Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

So 16.10.1932, Brief von Anneliese an ihre Eltern: “als das Ziel unserer Sehnsucht steht doch immer die endgültige Heimkehr in unser Vaterland”

Poststempel: Southampton, 17.10., 1015pm

Burleigh 16. Okt. 1932.

Ihr Lieben!

Der Walzer “An der schönen blauen Donau” ist gerade die rechte Begleitung zum Nachhause-Brief. Zunächst dem Vater recht herzl. Dank für seinen lb. Brief, der mich so sehr erfreut hat, daß der Herr Postdirektor ruhig einmal öfter von sich hören lassen sollte. Die heimatlichen Stiefmütterchen haben mir viel Freude gemacht. Na, da habt Ihr ja schöne Ferien gehabt und zudem viel Neues gesehen. Was hat die Ilse nun immer bei Euch angefangen. Wie geht es denn eigentlich Tölkes?

Daß sie meinen Artikel noch nicht bringen wollten, kann ich ja einesteils verstehen, aber dann hätten sie auch nicht so drängen sollen, es ist mir wahrhaftig bitter schwer gefallen, in London die Zeit zum Schreiben zu erkämpfen. Zudem warten schon viele Leute auf die neuen Nachrichten über England und alle die Mädels, die in England sind, haben schon zu Hause um Zusendung des Artikels gebeten; das könnt Ihr Tölkes ruhig mal erzählen! Könntest Du, Vaterle, mir nicht einmal etwas Politisches verraten? Ich höre hier so herzlich wenig. Gerti bekam immer mal Zeitungen geschickt, das kostet doch nicht viel. Könntest Du das nicht auch einmal besorgen? –

Von Maria habe ich einen langen Brief bekommen – den ersten, seit ich in England bin. Im Großen und Ganzen eine Antwort und Widerlegung meiner Einwände, die ich in dem Brief an Hans gemacht hatte. Hans stellt mir Antwort für bald in Aussicht. –

Na, Väterle, mit dem Auto wird es wohl nichts werden! Vorläufig habe ich auch noch nichts gelernt. Das wird aber bald besorgt. Denk mal, am Mittwoch fahre ich mit Mr. Cox – falls nichts dazwischen kommt – für 2 Tage nach London. Schlafen werde ich wohl bei Ruth Först aus Gevelsberg. Das ist eine Belohnung dafür, daß wir letzte Woche so fleißig gearbeitet haben, um den Handwerkerdreck zu entfernen. Am Samstag (22. X.) werden wir wohl zu Enas Eltern nach Porthmouth [sic] fahren, fein nicht? Die Coxens sind nach wie vor sehr sehr nett. Wir malen uns schon immer aus, wie nett es werden wird, wenn sie uns in Deutschland besuchen werden! –

Na weißt Du, Väterle, daß es mit der Besuchsfahrt im Dezember nichts wird, haben Ena und ich uns schon gleich gesagt als Mr. Cox uns den Preis mitteilte. Schade, jammerschade! Aber höchst verständlich. Nun schlagen wir uns den schönen Traum aus dem Kopf! Es ist nun Eure Schuld, daß ich mit der Mistelzweigaffäre Bekanntschaft machen werde – ich weiß jemand, der sich darauf freut! Na, ich mache Euch dafür verantwortlich. Wir werden wohl für 1 Woche nach Porthmouth zur Familie Jeffery fahren; das sind ganz reizende Leute (zudem Zahnarzt!) und Enas Schwester Ruth ist 19 Jahre alt und recht lustig. Zudem wird auch ihr Bruder (26) kommen und evtl. dessen Freund. Am 2. Weihnachtstag werde ich ja wohl unendliches Heimweh haben, obwohl die Coxens mir versprochen haben, daß sie alles tun würden, um mich froh zu stimmen. Und schließlich lerne ich ja auch allerhand neue Sitten kennen. –

Nun zum Schluß füge ich noch einen Brief von Mr. Cox bei, den Du bitte mit dem Betrage von 2 Shilling = M. ? (bitte nicht zu wenig) an die Firma Sauer schicken wirst, nicht wahr? Mr. Cox gab mir das Geld, was ich Dir ja leider (!) nicht übersenden kann; es wird aber nicht garzu schwer werden, das Geld am Mittwoch in London loszuwerden! Ich muß nämlich allerhand einkaufen, u. a. schwarze Schuhe. Na, nun soll die Mutter zu Ihrem Rechte kommen, also:

Mein liebes Muttel!

