So 18.12.1932, Brief von Anneliese an ihre Eltern: “Warum soll man denn nicht mal etwas Heimweh haben dürfen?”
Poststempel: Southampton, 18 Dec, 1145 pm
Auf dem Briefumschlag ein Stempel “T 30“, ein roter Stempel: “Nachgebühr” und mit blauem Stift der Vermerk “30″.

Auf dem Briefbogen links oben ein ovaler Stempel: “Patstone & Son Southampton”
18. XII. 1932
Liebe Mutter!
Ob Ihr wohl heute müde seid? Ich bin gespannt, vom Logenfest zu hören! Ich bin gestern nachmittag zum Tee bei Frl. Naujock gewesen, und die sich jetzt vorübergehend ein Zimmer in Southampton genommen hat und es sehr schwer findet, eine andere Haustochterstelle zu bekommen.
Letzten Mittwoch war ich schon morgens mit Mr. Cox nach Southampton gefahren, habe Einkäufe gemacht usw.; dann mit ihm in seinem Geschäft Butterbrote, Tee u. Kuchen gehabt und dann sind wir zusammen im Kino gewesen. Gleich fahren wir alle zu seinen Eltern nach S. zum Tee und hinterher gehen er und ich zu einem Weihnachtschoralkonzert. Die Leutchen sind jetzt zu reizend zu mir, bringen mir immer einmal etwas besonders Schönes zum Tee oder Abendbrot mit, wenn sie ausgehen und versichern mir tagtäglich, daß sie mich einfach nicht gehen lassen wollen, daß vor allem der kleine Christopher so unglücklich sein würde. Vielleicht kommen sie im Sommer nach Schwelm. Jetzt sind sie auf die Idee verfallen, an Walter zu schreiben und ihn einzuladen, seine nächsten Ferien hier zu verbringen und mich dann mit nach Deutschland zu nehmen. Rührend, nicht wahr? Schade nur, daß der arme Junge kein Geld hat!
Für Euren Brf. herzl. Dank. Ich habe mich ganz furchtbar gefreut; die Noten sind herrlich! Das Paket ist noch nicht da, aber schon jetzt vielen Dank für all die schönen Sachen – auch die in Schwelm aufgebauten – ist doch ein lieber, lieber Weinemann! Ich will Hedwig 2 Taschentücher schicken u. Frau Galka die Häkeldeckchen. Meine Karte habt Ihr wohl bekommen? Gefällt Euch der Schlips? Das eine “andere” ist für Vater – sehr nützlich, nicht wahr?
Wir haben jetzt noch unendlich viel zu tun: backen, Kränze machen, alles sauber machen, Packen usw. Freitag nach dem Mittagessen geht’s los! hurrah!
Zum 2. Festtag viel viel Fremde? Warum soll man denn nicht mal etwas Heimweh haben dürfen? Unterdrücken läßt sich’s doch nur in Maßen und warum es nicht eingestehen? Hans schrieb Karte von Dienstreise. Für all die Neuigkeiten vielen Dank. Ich will an Mimi schreiben.
Fritzchen – kein Pott so scheif. – Armer Kurti! Frl. Lüttje ist zu weit von hier fort, ich höre aber öfter von ihr.
Recht herzl. weihnachtliche Grüße
In Eile Anneliese.
Hier ist es so warm, daß wir erst mittags heizen und alle Knospen aufbrechen!
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