Fr 26.08.1932, Brief von Anneliese an ihre Eltern: “fabelhaft kluge und vornehme Menschen”
Scalby, am 26. 8. 1932.
Mein lieber Vati!
Verdient hast Du es ja eigentlich nicht, daß Du solch einen “strahlenden” Geburtstagsgruß bekommst. Zunächst wünsche ich Dir, daß Du zum Geburtstag genügend Tinte und Briefpapier bekommst, damit auch ich einmal – abgesehen von den Adressen auf Paketen etc. – etwas Geschriebenes von Dir bekomme – höchst egoistischer Wunsch, nicht wahr? Und dann wünsche ich Dir natürlich alles, alles Gute, Schöne und Erfreuliche im neuen Lebensjahre vor allem Gesundheit, und Zufriedenheit und artige Kinder.
Da Du mir nun Deine Wünsche nicht weiter mitgeteilt hast, hoffe ich, Dir mit den einliegenden Vergrößerungen eine kleine Freude machen zu können. Ich hoffe, daß Ihr beiden “Ollen” Euch den Tag recht gemütlich macht und ein Stück Pflaumenkuchen mit Sahne auf mein Wohl essen werdet.
Und nun zu Mutters Bericht. Der schöne Brief hat mich sehr erfreut, ganz besonders herzl. Dank dafür. Ich freue mich, daß Ihr Euch mit Walter so gut vertragen habt – ist ja aber kein Wunder bei 3 solchen Prachtexemplaren! Das ist mir aber wirklich ernst! Auch der Brief von Walter lautete recht zufriedenstellend und so glücklich über die verbrachte Zeit in Schwelm und die ihm zum Erlebnis gewordenen Gespräche. Gar viel bin ich mit meinen Gedanken natürlich bei Euch gewesen und ein wenig Heimweh hat sich nicht ganz vermeiden lassen. Aber immerhin verbringe ich eine recht angenehme Zeit hier und Betty und Marjory und Janet tuen alles, um den schlechten Eindruck, den ich durch Mrs. Thompson von England bekommen habe, zu verwischen.
Am Dienstag morgen um 10h fahre ich per Bus nach London, wo ich gegen 6h landen werde; ich hoffe, daß mir die Fahrt gut bekommt. Auf diese Weise sehe ich dann wieder eine andere Gegend von England. Am Samstag kommen Moody’s zurück und ich ziehe dann für die restlichen Tage zu Janet, die es mir sofort so lieb anbot, als ich sagte, ich wolle nach Scarborough und dort gegen Bezahlung bei den Leuten wohnen, wo Hedi ist. Dort war ich gestern zum Tee, das sind fabelhaft kluge und vornehme Menschen, davon muß ich Euch mal erzählen. Ich will der Dame morgen die schönsten Blumen unseres Gartens bringen! Von Thompsons habe ich außer dem Dr in seinem Wagen niemand gesehen. Er war recht freundlich, nickte und winkte immer wieder. Er war ein Prachtmensch, nur zu nachgiebig für seinen Drachen.
Es Frieda hat mir einen solch netten Brief geschrieben. Was für ein tapferes Mädchen ich bin und das hätte sie auch getan, wenn die Frau so launig war usw. Und sie freut sich so, wenn ich wieder komme. Harald geht es garnicht gut.
Für die Decke herzl. Dank; ich will sie Mrs. Moody schenken. Zudem will ich morgen eine Kleinigkeit für die 7jährige Mary, sowie etwas für Marjory (die mir einen entzückenden Jumper strickt m. Puffärmeln) und Janet kaufen.
Nun muß der Brief schnell fort.
Nächste Adresse
c./o. Mr. Arthur
14, Gilkes Crescent
Dulwich Village
London S.E. 21
Herzlichst Eure Anneliese.
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