Mo 24.10.1932, Brief von Anneliese an ihre Eltern: “gerade in der Fremde liebt man es, erfreut zu werden”
Poststempel: Southampton 25. Oktober, 1130am
“Burleigh”, Hursley Road, Chandler’s Ford, 23. X. 32.
Meine liebe Mutti und Vati!
Ich – Anneliese –, 24 Jahre alt, danke Euch recht herzl. für Brief, Geburtstagsbrief, alle Wünsche und Gaben incl. Geld, das ich wirklich gut gebrauchen kann! (4 sh für Hemdbluse, London, 3 sh für Uhr, 3,6 sh für Schuhsohlen usw.) Ja, das war einmal ein Geburtstag grundverschieden von allen bisher gehabten. Ja, die Engländer finden nicht, daß man soviel Sums um solch einen Tag machen soll, schade, daß die Menschen hier nicht verstehen, soviel Feste und Freude zu haben wie irgend möglich.
An ein Beibringen ist nicht zu denken, bleibt also nur das “Sich-damit-Abfinden” übrig, was garnicht einmal so unendlich schwer ist, wenn man die Notwendigkeit eingesehen hat! Nur wundert man sich immer wieder darüber, daß es Menschen gibt – und wohl nicht zu wenige in Deutschland – denen ein Geburtstag nie zum besonderen Ehrentage gemacht wird – und so wundert und beobachtet man sich und Sitten und Gebräuche und die Wirkung, die dies Erleben auf einen ausübt und kommt über das hin und wieder auftauchende Gefühl des “Sichselbstbedauerns und Heimsehnens” ganz gut hinweg. Well, das sind nun alles so Gedanken, die einem beim Teppichbürsten am 22. X. kommen können und die wohl nicht so ganz ohne Gewinn sein dürften.
Nun aber zur Sache: Viele, viele Briefe und Karten aus Deutschland trafen von Donnerstag bis heute (24. X.) hier ein, sogar einige Photos. 3 Geburtstagsküsse hat es auch gegeben: 1.) von Ena (auf die Backe), 2.) von Christopher (auf den Mund) und 3.) von Mr. Cox (auf die Stirn) – das wäre halt engl. Sitte, hat er mir dabei erzählt – ist aber nur hier so. Na, zudem gab es noch 1 Paar br. Seidenstrümpfe von Ena und 2 Pkte. blaue Postkarten von Christopher. Dann gabs Frühstück und, dieweil es Samstag war, bis 2 ½h allerhand zu tun. Dann habe ich an Hans geschrieben, mit meinen Geburtstagstisch gedeckt und mich angezogen. Nachdem es den Morgen geregnet hatte, war nachmittags der herrlichste Sonnenschein, sodaß wir Christopher in den Wagen setzten und mit ihm 1 ½ Std. spazieren gingen. Dann gab’s Tee und Abendbrot und nachher habe ich sogar noch Strümpfe gestopft. Und dabei habe ich gedacht, daß ich das an meinem nächsten Geburtstage ganz bestimmt nicht tuen werde!!! –
Hans hat mir einen zieml. kurzen, herzl. Brief geschrieben und um weitere Geduld gebeten, er antworte demnächst. Maria schickte mir 2 sehr hübsch umhäkelte Taschentücher. Mutter Galkas Bettschuhe sind bildschön, warum der Walter mir – außer einer kl. – Photographie – nichts zum Freude machen gesandt hat, ist mir nicht klar, (das soll nicht etwas Happigkeit bedeuten) denn gerade in der Fremde liebt man es, erfreut zu werden. Na, und das hat ja Euer Paket tüchtig besorgt. Der schw. Mantel ist nach wie vor bildschön und meine selbstgestrickte schwarze Angorawolle-Mütze sieht fein dazu aus! Der blaue Schawl passt fein zum braunen Mantel. Schlafanzug und Kittel sind Ia. Dgl. Mundperlen, Creme & Seife. Die “Album”noten habe ich recht vermisst; für die anderen herzl. Dank. Die Taschentücher sind recht schön, herzl. Dank. Dgl. für die “Hamstersachen”, auf die ich natürlich sehr gespannt bin!
Nein, Muttel, Bridge spielen wir nicht, aber Mr. Cox will es mir zeigen, er spielt sehr gut. Der Walter ist sehr ängstlich, weil ich Autofahren lernen will, er meint, es wäre zu gefährlich. Ja, wenn man jeder Gefahr aus dem Wege gehen wollte, dann würde man aber nie in der Lage sein, einmal einer ins Auge zu sehen. Und zudem verbessert es die Geistesgegenwart. Bisher habe ich noch fast nichts gelernt. Die Fahrt nach London durch die herbstlich bunte Gegend war herrlich! Es ist sogar alles gut gegangen, was ich wirklich einigermaßen bezweifelt hatte. Ich bin herzl. froh! London war mal wieder herrlich. Ich habe recht nette Stunden mit Ilse Schwarz verlebt, wir freuten uns, uns einmal wiederzusehen. Am Freitag bin ich dann bis nachmittags um 5h fleißig gewesen. Ena war aus und da habe ich gewaschen. Dann haben Christopher und ich Tee gehabt, dann hab ich gestopft, Chr. zu Bett gebracht und gebadet und Abendbrot gemacht – ein vollbeschäftigter Tag! Heute (24. X.) habe ich einen recht schönen Nachmittag gehabt.
Als ich von London zurückkam, fand ich einen Brief von einem deutschen Mädel vor, das in Chandlers Ford lebt, auf dem Polizeipräsidium meinen Namen erfahren hatte und mich nun gern kennenlernen wollte. Und lieb wie Ena nun einmal ist, schlug sie mir gleich vor, sie für heute zum Tee einzuladen. Da war sie nun heute hier, heißt Olga Naujock, ist aus Lübeck, hübsch und klug, 4 Wochen hier, hat Bekannte in Southampt., wo sie auch mich einführen will – na, wir haben uns gut verstanden und am Mittwoch nachm. besuche ich sie. Morgen früh fahre ich nach Southampton, sodaß ich wirklich eine sehr abwechslungsreiche Woche vor mir habe. Ena geht es übrigens nicht gut, sie hat etwas ähnliches wie Frl. Pluquette, stellt sich nur nicht so an. Sie muß 2 mal i. d. Woche nach Southampton zum Massieren.
Zu Weihnachten wird dieses Jahr ein besonders großer Mistelzweig gekauft, und etwas über jede Tür gehängt. F.F.!
Was sagt Ihr denn dazu, daß Leni kommen will? Ich habe heute für sie annonciert.
Die Grabner-Angelegenheit ist natürlich sehr traurig, die armen Kinder!
Für meinen Art. herzl. Dank. Hoffentlich bleibt auch das Geld nicht aus.
Nun Schluß, es ist ½ 1h nachts und ich kann nicht mehr schreiben, wollte aber gern, daß der Brief morgen früh wegkommt.
Vaters Optimismus hat mich erfreut.
Herzlichst Eure Anneliese.
Könnt Ihr wohl ein billiges Buch über Kindergymnastik (2 ½ Jahre) auftreiben u. schicken? Mr. Cox bat darum!
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