Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Mi 28.12.1932, Brief von Anneliese an ihre Eltern: “Mrs. Thompson ist schon grün vor Neid!”

Poststempel: Portsmouth & Southsea, 29 Dec, 9 am

28, Havelock Road
Southsea / Portsmouth

28. Dez. 1932.

Meine lieben Eltern,

ein netter Gedanke von Euch, mich am heiligen Abend mit einem Briefgruß zu überraschen, herzl. Dank dafür. Nun sollt Ihr zuerst von mir hören, gedacht haben wir ja wohl gegenseitig genug aneinander. Die letzten Tage in “Burleigh” gingen mit all den schönen und doch soviel Arbeit machenden Weihnachtsvorbereitungen wie im Fluge dahin und bargen doch schon das festliche Gefühl der Vorweihnachtszeit in sich.

Am Freitag waren wir zum Tee hier. Abends kam der erst für Samstag morgen erwartete 25jährige Bruder von Ena und Ruth an. Das war eine allgemeine Aufregung und Freude. Abends wurde dann – wie an jedem folgenden Abend – Karten gespielt, eine ganze Reihe netter Unterhaltungsspiele lernte ich da. Ich schlafe hier bei Tante Ida – jeden Morgen bis kurz vor 9 Uhr, herrlich! Am Samstag morgen mußten wir eben noch einmal 1 ½ Std. im Auto nach Hause fahren, da Ena Mr. Cox’s Hemd u. Socken vergessen hatte. Leider konnten wir abends Deutschland nicht im Rundfunk hören, war aber vielleicht besser.

Am 1. Festtag sind wir um 10h zur Kirche und zum Abendmahl gegangen, dann folgte ein Spaziergang an der Küste entlang. Leider war Christopher bis heute morgen nicht recht auf dem Damm. Dann gabs ein einfaches Mittagessen, gegen 5h einen kleinen, bunten Weihnachtsbaum mit all den kleinen Geschenken dran gebaumelt und unser boy war soooo glücklich. Und unser Kind hatte man auch nicht vergessen. Ena + George schenkten mir einen bildschönen blauen Seidentrikotrock (I a), Tante Lucie – die ich nur einmal hier gesehen habe – schickte ein reizendes Täschchen mit 3 entzückenden Taschentüchern, Tante Ida schenkte 2 seidene, bunte Taschentücher, Ruth ein Buch, Mrs. Jeffery schenkte mir einen reizenden, stoffbespannten Kasten für Taschentücher, 1 seidenes Taschentuch, eine rote Halskette, ein Beutelchen mit Lavender u. einen Teetopfhalter. Betty schickte mir Briefpapier, ihre Tante Wollsocken, Cecily einen reizenden Kalender, Janet ein Taschentuch und Ruth Först aus Gevelsberg (in London) ein kl. selbstverfertigtes Lederlesezeichen. Nicht zu vergessen ein sehr, sehr schönes Buch von Irmgard Keun, das mit einem herzlichen Gruß aus Kiel kam und mir sehr viel Freude gemacht hat! Also, nicht zu kurz gekommen, nicht wahr?

Dann gabs ein schönes Weihnachtsessen, Truthahn, Würstchen, Schinken, Kartoffeln + Rosenkohl u. Plumpudding und Süßigkeiten. Und alle waren rührend nett zu mir. Am 2. Festtag gabs dann morgens mit Ruth u. Christopher einen Spaziergang und nachmittags gingen wir beiden mit Mr. Cox und Phillip zum Fußballspiel. Ja, was man in England nicht alles kennenlernt! War aber hochinteressant. Und dann gabs viele Spiele, Schach, Dame usw. Und viel hat man zwischendurch nach Hause gedacht!! Und der Mistelzweig, na für das viele Geschrei vorher sind ja wohl 3 Küsschen auf die Backe (von jedem Männeken einer) nicht viel, nicht wahr? Na, ich will nichts sagen, bevor der Zweig entfernt ist.

Von Euch höre ich ja wohl auch bald. Gestern ging die ganze Familie außer Ruth u. mir ins Kino, wir spielten Kindermädchen und werden uns morgen den Film ansehen. Abends durfte dann Phill wieder abreisen, arme Mrs. Jeffery!

Immerhin fühle ich mich hier äußerst wohl, genieße und mache Studien.

Wißt Ihr eigentlich, daß ich aller Voraussicht nach schon Ende Februar zusammen mit Betty zurückkomme. Betty bekommt am 25. II. Ferien, will dann sofort nach S. kommen, mit mir nach Paris und weiter nach Schwelm fahren und fleht mich an, doch nur ja Wahrheit aus diesem Plan zu machen. Mrs. Thompson ist schon grün vor Neid! Und Ena verbietet mir zu gehen und will nicht, daß ich an Betty etwas Endgültiges schreibe und’s wird doch nichts nutzen. Wir mögen uns von Tag zu Tag lieber, schön nicht wahr? Kommen wir dann gerade in den Hausputz hinein?

Und nun, Ihr Lieben, wünsche ich Euch einen schönen Übergang und ein gutes und glückliches neues Jahr.

Herzlichst Eure Anneliese.

War Harald da? Er hat mir geschrieben – hin. Fürs gewonnene Täschchen vielen, vielen Dank! Ihr seid doch lieb!

Der Schlipsspanner geht in den Schlips, so daß die Falten (vom Knoten) gestreckt werden. Wenn gewaschen, kann der Schlips darauf leicht gebügelt werden. Fein, nicht?

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