Recht herzl. Dank für Deinen lb. Brief, der mich trotz der darin enthaltenen Absage recht erfreut hat. Nur kam er etwas zu spät an, ich hatte Tag für Tag vergeblich sehnsüchtigst danach ausgeschaut. Wie wäre es, wenn wir den regelmäßigen Samstag-morgen-Brief wieder einführten? Meine Erkältung ist wieder ganz gut! Und mir geht es hier auch nach wie vor ausgezeichnet. Letzte Woche haben wir viel, viel Arbeit gehabt, um all den Dreck zu entfernen. Stell Dir überhaupt mal vor, ich halte das ganze Haus alleine sauber. Alle die schmutzigeren Arbeiten wie Ofen ausnehmen, boys Bettzeug waschen, Geflügel füttern usw. macht Ena und sie kann richtig böse werden, wenn ich ihr dabei helfen will. ich kann jetzt Ia bürsten und die Diele (Steine) bohnern! Aber wir verstehen uns blendend! Wenn Du Dir nun aber denkst, Muttel, daß man hier kein Heimweh haben könnte, so bist Du im Irrtum! Das geht wohl uns allen im fremden Lande gleich, wir sehnen uns oft soooo nach Deutschland und sagen aber zugleich: Wie schön und gut und von welchem Vorteil ist es doch, daß wir hier sind. Aber eine Fremde bleibt es für uns doch und als das Ziel unserer Sehnsucht steht doch immer die endgültige Heimkehr in unser Vaterland. Die Leute mögen hier noch so nett sein, sie sind und bleiben doch unverständlich und etwas fremd. Wir können einander liebhaben – wie Ena und ich – und fühlen doch eine gewisse Kluft zwischen uns, das tut schon die andere Sprache. Und daß auch ich oft ungeheure Sehnsucht nach Euch und nach meinem Walter habe – nda das braucht ja doch eigentlich garnicht gesagt zu werden.

Wenn mein Brief vielleicht etwas kurz geklungen hat, dann liegt das daran, daß ich mich nie ganz konzentrieren kann, weil wir abends immer alle zusammen ums Feuer sitzen und man immer abgelenkt wird. Also am 20. Februar habe ich in B. zu sein? Eigentlich sollte man auf so lange Zeit hin keine Daten festsetzen! Der nächste Weg von hier nach Hause ist wohl über Frankreich und da möchte ich ganz gern 1 Tag in Paris Station machen. Habt Ihr etwas dagegen? Sobald werde ich wohl nicht wieder Gelegenheit haben, dorthin zu kommen. Zudem schrieb mir Lotte Lüttje, daß sie Anfang März nach Paris fahren will. – Vielleicht könnten wir dann zusammen reisen, es wäre im März (!!). ¾ Jahr, daß ich fort bin. Aber darüber wollen wir ja heute noch nicht reden, es mag recht gut sein, daß ich eher wiederkommen möchte! Ena will mich zwar dann noch nicht gehen lassen – aber Freunde gehen vor. Ich hatte mich ja auch schon so gefreut, Euch alle wiederzusehen, aber diese Zeit hier wird mir für mein ganzes Leben von Nutzen sein! Ich sehe viel viel, was ich anders machen will! Die Sprache ist doch noch das Wenigste, was man lernt. –

Über alles, was Du mir über meinen Walterjungen geschrieben hast, danke ich Dir herzlichst! Bist doch eine kluge Mutter und ich danke Dir, daß Du die Mitteilung der späteren Heimkehr übernommen hast! Mit dem “fabelhaft viel Gelernten” ist es nebenbei nicht so weit her. Über Hildesheim bin ich froh, es wäre mir doch schwer geworden, nicht nach S. zurückzukehren! –

Gegen wen ist E. Wendt denn verlobt? Und was hat Gerti gesagt und was sagt Ihr zu Gerti? Sie ist doch ein recht recht liebes Ding! Leni ist totunglücklich in ihrer Stellung und möchte gern nach England kommen. Mr. Cox’s Bruder will sie gerne haben – hoffentlich macht ihre Mutter keinen Strich durch die Rechnung (nur für Dich!). Auf das Paket freue ich mich. Grüß alle Menschen wieder! Weihnachten verlangt nun allerlei Geschenke von mir. Kannst Du mir wohl einige von den gestickten und hübsch umhäkelten Taschentüchern schicken? Und ev. einige kl. Batistdeckchen, die ich mit Kreuzstich besticken kann? Du weißt sicher, was ich meine. Es ist hier in England fast unmöglich, etwas zu kaufen, denn die Leute haben einen verborten Geschmack und sind zudem noch unverschämt teuer! –

Heute ist Sonntag! Wir haben nach dem Essen eine 1stündige, feine Autofahrt gemacht durch langsam bunterwerdende, herrliche Gegend. Letzte Woche Sonntag waren wir den ganzen Tag in Porthmouth, da habe ich die See einmal wieder gesehen. Zum Hochzeitstag nachträglich herzl. Glückwunsch, ich habe an Euch gedacht. Mrs. Thompson hat ein neues ausländisches Mädel, stellt es aber Bettys Tante vorsichtigerweise nicht vor. Nun Schluß, das Abendbrot will hergerichtet werden.

Herzlichst Eure Anneliese.

Besorgt mir doch bitte gelegentlich einmal wieder eine große Schachtel Georg-Pulver!!!

Viele Grüße!!!

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