So 11.12.1932, Brief von Anneliese an ihre Eltern: “Hier wird Weihnachten eine reizende Volksbelustigung werden”
Poststempel: Southampton, 12 Dec, 1045 am
11. Dez. 1932.
Liebe Eltern,
nun ist es schon ¼ vor 10h und Ihr liegt wohl schon im Bette, dieweil es 1 Stunde später in Germany ist. Aber ich hatte ein sooo schönes Buch – nebenbei das erste, das ich hier in England ausgelesen haben – und das muss am Montag umgetauscht werden. Da haben wir eben Abendbrot später gehabt.
Zunächst einmal recht, recht herzl. Dank für die beiden schönen Briefe. Ja, der erste kam am Niklasabend an, als ich allein beim herrlich brennenden Feuer saß, zusammen mit einem Brief vom Walter und einer Drucksache – Zeitung – vom Hans. Ja, der Niklastag war einer der schönsten, die ich überhaupt hier gehabt habe, nicht daß etwas besonderes passiert wäre, aber ich war richtiggehend glücklich! Zuerst hatten Ena und ich – Mr. Cox war aus – am Abend vorher vor lauter Erzählen erst um 12h ins Bett finden können. Und da Mr. Cox zufällig die Nacht in S. blieb, haben wir es uns ganz bequem gemacht und sind nicht vor ½ 9h aufgestanden.
Und als ich aus meiner Tür ging – was meint Ihr wohl – da war der Nikolaus dagewesen und hatten mir ein paar schöne schwarze gefütterte Glacé Handschuhe gebracht, weil ich so schrecklich fleißig gewesen wär. Na ja, und das freut einen … Und dabei kennt man keinen Niklas in England! Und dann habe ich ein I a dinner gekocht: Maccaroni m. Schinken + Käse + Tomaten, Kartoffelbrei + Rosenkohl, Biskuit-Pudding m. Aprikosenmarmelade und das hat uns geschmeckt! Zuerst wollte mich die Ena nicht kochen lassen – und ich verstand es. Es könnte ihm ja einmal besser schmecken!
Na ja und Euer Nikolausgruß hat mir ja soviel Freude gemacht und die 10,- M, nein, einfach zu nett! Auch der Logengruß hat mich recht erfreut!!! Gerti schrieb mir daß Frl. v. Dahl ihre Schwester in Marburg besucht hat und gern meine Nachfolgerin werden möchte. Ich will aber erst bei Leni anfragen, sie soll 8 Tg. bevor ich fortgehe hier antreten. Nebenbei erzählen sie mir aber jeden Tag, daß sie mich gern länger hier haben möchten. Und Mittwoch gehe ich wieder morgens mit Mr. Cox nach S., mache Einkäufe, dann essen wir zusammen unsere “Butters” in seinem Geschäft, das Mittw. nachm. geschlossen ist und dann gehen wir ins Kino. Ja, das ist fein, nicht wahr? Die Leute sind reizend! Übrigens werden sie nicht mit mir nach Schwelm kommen, ev. später, was ich aber noch nicht glaube. –
Wenn es möglich ist, hätte ich übrigens gern doch noch solch ein Wollhemd – möglichst lang – weil mein eines zerrissen ist. Unser Haus ist übrigens nicht so kalt, weil wir meist Tag und Nacht einen regelrechten Ofen anhaben; in meinem Schlafzimmer ist zudem ein Heizkörper! Andere Häuser sind scheußlich kalt. Ich bin vorsichtig und hoffe und glaube, daß alles gut geht. Am kältesten soll das Haus sein, wo Lotte Lüttje ist.
Auf das Paket freue ich mich, dgl. auf den Weihnachtsgruß. Weißt Du, Muttel, ich habe bisher noch nichts Schönes für Dich gefunden, ich denke, ich bringe Dir was recht Schönes mit, wenn ich nach Hause komme. Für Vater habe ich eine nützliche Kleinigkeit, die ich Dir in den nächsten Tagen schicken werde. Dgl. d. h. zusammen mit einem Paket für Walter – einen schönen Schlips. Ev. werde ich am 24. Deutschlands Weihnachtsstunde hören. Hier wird Weihnachten eine reizende Volksbelustigung werden. Hauptsache ist Mistelzweig! Mr. Cox versichert mir fast jeden Tag, daß er mich dann wirklich küssen will. Wie ich mich darauf freue! Über die Weihnachtsstimmung, die aus Euren Briefen spricht, freue ich mich immer recht. Wie war denn das Elberfelder Logenkränzchen? Auf den neuen Gasherd und auf die Briefwage [sic] freue ich mich! – Tanten Anna schrieb mir einen ganz reizenden Brief und lobt mich in den Himmel! Zudem schreibt sie, dass Hans zu Neujahr nach Hause käme, aber das stimmt wohl nicht? Ich höre wenig von Kiel, aber immer sehr lieb. –
Für Eure Logen-Weihnachtsfeier wünsche ich viel Freude! Ich wäre gern dabei und bitte um schöne Grüße. Gewinn nur was recht Schönes. Ob Muckis das Niveau wohl sehr heben werden? –
Back man ruhig zu Weihnachten etwas mehr! Ich habe ein feines und billiges Rezept und backe fast jede Woche einmal und das freut Mr. Cox dann so! Letzte Woche hatte er Geburtstag und da habe ich seine Plätzchen für ihn gebacken.
Schreibt doch bitte Onkel Willys Adresse, ich will einen Weihnachtsgruß hinschicken.
Hier ist oft Rauhreif, nicht sehr dick, aber das sieht wunderschön aus. Letzte Woche war es recht kalt, aber sonnig und trocken. Das Wetter war bisher entschieden schöner als in Deutschland! Am 23. oder 24. fahren wir per Auto nach Southsea für genau 1 Woche. Wenn die See nicht zu stürmisch ist, werde ich mal zur Isle of Wight fahren. Und wenn wir dann zurückkommen, ist schon Januar. Ich werde wohl mit Lotte Lüttje bis Paris fahren – ich habe noch keine Antwort von ihr, das wäre etwa Mitte März. Ich freue mich ja schrecklich auf Euch alle, aber der Abschied von hier wird mir recht, recht schwer werden. Wir verstehen uns von Tag zu Tag besser!
So, nun Schluß! Eigentlich sollten Walter und Leni noch einen Gruß haben, aber es ist gleich 11h. Drum Schluß!
Viele liebe grüße und recht schöne Weihnachtsstimmung
Eure Anneliese.
Die Schrift entschuldigt bitte – ich kann im Sessel sitzend, ohne Tisch, nicht schnell und vernünftig schreiben.
Heute hat Mr. Cox eine deutsche Stunde gehabt, wir haben Tränen gelacht!
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