Fr 06.01.1933, Brief von Anneliese an ihre Eltern: “die günstigen Zufälle sind so selten”
“Burleigh”, 6. I. 1933.
Ihr Lieben,
recht schönen Dank für die 2 Briefe. Den nächsten erwarte ich zur gewohnten Zeit. Na, da habt Ihr mir ja einmal wieder allerhand Schönes berichtet bes. über meinen Walterjungen. Fein nicht, es soll hier aber auch schön werden. Zur Isle of Wight war ich noch nicht, das können wir im April zusammen machen! Und Ena will uns durch den New Forest nach Bournemouth fahren, ach die ist goldig.
Und aufgezogen werde ich hier! Und Cox freuen sich mit mir! Und Christopher muß sich lange Geschichten erzählen lassen, was Onkel Walter alles tun wird. Übrigens – ich glaube nicht, daß es angebracht ist, daß Leni schon mit Walter kommt! Falls es sich ändern sollte, schreibe ich noch; sonst soll sie einige Tage bevor ich abfahre kommen. Fein, da wird doch Schwelm wieder Unterhaltungsstoff haben. Habt Ihr Muckis schon eingeladen?
Harald hat mir nun 2 mal geschrieben – ich war nicht sehr erfreut, ich dachte, der Junge wäre schneller drüber hinweggekommen. Er hat aber recht lieb geschrieben. Was erzählte er denn?
Mein Schlafanzug ist herrlich, schon 2,60 Zoll wert! Ena hat sich recht über die Tasche gefreut, dgl. Ruth über die Nachthemdtasche. Leider bekam sowohl Ena noch eine Handarbeitstasche als auch Ruth eine Nachthemdtasche. Und unser Junge ließ seinen Teddybär am 1. Tage nicht aus dem Arm und herzte und drückte ihn. Und am nächsten Tage bekam er einen etwas kleineren, mit längeren Seidenhaaren und der ist sein Ein und Alles, macht aber nix, Ena und ich haben den großen lieber! – Mein Rock ist ein Unterrock, fein!
Eigentlich sollte dies ein Sonntagsgruß werden, aber es gab heute sehr viel zu tun, und so komme ich erst heute abend zum Schreiben. Morgen nachmittag gehe ich nach Southampton und treffe mich dort mit Frl. Naujock, die noch immer nichts hat, sich aber auch nicht sehr bemüht. Und die günstigen Zufälle sind so selten. Lotte Lüttje will Mitte März für 14 Tage nach London und bat mich um Mrs. Arthur’s Adresse. Von dort will sie direkt nach Hause fahren. Im Sommer kommt dann ihre Pariser Freundin zu ihr und im Winter fährt sie mit der nach Paris. Wir freuen uns, uns unsere Erlebnisse in Deutschland erzählen zu können.
Gestern habe ich recht lieb an Betty geschrieben. Armes Mädel, der Brief ist mir nicht ganz leicht gefallen. Von Cecily habe ich einen sehr netten Kalender bekommen. Hans u. Maria schrieben so lieb, dgl. Dr. Krug, Tölkes, Frl. Finkensieper, Pluquette, Emmi, Gerti, Leni, Grete Lindemann, Jutta, Ruth wegen Gerda log so tapfer, wie wohl sie sich in ihrem erweiterten Beruf als Hühneraugen u. Hornhautschneider fühlt. Und alle freuen sich so, wenn ich wiederkomme! Und noch viele andere schrieben, das gibt wieder Briefschulden.
Briefpapier habe ich übrigens genug, danke herzl., aber Briefkarten werden immer dankend entgegengenommen.
Sylvester haben wir bis ½ 1h Radio gehört. Um 11h war “Neujahr in Europa”, Königsberg, Berlin, Mailand, Bukarest, Moskau usw. Neujahr war ich früh um 8h mit Tante Ida in der Kirche.
Nun ist es schon ½ 10h und ich habe noch so viele Strümpfe zu stopfen usw. Drum Schluß! Sparen will ich schon. Und auf Paris freu ich mich!
Herzlichst Eure Anneliese.
“Burleigh” (bitte nicht vergessen, Mutti!)
Hursley Road
Chandler’s Ford (hierunter gehört der Strich!)
Southampton
Hebt mir den Mistelzweig bitte auf. Das Stiefmütterchen ist aus unserem Garten!
Wetter Ia, sonnig, kühl.
Im Umschlag fanden sich einige Reste, wohl insbesondere vom Stiefmütterchen:

1 Kommentar
Die länglichen, etwas grünlicheren Teile sind wohl von der Mistel
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