Do 13.10.1932, Zeitungsartikel von Anneliese: “es ist nur zum Nutzen unseres Vaterlandes”
Aus: “Für unsere Frauen” – Beilage zum General-Anzeiger der Stadt Wuppertal
Als Haustochter in England
Weitere Eindrücke einer jungen Schwelmerin von England, englischen Sitten und Leuten.
In unserer Frauenbeilage vom 11. Aug. ds. Js. teilt eine junge Dame aus Schwelm ihre Erlebnisse als Haustochter in England mit. Sie läßt nun weitere Eindrücke aus England folgen:
Was jedem nach Schlankheit sich sehnenden Mädel als erstes ins Auge springt, ist die vorbildliche Figur der Engländer, sowohl weiblichen als auch männlichen Geschlechts, die, obwohl sprichwörtlich bekannt, doch immer wieder mit Bewunderung und oft mit leichtem Neid angestaunt wird. Und man bewundert diese schlanken Gestalten gerade deshalb so sehr, weil man – es ist das selbe Leiden bei fast allen ausländischen jungen Mädels – langsam, aber sicher die eigene, in Deutschland mit so viel Sorgfalt behütete schlanke Linie mehr und mehr schwinden sieht; es gehört schon eine ganze Portion Willenskraft dazu, hier dem Appetit im rechten Augenblick ein energisches “Halt” entgegenzusetzen, denn die englische Kost ist reichlich und köstlich, und die Luft dieses Insellandes macht gar so hungrig! So allbekannt all dieses sein mag, jedes junge Mädel und besonders jede Haustochter erlebt es von neuem wieder, und Gewichtszunahmen von 15 bis 20 Pfund im halben Jahre sind gar keine Seltenheit.
Da ist wohl keine, die die englische Kost nicht liebte – aber viele zum Küchendienst bestimmte Haustöchter stöhnen über den Aufwand an Arbeit. Alle diese so köstlich mundenden Pasteten und Puddings, alle diese Backwaren (tea cakes) wollen erst fabriziert sein, bevor man sich daran erfreuen kann. Immerhin kann jedes lernbegierige Mädel sich hier eine Reihe wohlschmeckender Rezepte aneignen, die den Angehörigen und Freunden in Deutschland dann später zugute kommen werden, d. h. sofern das liebe Kleingeld dafür vorhanden sein sollte. Denn die englische Lebensweise erfordert eine Menge Geld; das wollen die Engländer aber nicht einsehen; sie sind es eben gewohnt und halten ihren ganzen Lebensstil für selbstverständlich und notwendig, und glauben gar noch, daß sie arm sind, sofern sie nicht mehr große Ersparnisse machen können. Von Deutschlands augenblicklich doch sehr sichtbarer Notlage sind sie hingegen nicht recht überzeugt, und man hat seine ganze Beredsamkeit aufzuwenden, um an Hand von Tatsachen und Beispielen ihnen ein einigermaßen klares Bild zu geben. Und es ist nur zum Nutzen unseres Vaterlandes, wenn jedes junge Mädel ernst und bestimmt die Not und Geldknappheit in Deutschland immer wieder erwähnt.
Es ist auch recht gut, wenn man sich vor der Abreise nach England ein einigermaßen gutes politisches Wissen aneignet, denn – mißtrauisch wie sie bei diesen Dingen einmal sind – wollen die Engländer gern über alle laufenden und möglichen Dinge Aufschluß haben, und es entspricht nicht dem Ernst der Sache, wenn man dann bedauernd zugeben muß, nicht genügend informiert zu sein. Es ist auch angebracht, sich von Deutschland laufend kurz Bericht erstatten zu lassen, denn die englischen Zeitungen geben meist ein verzerrtes, übertriebenes Bild der Geschehnisse.
Die Eigenschaft des englischen Landes als vom Kontinent getrenntes Inselreich wirkt natürlich auch auf die Menschen. Sie schließen sich von den Fortschritten der anderen ab, beschränken sich auf sich selbst und ihre eigene Nation und werden dadurch recht einseitig. Jedes auf die Bekanntschaft vieler Menschen erpichte “Fräulein stud.” stößt auf eine Masse dieser Insulaner, die in ihrem Land, ihren Leistungen und vor allem ihrer eigenen Person das allein Richtige und Seligmachende sehen.
Arme Haustochter, die in solch eine Familie gerät! Sie kann sich noch so viel bemühen, sie wird es nie recht machen und sich nie glücklich fühlen können. Aber auch für die anderen Deutschen, die nur eine Unterhaltung mit solchen Menschen suchen, ist es nicht gerade anheimelnd, wenn ihnen immer und immer wieder beigebracht wird: “Alles Gute kommt von England, und solltet ihr wirklich einmal etwas Besseres schaffen, so werden wir euch bald übertrumpfen!”
Glücklich sind die Mädels, denen das Schicksal im fernen Land einige Ausnahme-Engländer in den Weg führt, die die Entschlossenheit und den Lerneifer der deutschen Mädchen in jeder Weise bewundern und unterstützen, und nur bedauern, daß ihr eigenes Volk zu unbekümmert und uninteressiert ist, ein gleiches zu tun! Und erst das Zusammentreffen mit solchen Menschen, die mit aller Kraft und Liebe alles tun, um uns einen angenehmen Eindruck ihres Vaterlandes zu verschaffen, macht es uns Haustöchtern möglich, wahren Nutzen aus unserem Auslandsaufenthalt zu ziehen. Diese Menschen helfen einem auch – was stets sehr wesentlich ist – die sich immer wieder zeigenden Sprachschwierigkeiten und Aussprachefehler zu überwinden; sie gehen dabei sehr zartfühlend zu Wege, lachen kaum einmal – höchstens wenn es gar zu komisch klingt – und vergessen dann auch nicht zu versichern, daß sie selbst in gleicher Lage in Deutschland ganz sicher viel lächerlicher wirken würden.
