Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

So 15.01.1933, Brief von Anneliese an ihre Eltern: “unser Horizont geht ja zum Glück noch über Hausarbeit hinaus”

Poststempel: Chandler’s Ford, 16 Jan 33

“Burleigh”, Hursley Road, Chandler’s Ford

Southampton, 15. I. 33.

Liebe Eltern,

recht vielen herzl. Dank für Euren lb. Brief, ist halt immer ein Festtag, wenn man soviel mehr oder minder schöne Neuigkeiten erfährt! Nun zuerst einmal zu mir! Die beiden letzten Tage haben wir unendlich viel zu tun gehabt, warum weiß ich eigentlich nicht ganz! Ist doch schön, wenn man etwas denkt beim Arbeiten, nicht wahr? Aber ohne geht’s halt eben auch. Ich freue mich, daß ich keine Engländerin bin.

Ach Kinder, soll das schön werden, wenn ich erst wieder bei Euch bin. Aber bis dahin ist es auch hier recht nett und gemütlich!! Habe schon wieder eine Anfrage bekommen, ob hier eine Nachfolgerin – und zwar aus Lübeck – erwünscht wäre. Ist ja auch kein Wunder, diese Leutchen sind für England einfach unglaublich nett! Übrigens, Ihr wißt ja noch garnicht, daß ich Euch Besuch mitbringen werde und zwar die kleine Betty. Sie kann außnahmsweise [sic] ihre Ferien ab 21. IV. haben und so werden wir dann wohl am 22. oder 23. IV. zu dritt nach Paris abdampfen. Fein, nicht wahr? Ich freue mich für Betty. Sie ist doch noch sehr jung, um die Reise alleine zu machen, die Rückfahrt ist ja dann einfacher!

Gestern habe ich mein Geld abgeholt und danke Euch recht herzlich dafür. Sparsam will ich sein, aber 1 mal pro Woche muss ich raus, sonst wird man leicht unzufrieden, ist ja vielleicht verkehrt, aber unser Horizont geht ja zum Glück noch über Hausarbeit hinaus. Nächste Woche will ich mir mit Frl. Naujock den Marlene Dietrich Film “Blonde Venus” ansehen. Diese Woche war ich nicht aus, habe sogar einen Nachmittag vorgezogen, nicht zum Tee auszugehen, sondern fest zu schlafen.

Ja, schwarze Schuhe habe ich mir gekauft – zu Weihnachten – mit ganz etwas Reptilleder, chique und einfach u. bequem. Dgl. kaufte ich damals eine schöne weiche Seidentrikothose für M 1,50. Hier ist guter Trikot genau so billig wie B’wolle. Und im Inventurausverkauf habe ich mir einen rotseidenen Gummimantel gekauft, Ena hat ihn auf das 4-5fache geschätzt und den Mund garnicht wieder zugemacht – vor Staunen. Ich bin froh, daß ich ihn habe, ohne wäre ich hier nicht ausgekommen, Loden ist nicht besonders geeignet für England. Dann habe ich mir noch einen warmen hochroten Pullover mit Rollkragen gekauft, auch billig. (2,25 M) Ist doch nicht extravagant, nein!! Mr. Cox hat mir versprochen, er will meinen Tennisschläger neu bespannen, unentgeltlich, kostet etwa 10,- M.

Und nun zu Euch! Vielen Dank fürs kleine Gedicht, so etwas macht Freude! Was macht denn die Politik. Wißt Ihr, wenn mal etwas (Gutes) drinsteht d. h. Wissenswertes, dann schickt mir doch das Blatt einmal, denn wenn soviel gesammelte Weisheit auf einmal ankommt, dann wird mir ganz Angst und Bange und ich weiß nicht, was lesen, denn viel Zeit hab ich ja wirklich nicht. Auch eine nette Wochenschau wäre mal nett. –

Fein, daß das Logenkränzchen so schön war, vielen Dank für die Grüße. Na, da muß ich mich wohl verkriechen wenn ich zurückkomme und Du bist so fein, Mutti. Ich trage hier aber auch alle meine alten Sachen auf, nichts Gutes!! – Grävinghoffs amüsieren sich, sind auf ihr gutbewachtes Geheimnis sicher sooo stolz. Gerti tut mir recht leid, hoffentlich ist es nicht ernsthaft. Ilse Schwarz schrieb mir, daß sie sich freue. Sie ist übrigens sehr nett. – Tante Anna schrieb sehr lieb, dgl. Onkel August Nacken. –

Frl. Naujock hat kein schönes Elternhaus, nein, einen Stiefvater, den sie nicht mag und eine Mutter, die wohl recht oberflächlich ist. Sie wird vielleicht diese Woche eine Stelle als “Köchin” – die Leute wollen deutsche Küche – bekommen. Sie ist nicht ganz mein Fall, aber wir unterhalten uns recht angenehm und etwas philosophisch, ach das tut mal herzlich! Sie ist nun 4 Monate hier und hat herzlich wenig gelernt – genießt aber ihr Leben. Ich kann allerhand von ihrem Wesen lernen. Sie ist auch recht belesen und kann so schön erzählen. Uns so sind wir immer gern einmal zusammen. –

Die Grippe ist hier ziemlich verbreitet – wie jedes Jahr – aber ein recht leichter Fall von Grippe. Also keine Angst. – Ein Serviettenring für Walter wäre ganz schön, ich würde oval vorziehen oder rechteckig!! Ich hatte aber auch schon einmal an ein Buch von Rainer Maria Rilke gedacht, der Junge sollte etwas mehr lesen.

Ena hat an Walter geschrieben und dabei erwähnt, daß er im Garten helfen solle, weil es ja der Monat wäre, in dem dort am meisten zu tun sei. Nun schreibt mir Walter, das er dazu garkeine Lust habe – sich aber ev. vielleicht schicken würde. Das ist meiner Meinung nach gar nicht anders möglich; er soll ja dort nicht den ganzen Tag arbeiten und kann sich noch genug erholen – und zudem ist es soo gesund und sollte ihm doch eigentlich Freude machen. “Nein” kann er einfach nicht sagen, denn eine Gefälligkeit ist der anderen wert und zudem versteht es der Engländer einfach nicht, denn der geht doch in Haus u. Garten auf! Leni soll 8 Tage vorher kommen, damit ich dann Ferien haben kann. Dann geht’s zur Isle of Wight, nach Bournemouth u. Winchester, hurrah! Leni würde dann zu Ostern hier sein. Wenn Du Walter schreibst oder sprichst, dann kannst Du sicher mal das Gespräch auf die Gartenarbeit bringen, brauchst ja nur zu sagen, daß ich erwähnt habe, daß er helfen solle, Mutti.

Herzl. Grüße Euch beiden

Eure Anneliese.

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