Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Sa 24.09.1932, Brief von Anneliese an ihre Eltern: “Hier lerne ich auch englische Küche”

“Burleigh”, Hursley Road, Chandler’s Ford near Winchester, Hants.

23. 9. 32.

Meine liebe Mutti!

Sicherlich möchtest Du nun einmal hören, wie es Deine Tochter hier getroffen hat. Nun, genauso, wie es eine Haustochter bei uns treffen könnte, also ausgezeichnet! In allem und jedem das Gegenteil von dem Thompsonschen Hause. Hier gehöre ich ganz dazu, wir sind den ganzen Tag aufeinander angewiesen und haben immer viel Spaß zusammen.

Morgens um ½ 8h bringt mir Mrs. Cox eine Tasse Tee und heißes Wasser und dann stehe ich auf und wir haben alle zusammen breakfast um 8 ¼h. Dabei geht es immer recht fidel und gemütlich zu. Mr. Cox ist Fabrikant (Sportartikel); er macht gern Ulk und kann großartig meine Fehler verbessern. Dann räume ich den Tisch ab und spüle u. Mrs. C. füttert erst die Hühner und trocknet dann ab. Hinterher moppen und Teppichfegen und stauben wir die Zimmer ab und kochen, gehen einholen usw. Immer alle zusammen und in bester Laune. Um 3h sind wir immer spätestens mit allem fertig. Um den Jungen kümmere ich mich vorläufig noch sehr wenig, das macht alles Mrs. Cox. Ab 3h sitzen wir dann zusammen, lesen, schreiben, spielen Klavier oder Radio, gehen spazieren und Christopher spielt. Morgen nachmittag wollen wir mit unserem Auto nach Southampton zum Einkaufen.

Wir wohnen hier idyllisch schön. Kleines Haus d. h. unten kl. Diele, Esszimmer, Herrenzimmer, Frühstückzimmer, Küche u. Speisekammer, oben: Badezimmer, Mr. + Mrs. Cox Schlafzimmer, boys Zimmer, Fremdenzimmer und mein reizendes Zimmer. Vorläufig ist die Frau, die zum Saubermachen kommen soll, noch nicht da, weil ihre Mutter krank ist – wer werden aber gut fertig. Nächste Woche bekommen wir die Handwerker, weniger schön, aber das macht nichts. Hauptsache ist, daß die Leute so nett sind; so schön hätte ich mir das nie und nimmer gedacht! Heute beim Tee sprachen wir über Weihnachten und da fragte mich Mr. Cox, was ich zu Weihnachten zu tun gedenke; wenn ich nicht nach Hause fahren wollte – ich sagte, daß das allerhand Geld koste – so würden sie mich bestimmt glücklich u. froh machen. Sie gingen immer nach Southend zu ihren Eltern und hätten viel Freude da. Was sagst Du nun? In 13 Wochen ist schon Weihnachten. Aber darüber, was dann wird, wollen wir uns ja heute noch keine Gedanken machen.

Die letzten Tage in London zusammen mit den 2 deutschen Studenten waren sehr schön; wir haben noch viel gesehen.

So, nun ist es Samstag 3h und wir sind gerade mit der Arbeit fertig. Wir haben wirklich ganz angenehm viel geschafft. Jetzt wollen wir mit dem Auto nach Southampton und dort Tee haben. Mrs. Cox meinte gestern, daß ich viel besser wäre als ein Mädchen, denn ich machte die Arbeit so schön und sei zudem solch ein guter Gesellschafter, na, das freut einen denn ja auch! Wir versichern uns immer gegenseitig, daß wir ja sooo froh sind, daß wir uns gefunden haben. Heute habe ich ein ganz besonderes Lob gekriegt, weil ich das Haus so “wundervoll” sauber gemacht hätte. Wenn Mr. Cox abends um ½ 8h nach Hause kommt, dann fragt er mich, ob seine Frau sich auch gut betragen habe usw. Dann muss ich ihm jeden Abend einen Abschnitt aus der Zeitung vorlesen und dann verbessert und erklärt er mir alles. Ich brauche überhaupt nur mein Wörterbuch zur Hand zu nehmen, dann fragen schon beide, ob sie mir nicht helfen können.

Wir haben auch einen riesigen Hund, der sich immer sehr zu mir hingezogen fühlt, was mir allerdings weniger lieb ist. Unser Haus liegt an der Hauptstraße nach Southampton, 1 ½ miles von dem Dorf Chandler’s Ford. Denke Dir die Höhenstraße zwischen Schmiedestr. (Juliana) und dem “Isselstern-Weg”, genau so ist es hier: die Häuser in Gärten und auf der anderen Seite der Straße schönster Wald. Heute ist zudem noch herrliches Wetter. Wie ist es denn bei Euch? Ich habe lange nichts mehr gehört! Erholt Ihr Euch gut? Ist Vati schon wieder in Schwelm? Wann fährst Du? Schreib mal recht bald!! Heute abend soll der Walter einen Gruß bekommen, er hat mir einige sehr hübsche Bilder geschickt. Habt Ihr dort keine gemacht gekriegt? Leni schrieb mir – dies ist aber nur für Dich - sie ist so unglücklich und wird so sehr ausgenutzt. Verfl.– Pastorenfrauen. –

Hier lerne ich auch englische Küche, fein, nicht? Was ich Euch alles machen werde! Ah! Bald werde ich mal einen deutschen Kuchen verbrechen. Nun Schluß! Euch allen herzl. Grüße

Eure Anneliese.

Abends nach dem Abendessen rufe ich Mrs. Cox immer raus u. spüle allein. Sie muss doch auch etwas von ihrem Manne haben – und sie ist mir auch sehr dankbar dafür, will aber doch nie gehen. Morgens mache ich höchstens Toast und dazu gibt Ia Ia Kaffee!

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