Mi 11.01.1933, Brief von Walter an Anneliese: “etwas möchte ich ja auch gesehen haben, wenn ich einmal im Ausland bin”
Bochum, den 11.1.33.
Mein liebes Baby!
Soeben hab ich Deinen und Enas lieben Brief erhalten und danke für beide recht herzlich. Sage Ena bitte, daß ich ihr bald antworten und für die freundliche Einladung danken werde, aber heute und morgen noch nicht dazu kommen werde, da ich sehr viel Arbeit habe. Ich freue mich schon ganz schrecklich auf das Zusammensein mit Dir in England. Dann brauchst Du das Kissen mit den schwarzen Troddeln nicht mehr zu drücken, ich lasse mir das gern gefallen und sehne mich schon danach.
Am 4. April bekommen wir Ferien, sodaß ich einige Tage früher fahren kann, vielleicht am 1. April. Die Schule beginnt wieder am 21. April. Aber wenn ich erst am 25. oder 26. komme, schadet das auch nichts, sodaß ich mit Deinem Vorschlag, am 23. mit Betty zurückzufahren, sehr einverstanden bin. Ich würde also 3 Wochen in England sein. Vielleicht schreibst Du mir mal, welche Pässe ich mir besorgen muß und was sie ungefähr kosten und wie lange es dauert, bevor man sie in Händen hat. Ich dachte, auf der Hinreise vielleicht einen Tag in Paris zu bleiben und dann nach London zu fahren, dort auch ein oder 2 Tage mit Dir zu verbringen und dann erst nach Burleigh zu fahren. Denn etwas möchte ich ja auch gesehen haben, wenn ich einmal im Ausland bin. Wie denkst Du darüber?
Ena schreibt mir nun, daß ich derbe alte Schuhe und einen alten Rock mitbringen soll, da im April im Garten viel zu tun ist. Wenn ich ehrlich sagen soll, habe ich wenig Lust, während der kurzen Zeit in Burleigh zu arbeiten und dazu noch im Garten. Ich habe bis zu meiner Abreise noch reichlich Arbeit und möchte mich während der Ferien erholen. Du wirst ja wissen, ob es nötig ist, daß ich arbeite oder nicht. Langeweile kommt für mich nicht in Frage. Wenn Du zu tun hast und ich nicht mit Dir zusammen sein kann, spiele ich mit Christopher, gehe spazieren oder beschäftige mich mit mir selbst. Was meinst Du dazu? Alles andere, was Ena geschrieben hat, gefällt mir sehr gut. Aus dem ganzen Briefe ist zu ersehen, daß das Verhältnis zwischen Euch recht kameradschaftlich ist. Ena hat Dich recht gern und bedauert schon, daß ich Dich im April mitnehme. Aber ich glaube, daß wir noch ganz lustige Stunden verleben werden. –
Ich muß nur noch einen Anzug und einen Mantel kaufen vor meiner Abreise. Kannst Du vielleicht erfahren, wie kalt es im April dort ist? Soll ich mir einen Wintermantel oder einen Übergangsmantel zulegen? Was für Kleidung soll ich überhaupt mitbringen? Sind die Wege dort sehr naß, daß ich dicke Schuhe brauche? Vielleicht bist Du so lieb und schreibst mir mal genau Deine Ansicht über alles. Ich weiß ja nicht, wie es dort zugeht. Wegen der Gartenarbeit brauchst Du ja vorläufig garnichts zu sagen, vielleicht bei passender Gelegenheit und ganz vorsichtig. Wenn es wirklich nicht anders gehen sollte, so füge ich mich auch darein.
Heute hat die Schule wieder begonnen. In den Ferien nach Neujahr hatte ich reichlich zu tun. Morgens hatten wir von 9 bis ca. ½ 11 Uhr Silentium, und zwar hatten wir es folgendermaßen eingerichtet. Wir stellten für jeden Schüler Arbeiten zusammen, die die Schüler zu Hause anfertigten und am folgenden Tage ausgearbeitet wieder mitbrachten. Soweit es die Zeit und der Betrieb erlaubte, korrigierten wir sofort in Gegenwart der Schüler. Die größeren Sachen sahen wir zu Hause nach. Von ½ 11 – ½ 12 Uhr hatte ich eine Privatstunde zu geben, und zwar in Chemie an einen Studiker der Landwirtschaft. Mitunter hat er auch 2 Stunden hintereinander bekommen. Unser Chef hat mich dem jungen Mann empfohlen. Um 2 Uhr ging der Privatstundenbetrieb wieder los und dauerte bis 5 oder 6 Uhr. Ich habe den Eltern eben klar gemacht, daß die Jungen unbedingt einige Privatstunden brauchen. Auf diese Weise habe ich wenigstens schon einen Teil Geld verdient, der ohne die geplante Englandreise sicherlich nicht eingekommen wäre.
Du siehst also, daß ich von Kopf bis Fuß auf England, oder besser gesagt, auf Liebe eingestellt bin. Ich habe auch das Vertrauen, daß bis Ende März alles all right ist. Das Silentium kostet jetzt vor Ostern doch eine Menge Arbeit, da alle Schüler mitkommen sollen. Für jeden Schüler müssen besondere Arbeiten, je nach seinen Schwächen, zusammengestellt werden. Dadurch ist alle freie Zeit besetzt, und man ist nie fertig. Hinzu kommt noch die Vorbereitung für die Abendkurse und meinen Unterricht. Allmählich muß ich auch daran denken, den Philosophieunterricht (für Dr. Neuhaus) vorzubereiten. Augenblicklich ist er krank und die Stunden fallen deshalb aus. Nächste Woche werde ich wahrscheinlich anfangen. Zur Mineralogie komme ich augenblicklich leider garnicht, daran läßt sich leider nichts ändern. Im Sommer bleibt sicherlich mehr Zeit dazu, denn im nächsten Jahr verursacht das Silentium nicht mehr soviel Vorbereitung wie in diesem.
Karola und Willi haben sich augenblicklich ganz schrecklich gern. Sie vernaschen sich fast. Der gute Vorsatz von Willi, sich mit Karola bloß noch 2mal in der Woche zu treffen, ist bis heute noch Vorsatz geblieben, aber er arbeitet jetzt doch etwas. Er will das Versäumte wenigstens in etwa einholen, zumal ich jetzt wissenschaftlich still stehe. Ich würde ja auch lieber jeden Abend mit Dir zusammensein als hier auf der Bude sitzen und arbeiten. Aber wir holen alles nach. Es kommt ja auch mal die Zeit, in der wir immer zusammen sind und uns das Leben schön machen. Wir warten ja vorläufige noch das Schönes, was da kommen wird. [sic]
Mutter hat leider stark mit Rheuma zu kämpfen, das linke Bein ist ziemlich geschwollen, sodaß ihr das Gehen schwer wird. Seit gestern macht sie macht sie Packungen mit Heilerde, das hat schon etwas geholfen.
Nun, mein liebes gutes Kind, will ich schließen und hoffe, bald von Dir zu hören.
Sei vielmals herzlichst gegrüßt und geküßt von Deinem Jungen.
Viele Grüße von Mutter und Geschwistern
Viele Grüße an Familie Cox.
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