Mo 15.08.1932, Brief von Anneliese an ihre Eltern: “Der Abschied von den Kindern fiel mir doch schwer!”

eingestellt von SG am 15. August 2009 |

Poststempel: 715 pm

Bazentin
Station Road
Scalby near Scarborough.
c./o. Mr. Moody.
15. August 1932.

Ihr Lieben in Schwelm!

Wißt Ihr wohl was dieser freie Morgen mit der Aussicht auf eine längere Erholungszeit für mich nach all dem Vorhergegangenen bedeutet? Das erste Ding, was ich heute morgen tat, war: ein wenig auf dem herrlichen Flügel zu spielen und dabei zu konstatieren, daß ich unendlich viel verlernt habe; aber das läßt sich ja später wieder einholen! Nun sitze ich hier im gemütlichen Salon und sehe hinaus in den schönsten Garten mit dem herrlichsten Blumenflor.

Und wie gut tut die Ruhe! Und nun will ich Euch mal erzählen, denn Ihr wollt doch sicher etwas mehr wissen und ich glaube, ich habe in der letzten Zeit immer recht durcheinander geschrieben. Zunächst noch einmal herzl. Dank für Brief und Geld; beides hat mir sehr gut getan. Man mag ja über Geld denken, wie man will – es gibt einem – sofern man es hat – doch einen nicht zu verachtenden Rückhalt. Die letzten 14 Tage waren nun, abgesehen von einigen Ausnahmen, recht unangenehm. Heute vor 14 Tagen, gerade an dem Tage, als Mrs. Cox mir schrieb, daß sie mich nach ihrem Urlaub gern bei sich sehen würde, sagte mir Mrs. Thompson, daß sie für nächsten Monat allerhand vorhätten, die Kinder nun groß genug wären und ich noch 4 Wochen bei ihnen bleiben könnte, da sie wüsste, daß ich nicht soviel Geld wie Hedi hätte. Nette Gnade, nicht wahr? Sie wollte mir sogar ev. behilflich sein, etwas anderes zu finden, worauf ich dankte und sagte, daß ich bereits etwas gefunden hätte.

Am nächsten Tage kam es dann zum großen Krach zwischen ihr und Hedi, wonach Hedi auf ihrem Zimmer zu essen und am übernächsten Tage das Haus zu räumen hatte. Und das bei einem jg. ausländischen, 19 Jahre alten Mädel – ohne Kenntnis der Sprache!

Ich hatte nun all die Grobheiten, die sie sich gegenseitig an den Kopf warfen, immer zu übersetzen, nicht gerade sehr angenehm für mich! Hedi war noch nicht ganz die Treppe herunter, da machte sie mir die Scene, woraufhin ich Euch ja sofort schrieb. Ich ging denselben Abend zu Moody’s, um Betty zu sehen, erzählte was vorgefallen war. Daraufhin wurde ich eingeladen, nach mit Betty zusammen zu sein für die Zeit, wo sie fort seien. Man kennt Mrs. Thompson hier allenthalben recht genau und jeder bemüht sich nur, durch liebenswürdiges Wesen den Eindruck zu verwischen, den diese Engländerin auf mich gemacht hat. Nun rief Mrs. Moody Mrs. Thompson an u. fragte, ob ich einige Tage mit Betty zusammen sein könnte. Mrs. Th. war nicht begeistert und als ich sie am nächsten Tage fragte, was sie zu der Einladung sagte, erwiderte sie mir “nothing” (aber ich könnte am Sonntag gehen, denn es schicke sich nicht, daß ein jg. Mädel alleine im Hause schlafe!), worauf der Fall für mich erledigt war.

Als ich sie nun am letzten Samstag morgen fragte, ob ihr Mann mich und mein Gepäck am Sonntag abend nach hier bringen könne (oder ob es zu spät würde und Mr. Moody es holen solle), war sie so wütend und behauptete, garnicht gewusst zu haben, daß ich gehen wolle, sie habe gedacht, ich wolle nur bei Betty schlafen und dann zu ihr kommen. Worauf ich dann höflich und bestimmt sagte, ich nähme an, daß Mrs. Moody ihr alles gesagt habe und zudem dürfe sie nicht vergessen, daß sie mir nahegelegt habe zu gehen, falls ich mich nicht besser benehmen könne, wenn ihr Besuch da wäre und ich könnte mich eben nicht anders betragen, als ich es getan hätte. Zudem wäre hier eine solch nette Einladung, die ich selbstverständlich nicht ausschlagen wolle, zudem ich ja doch keine Hilfe für sie bedeute; ich verstünde überhaupt nicht, daß sie mich wo sie mir dies so oft versichert hätte, nicht ohne weiteres gehen liesse. Na, was dann noch so alles gesprochen wurde, könnte Ihr Euch ja wohl denken, aber sicherlich nicht, wie gemein sie wurde. Sie überfiel die ahnungslose Betty und drehte ihr die Worte im Munde herum, rief Mrs. Moody an u. behauptete, ich habe mich hier selbst eingeladen usw. Da stand denn meine Meinung fest, auf jeden Fall am Sonntag zu gehen, wenn nicht zu Moody’s – es konnte ja sein, daß sie den Skandal fürchteten, denn Dr. Th. ist ihr Dr. (aber sie waren viel zu anständig und nett dafür), dann als paying guest zu der Familie, wo Hedi ist.

Na, am Sonntag morgen benahm sie sich so schlecht es ging und war dann bis abends fort. Ich hatte Dr. Thompson vorher gefragt, ob er mein Gepäck u. mich zu Moody’s bringen wolle, wenn sie zurückkämen u. wann das wäre; er sagte es würde 10h werden und er wolle es gern tun. Aber er durfte nicht, sein Drachen spuckte Feuer. So hatte ich also um 10h meinen zweitgrößten Koffer etwa 15 Minuten weit zu tragen und der andere wird mir heute per Gepäckträger – damit es möglichst viel kostet – zugeschickt und das, wo Mr. Moody es so einfach hätte abholen können.

Nun ist alles vorbei, ich habe Euch nun noch einmal alles geschrieben, und nun will ich versuchen und mich zwingen, nicht mehr daran zu denken. Ihre Mutter war sehr nett zu mir und mochte mich sehr gern! Der Abschied von den Kindern fiel mir doch schwer! Ich habe der Betty eine gestickte Schürze geschenkt. Mrs. Severs, die mir zum Andenken eine englische Bibel gegeben hatte, habe ich ein umhäkeltes Taschentuch mitgenommen, worüber sie sich sehr gefreut hat. Ich bedaure, daß ich keine gemalte Decke für Mrs. Moody habe. Betty bekommt eine Kette. Heute abend kommt Bettys Cousine – 22 Jahre –, die sehr gut kochen kann. Dann werden wir eine recht lustige Zeit haben. Gerti ist mit der Karawane fort, sie will Ende August wieder in London sein; dann ist meine Zeit hier auch um.

Janet, mit der ich jetzt auch viel zusammen bin und sein werde, will mich vielleicht auch mal in Deutschland besuchen; es sind alles nette und anspruchslose Mädels. Höre ich bald von Euch? Ich denke soviel an Euch!!!

Herzlichst Eure Anneliese

veröffentlicht am 15. August 2009 um 15.00 Uhr
in Kategorie: Anneliese Merten

Ein Kommentar »

  1. [...] Briefkarte war dem Brief Annelieses an ihre Eltern [...]

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