Mo 21.11.1932, Brief von Anneliese an ihre Eltern: “warum denn so fix, wenn’s auch langsamer geht?”
Poststempel: Southampton, 22 Nov, 730 pm
21. XI. 1932.
Ihr Lieben!
Nun ist es schon wieder Montag abend und Ena und ich haben ein wenig lange geklönt, das geht halt so schön am offenen Feuer! Und nun soll dieser Brief noch vorm zu Bette gehen und vorm Bad entstehen. Recht schönen Dank für Euren Brief und die zwei netten Deckchen! Den Bußtag [Mittwoch, 16. 11.] hatte ich ganz vergessen, so etwas gibt’s hier eben nicht. Und fein muss Euer Spaziergang ja trotz der Kälte gewesen sein! Hier ist es noch recht schönes Wetter, das böse kommt erst nach Weihnachten.
Von einer Adventsstimmung gibt’s hier keine Spur, macht aber mal für einmal nichts. Nun muss ich mir Doch endgültig die neuen Schuhe kaufen, mein Schuhmacher hat mir heute versichert, daß die braunen nun aber wirklich kein neues Besohlen mehr wert wären! Und den anderen geht’s auch nicht besser! –
Nun zu Muttis Fragen. Was sagt Georg zum Nasenbluten. Nichts Besonderes, ein wenig vollblütig, denke ich, nicht wahr? Zu schnell arbeite ich hier nicht, Muttel, das hebe ich mir für zu Hause auf, warum denn so fix, wenn’s auch langsamer geht?! Man würde ja doch nicht eher fertig sein. Essen tue ich eher zuviel als zu wenig! Leibweh gibt’s alle 3 Wochen, aber nicht zu schlimm – das liegt am Klima! Im übrigen geht es mir s–wohl, geht’s Euch auch gut? Leni werde ich bald mal schreiben, armes Kind. ob sie wohl nach London kommt. –
Für Emmi sollte es mich ja freuen, sie ist halt sooo fürs Heiraten erzogen, und in die Krise würde sie sich ja bald einfinden. An Krugs will ich gern zu Weihnachten schreiben. An Herrn Graf habe ich einmal geschrieben, ich denke das ist wohl genug? Zudem verschreibt man hier im Monat etwa für 3-4 M, das ist viel zu viel! –
Ich will dem Hans ja auch nichts und will ihn nicht ummodeln, nur bin ich nicht nur aus Großzügigkeit zusammengesetzt, zudem bekam ich kürzlich einen recht lieben Brief von ihm!! –
Hier schenken die Leute alle so scheußlich viel zu Weihnachten, das kann ich aber nicht mitmachen. Enas Schwester hat mich schon gefragt, ob ich gern Bücher habe und was ich haben möchte etc. (Preis 7 sh/6 d) Grüß Tölkes schön, die Anschrift von einigen Zeitungen werde ich bald mitteilen. –
Ein schöner, großer Teddybär wäre wohl das Beste für unseren kleinen Jungen, nicht wahr? –
Laßt mich nur mit dem Mistelzweig in Ruhe, es wird mir schon schlecht genug ergehen. Neulich wollte Mr. Cox schon einmal Weihnachten spielen, da habe ich ihm dann erst einmal klar machen müssen – in aller Liebenswürdigkeit – daß er sich wirklich nur 5 Wochen verrechnet hat. Aber sonst ist alles in Butter, ich bewundere zwar manchmal Ena, sie will mir manchmal im Spaß die Augen auskratzen, aber sie ist nie neidisch und eifersüchtig. Ich nehme mir mal kein ausländisches Mädel ins Haus!! Kochen und Backen tue ich übrigens nicht, das hat sie nicht gern – es könnte ihm vielleicht besser schmecken – und ich verstehe das! Versuchen wir’s halt zu Hause. Rezepte habe ich genug! –
Wo ist Gerti eigentlich? Die kleine Betty aus Scalby weint sich die Augen aus – sie hat mir einen ganz verzweifelten Brief geschrieben. Wenn Coxens nicht nach Schwelm kommen – was ich glaube – dann werde ich wohl doch Ende Februar nach Hause kommen, damit das arme Kind wieder Freude am Leben hat! Mit Frl. Naujock habe ich letzten Freitag eine kleine Schiffstour (1/4 Std.) gemacht. Der Hafen und die Beleuchtung waren sehr schön! Dann haben wir einen Bekannten von ihr aufgesucht, der uns im Kino frei gehalten hat. Diese Woche will Mr. Cox mit mir in den “blauen Engel” gehen – Marlene Dietrich & Emil Jannings. Am Freitag werde ich bei gutem Wetter den ganzen Tag nach Salisbury gehen, fein, nicht? Da ist ein herrlicher Dom. Mit Mr. Cox fahre ich nach Southampton und von dort aus gibt’s einen billigen Bus. Am Sonntag war ich mit Frl. Naujock zum Kaffee bezw. Tee und Abendbrot bei deren Bekannten, wo ich schon einmal war, vor 14 Tagen war. Ganz reizende Leute, gebildet und verarmt. Er war Offizier im Krieg und ist jetzt Gärtner und sie hat eine Putzstelle. Sehr sehr feine Menschen und fast zu nett für England – aber ich darf ja in dieser Hinsicht nichts sagen, ich hab ja Glück gehabt. Übrigens – nur für Euch – soll Lotte Lüttje es jetzt sehr schwer haben. Ein franz. Mädel – paying guest – ist dort krank geworden und sie hätte es zu all ihrer Arbeit noch pflegen müssen. Vielleicht ist es nur halb so schlimm, denn sonst würde sie doch wohl nicht solange bleiben.
Für Vatis Nachrichten schönen Dank, hat mich interessiert!! Wird Vati versetzt werden??
Nun Schluß, ich bin soooo müde. Mögt Ihr die Bilder?
Recht herzl. Grüße und gute Nacht!
Eure Anneliese.
manchmal genannt “Curly locks” = Lockenköpfchen! Mr. Cox’s Erfindung!
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