zeigen. Länger kann ich schlecht fort und das verteuert die Sache auch sehr. Denn Bett + Frühstück ist mindestens 5 sh 6 d.

1 Kommentar

1 Fr 20.01.1933, Brief von Walter an Anneliese: “ich kann sehr hart gegen mich selbst sein” — 77jahre schrieb am 21.01.10 um 00:57 Uhr:

[...] morgen erhielt ich Deinen lieben Brief, auf den ich schon sehr gewartet habe. Es ist jetzt schon ½ 1 Uhr, und alle anderen sind schon zu [...]

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