Die meisten Haustöchter werden wohl in Familien mit mehr oder weniger vielen Kindern benötigt. Nun ist aber englische Kindererziehung ein Kapitel für sich, das den deutschen Haustöchtern oft Seufzer über Seufzer abringt. Besonders im Anfange, wenn man sich noch über die oft bodenlosen Redensarten der Kinder ärgert, allmählich gewöhnt man sich auch daran. Wahr ist jedenfalls, daß deutsche Kindererziehung, wenn auch nicht immer vorbildlich, so doch entschieden annehmbarer ist als die englische. Hier in England wird eben zu viel über Erziehung geredet und zu wenig gehandelt. Das sind denn die Kinder – trotzdem, oder gerade weil so viele Kindermädchen und Erzieherinnen benötigt werden – recht unselbständig und unerzogen. Und da nun deutsche Haustöchter gar so billig sind und englische Mütter sich nicht gern über die Launen ihrer Kinder ärgern, so kann man wohl verstehen, daß in kinderreichen Familien eine rege Nachfrage nach deutschen Mädchen besteht. Natürlich verlangt die Mutter, daß das Kind vom Antrittstage der Haustochter ab sich wie ein Engel beträgt, und ist das nicht so, dann hat natürlich einzig und allein die Haustochter die Schuld. Und wehe, wehe, wenn die Kinder einen liebgewinnen; das versucht die Eifersucht der Mutter mit allen Kräften zu vermeiden und erschwert somit erheblich die Stellung der Erzieherin zu den Kindern.
Außer zur Hilfe im Haushalt oder für Kinder werden auch manchmal junge Mädels für Familien mit erwachsenen Töchtern gesucht, die gern Deutsch lernen wollen. Leider sind diese zweifellos annehmbarsten Stellen recht dünn gesät und sind dann auch meist Austauschstellen. Aber schließlich ist ja nicht der Hauptzweck im fernen Lande, daß man sich besonders wohl fühlt, sondern daß man so viel wie möglich lernt und sieht und so einen rechten Ueberblick bekommt.
Bei den Engländern hingegen, mit denen man nicht direkt zu tun hat, bemerkt man oft eine übergroße Höflichkeit, die zuweilen auf Kosten der Wahrheit geht, und wenn auch das hier zu Grunde liegende Motiv des “Nicht-wehe-tun-wollens” nicht gerade zu verwerfen ist, so berührt einen dies oft recht abstoßend. Besonders betont wird diese Höflichkeit, sobald man merkt, daß man Ausländer ist.
Empfehlenswert ist es natürlich, nicht dauernd an ein und demselben Platze zu sein, doch da kommen einem ja meist die üblichen Sommerreisen zu Hilfe, die fast immer zur See gehen. Ein Ferienaufenthalt an der See oder im Gebirge gehört in England einfach zum guten Ton. Aber wie enttäuscht ist man dann oft, wenn man den aller Romantik baren Badestrand sieht, ohne die in Deutschland so allgemein und mit Recht beliebten Strandburgen. (Ganz im Vertrauen gesagt – ich glaube, die Engländer sind nur zu bequem, sich solche Arbeit zu machen.) Und hatte man gar den mit so viel Liebe und Stolz in Deutschland erstandenen Strandanzug eingepackt, so mußte man ihn hier – je nachdem an welchen Platz man ging – of[t] traurigen Herzens im Koffer lassen, denn in bezug auf Mode kann man hier allerhand erleben! Neben höchst feschen jungen Mädels und Frauen sieht man – hauptsächlich bei älteren Leuten – so unglaublich unmoderne Typen, daß man sich oft nur mit Mühe das Lachen verbeißen kann, und glaubt, die Figuren aus den Fliegenden Blättern seien lebendig geworden! Aber Schminke und Lippenstift stehen in England hoch im Kurse, und gegen diese kirschroten Mündchen und Wangen kommen selbst die Gesundesten von uns nicht an.
Um nun aber den Engländern nicht Unrecht zu tun, muß gesagt werden, daß sie doch nicht ganz ohne Sinn für Romantik sind. Man denke nur an die vielen Karawanen (Wohnwagen), die, von einem Auto gezogen, die Familien an einen schönen, ruhigen Ort führen, wo dann der “Wohnsitz” – bestehend aus ein oder mehreren Zelten – aufgeschlagen wird. Je nach Wunsch und Neigung wechselt man den Platz öfter oder macht sich für einige Zeit seßhaft. Natürlich macht das Aus- und Einpacken, das Aufschlagen des Zeltes usw. eine ganze Menge Arbeit, und natürlich gibt es bei solch einem Ferienaufenthalt für die Haustöchter allerhand zu tun, wird doch ein großer Teil des Haushalts mitgeführt, da man sich selbst zu verpflegen hat. Und die Kost darf nicht etwa schlechter oder einfacher sein als zu Hause! Aber trotzdem ist es recht wünschenswert, solch ein Nomadenleben auf dem Lande – das man in Deutschland wirklich noch nicht haben kann – einmal mitzumachen.
(Schluß folgt.)

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