Di 08.11.1932, Brief von Anneliese an ihre Eltern: “beim Kinderwagenschieben gibt’s recht kalte Finger”
Meine liebe Mutti,
schon einmal und zwar am 31. X. hatte ich angefangen, Dir zu schreiben, aber damals gab’s allerhand zu tun und so blieb’s beim Anfang und Deine Tochter zog es vor, ins Bett zu gehen und sooo schön zu schlafen! Sei halt nicht böse drum! Nun habe ich heute viel frische Luft gehabt, bin heute morgen und heute nachmittag mit Christopher, teils mit Ena – draußen gewesen. Oh, es war herrlich! Denk Dir, Montag sind wir durch den New Forest zur See gefahren und haben stundenlang am Strand gesessen – und das im November! Wunderbar!
Tiefblaue See, gelbe Felsen und dunkelblauer Himmel. Dazu der Blick auf die Isle of Wight! Morgen geht Ena zur Massage und Frl. Naujock kommt zum Tee zu mir. Am Freitag bekommen wir Besuch, ich gehe aber aus, weil ich gern “Mata Hari” sehen möchte. Am Samstag geht’s für den ganzen Tag nach Porthmouth, hurrah!! Und meine Finanzen! Na, ich habe noch allerhand von dem Geburtstagsgelde und möchte nicht gern das Geld hier ausgeben, das Du Dir mühsam abgespart hast, mein Muttel! Ganz ohne kommt man hier allerdings auch nicht aus; allein eine Fahrt zur Stadt kostet 10 d = ca 75-80 Pfennig! Und diese Schuhsolen, na Du kennst mich ja! Was mir nun einigermaßen Sorge macht, das ist mein Schuhwerk; ich glaube nicht, daß ich umhinkomme, mir ein Paar schwarze Schuhe – bequem u. elegant – zu kaufen, recht schmerzlich, aber wohl nicht zu ändern! Dazu kommen noch Winterhandschuhe, die recht recht warm sein müssen, denn beim Kinderwagenschieben gibt’s recht kalte Finger. Na, müssen mal sehen, etwa 10 M muß man hier für Schuhe doch anlegen, aber was sein muss, muss sein. –
Im übrigen geht alles gut! Ich glaube, daß alles gut bleibt, ich glaube sogar ziemlich sicher sein zu können – aber da läßt sich mit Bestimmtheit nichts sagen. Kleinlich darf man eben auch nicht sein. Wir haben alle hier viel Spaß zusammen, gestern abend –und das ist garnicht so etwas Besonderes – haben wir uns mit Kissen, Weintrauben und Apfelsinen bombardiert, ungezogene Kinder, nicht wahr? Ich hätte ja ganz gern etwas mehr Zeit zum Lernen, aber was nicht ist, ist nicht. Mr. Cox hat mir versprochen, er will mich mit nach Oxford nehmen, wenn er geschäftlich dorthin muss. Ist doch nett, nicht wahr? Vergeßt bitte das Gymnastikbuch nicht? Hat Vater das Geld an Fa. Sauer geschickt? Der Katalog ist nämlich noch nicht angekommen. Advent gibt’s hier nicht! Weißt Du, ich glaube, Onkel Heiner will nur Eindrücke beschrieben haben, nicht feststehende Tatsachen (Mistelzw.) oder Sitten – er hatte das in meinem ersten Artikel alles gestrichen!! Ob er das Geld wohl bald schickt?
Nun Schluß; viele liebe Grüße u. Küßchen
Deine Anneliese
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