Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Do 20.10.1932, Zeitungsartikel von Anneliese: “die allgemein im Hause gepflegte Musik ist oft eine Tortur für deutsche musikgeschulte Ohren”

Aus: “Für unsere Frauen” – Beilage zum General-Anzeiger der Stadt Wuppertal

Als Haustochter in England

Weitere Eindrücke einer jungen Schwelmerin von England, englischen Sitten und Leuten.
(Schluß aus Nr. 241.)

Immer wieder kann man feststellen, daß das Sprichwort: “Andere Länder, andere Sitten” seine Richtigkeit hat; und da heißt es dann, dauernd die Augen offen halten! Natürlich soll man sein Deutschtum nicht verleugnen, aber man braucht ja auch den englischen Sitten nicht gerade zuwider zu handeln, soweit es sich mit seinem eigenen Standpunkt vereinen läßt. Da ist allein so mancherlei bei den Mahlzeiten zu beachten, was in Deutschland zum guten Tone gehört und in England verpönt ist, und wiederum ist man selbst von manchen Sitten – man denke nur an das Schneiden der Kartoffeln mit dem Messer – zuerst entsetzt. Da ist es dann für einen selbst und für die anderen am wünschenswertesten, wenn man sich nach Möglichkeit anpaßt.


Ueberrascht – und nicht gerade angenehm – ist wohl auch jeder Deutsche von der Art eines Tanzabends in England. Von der heimeligen deutschen Gemütlichkeit in den Tanzlokalen mit Klubsessel und gedämpftem Licht ist hier nichts zu sehen. Hier finden wir einen mehr oder minder großen Raum mit Stühlen rings herum, auf denen die Tanzlustigen sitzen – meist natürlich Mädels; es ist aber vollkommen in der Ordnung und Mode, daß Mädels miteinander tanzen. In den Pausen werden dann Klapptische aufgestellt, um die Erfrischungen – meist Kaffee oder Sodawasser – darauf niederzusetzen. Ich glaube kaum, daß wir in Deutschland viel Zulauf zu solch unfreundlichen Tanzstätten haben würden. Allerdings ist die Art, die Kunst des Tanzens an und für sich, bei den Engländern vorbildlich und beachtenswert, und interessant. Für den Volkscharakter eigentümlich ist auch, daß ebenso die alten wie die neuen Tänze mit gleicher Begeisterung und Vollendung getanzt werden. Leider ist der Preis für die Eintrittskarte erheblich hoch. Wie überhaupt in England – zu unser aller Entsetzen – die schönen Sportvergnügen wie Tennis, Golf usw. ziemlich teuer sind. Die billigste Sportart ist wohl die des Kartenspiels. Sie ist in allen Kreisen verbreitet. Hier ist auch für die Haustochter eine der wenigen Gelegenheiten, mit anderen Engländern zusammen zu kommen und Bekanntschaften anzuknüpfen. Ich glaube ja nun kaum, daß wir Deutschen uns für das Kartenspiel jemals so begeistern können wie die Engländer. Natürlich spielt man meist um Geld und es wird gar nicht absonderlich empfunden, daß – wie ich kürzlich erfuhr – Pfarrer zusammen zugunsten der Kirchkasse spielen!

Ja, und nun zur Kirche. Welche Haustochter kommt wohl nicht mit dem Gedanken herüber, daß die Engländer am Sonntags mindestens einmal – wenn nicht gar öfter – zur Kirche gehen. Nun hat England eine Unmenge schöner Kirchen und Kapellen, denn das Sektenwesen ist hier stark verbreitet. Aber ich habe immer mehr den Eindruck gewonnen, daß auch in England das zur-Kirche-gehen mehr und mehr aus der Uebung gekommen ist, und ich habe viele Familien getroffen, die fast überhaupt nicht hingehen. Diese überraschende Feststellung machen wohl alle die Deutschen, die nach hier kommen und einen Einblick in die Familien gewinnen. Und doch lohnt sich ein Kirchgang. Schon allein die wunderbaren Chöre, die man zu hören bekommt, sind ein Kunstgenuß für sich. Die englische Kirchenmusik ist wirklich vorbildlich, und jeder Deutsche freut sich wohl, hier einmal etwas Gutes in dieser Art zu hören, denn die allgemein im Hause gepflegte Musik ist oft eine Tortur für deutsche musikgeschulte Ohren.

Man wundert sich überhaupt immer und immer wieder, wie verschieden und wie viel einfacher und gediegener der Geschmack der Deutschen gegenüber dem der Engländer ist. Abgesehen von ganz wenigen geschmackvollen Häusern, findet man fast in jeder Familie eine Unmenge Nippsachen, die wir Haustöchter beim Abstauben nicht selten verwünschen – nicht zu vergessen diese glücksbringenden Kleinigkeiten, Talisman genannt. Denn man kann sich ja gar nicht vorstellen, wie kindlich-abergläubisch die Engländer sind! Und natürlich wird immer von den Haustöchtern verlangt, daß sie diese geschmacklosen Dinge gebührend bewundern.

Eine andere Art von “Geschmack” kann man im Kino kennen lernen. Wenn man diese “thrilling” (nervenkitzelnden) Filme zuerst sieht, ist man fest entschlossen, nicht wieder ins Kino zu gehen, und schaudernd denkt man, daß es wohl in Deutschland unmöglich wäre, solche Massen mit diesen nervenaufpeitschenden, rohen Darstellungen zufriedenzustellen. Aber allen jungen deutschen Mädels zum Trost muß gesagt werden, daß es auch andere, schönere Filme gibt – doch davon sind die Engländer dann meist nicht so begeistert.

Und nun zum Schluß will ich noch all denen, die nach England zu kommen beabsichtigen, verraten, daß die Engländer recht tierlieb sind, und eine Familie ohne vierfüßigen Hausfreund – sei es nun Hund oder Katze –, der natürlich nach Kräften verwöhnt wird, ist eine Seltenheit. Und der beste Weg für die Haustochter, sich beliebt zu machen, ist, diesen Abgott der ganzen Familie nach Kräften zu bewundern und zu verhätscheln.

Beachtet man alle solche kleinen Tricks, weiß man sich unentbehrlich zu machen – ohne sich jedoch ausnutzen zu lassen –, so fühlt man sich ganz wohl im “gelobten” England und behält sein seelisches Gleichgewicht, das zum “Ueber-der-Sache-stehen” unbedingt erforderlich ist und es einem möglich macht, das Neue und Schöne, das man natürlich immer finden kann, recht und mit Freude zu genießen.

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