Sa 06.08.1932, Brief von Anneliese an ihre Eltern: “die ganze Sache war eine bodenlose Unverschämtheit!”
eingestellt von SG am 6. August 2009 |
Poststempel: 06. August, 715 pm
Newby, am 5. August 1932.
abends ¼ vor 12h im Bett.
Liebe Eltern!
Na, auf Euren Brief, den ich morgen früh bekommen werde, bin ich gespannt! Was habe ich Euch denn nun eigentlich alle erzählt? Diese Woche war so ereignisvoll, daß mir der Kopf nur so brummt! Also – am Sonntag wurde Hedi gesagt, daß sie zu gehen habe und zwar sofort – ohne direkten Grund – und am Dienstag widerfuhr mir das Vergnügen, gerade nachdem ich am Morgen den Brief bekommen hatte, daß ich – sobald die Leute aus ihren Ferien zurück sind – nach Burleigh kommen kann.
Da habe ich ihr dann in aller Liebenswürdigkeit gesagt, daß mir das sehr lieb wäre und ich bereits eine andere Stelle hätte. Wir sind dann auch ganz gut miteinander ausgekommen – bis heute. Heute ging – wurde gegangen – Hedi in größtem Krach – sie war nicht ohne Schuld, aber die ganze Sache war eine bodenlose Unverschämtheit! Heute war Hedi noch nicht ganz zum Haus heraus, da machte sie mir eine furchtbare Scene. Ich verziehe ihre Kinder – sie haben mich nämlich gern und dann gerät sie außer sich vor Wut. Schlagen darf ich sie aber auch nicht. Ich kann hier überhaupt machen, was ich will, es ist alles grundverkehrt. (Ich werde hier allgemein bedauert, also braucht Ihr und ich es nicht mehr zu tun!) Dann bin ich faul, helfe ihr nie, SIE ist überhaupt viel fleißiger als ich (!!!) und wenn ich mich nicht anständig benehme, wenn IHRE Mutter jetzt kommt, dann soll ich auch machen, daß ich fortkomme. Ist das nicht lieblich. Nun kann man ja darüber denken, was man will, kann so vernünftig darüber denken, reden und schreiben, so etwas geht einem doch auf die Nerven! Gerti schrieb heute. Ich kann jetzt leider noch nicht hin, sie gehen erst in 14 Tg. – 3 Wochen camping. Ob sie bis hier kommen, ist fraglich, dgl. ob ich mit ihnen mit der Karawane zurückfahren kann. Ev. kann ich sie auf halbem Wege treffen.
Und nun zum Schluß kommt natürlich die Geldfrage Ich soll dort 2 £ pro Woche bezahlen, ich habe angefragt, ob es nicht billiger geht; ich denke, Gerti bezahlt nur 1 ½ £. Ich habe hier noch 7-8 £ auf der Bank. Die Reise kostet bis London über 1 £ und von dort kommt sicher noch 1 £ für die Fahrt bis Burleigh dazu; es liegt zwischen Portsmouth und Winchester. Es ist mir ja nun unangenehm, daß ich soviel Geld ausgeben muss; aber ich habe die 14 Tage Erholung nach dem Aufenthalt hier verflixt nötig!! Nun weiß ich ja aber auch, daß es Euch nicht gerade rosig geht, aber dann sage ich mir auch wieder, es ist ja nicht meine Schuld – sie hat es mit fast allen so gemacht – und dann habe ich doch bisher auch noch nicht soviel gekostet, nicht wahr? Es ist mir schrecklich, daß alles so zu schreiben. Ich könnte ja schreiben, schickt mir dann mein Geld, aber dann ist garkein Rückhalt für mich mehr da. Aber wenn Ihr nicht auskommt, dann sollt Ihr jederzeit davon für Euch holen, versteht Ihr? Schreibt mir doch bitte einmal darüber, was Ihr denkt, ganz ehrlich. In London gebrauche ich für Fahrten usw. ja leider auch noch Geld. Immer dieses … Geld. Und dabei hat Sie mir noch heute unter die Nase gerieben, daß ich zuviel vom Geld hätte (!), daß es aber mehr aufs Benehmen ankäme.
Heute – Samstag morgen – hat sie sich mal wieder scheußlich benommen, sie sucht direkt nach Gelegenheit mich fortzuekeln. Länger als bis zum 15. bleibe ich auf keinen Fall. Ev. gehe ich noch einige Tage nach Scalby zu Betty. Das sind zwar sogenannte Freunde, aber sie sagten mir gestern abend, daß ich zu ihnen kommen könnte, wenn sie gemein würde – sie kennen sie. Nach B. kann ich erst gegen Mitte September kommen, da die Leute verreist sind. –
Für Euren Brief herzl. Dank. Ich habe vorige Woche einen langen Brief geschrieben, ist er nicht angekommen. Paket nebst Inhalt per Post ohne Schwierigkeiten bekommen. Kleid herrlich, auch alles andere. Im Brief war auch der Zettel mit meiner Unterschrift für die Krankenkasse. Hat es nun Zweck, daß ich darin bleibe? Nur für einige Tage nach London zu gehen geht ja nun nicht könnt ihr es wohl einrichten? Ich hoffe nicht, daß man Vati abbaut!! Hans schrieb mir sehr nett. Ich gebrauche 1-2 Abzüge von dem Passbild sofort, ich bat Hans Euch zu schreiben, wo die Platte ist, habt Ihr Nachricht? Na, Muttel, nun mach Dir keine Sorge, ich komme schon durch – aber eine kurze Erholung müßt Ihr mir schon gönnen.
Herzlichste Grüße Dir und Vater und schreibt bitte sofort
Eure Anneliese.
Nun fällt mir ein, es waren auch 2 nette Bilder von mir in dem Brief. Habt Ihr ihn nicht inzwischen bekommen? Ich habe ihn hier Dienstag morgen in den Kasten gesteckt. Gleich will ich mit Betty, ihrer Tante u. Onkel u. Cousine im Auto einen Ausflug machen. Gott sei Dank, daß ich hier heraus komme! Ihr glaubt ja garnicht, mit welcher Freude ich meine Koffer packen werde. Nächste Woche will ich dann noch nach York; die Stadt soll recht sehenswert sein und dann die Woche geht es fort, hurrah. Ich möchte nur erst gern die Bleibeerlaubnis erhalten und gebrauche deshalb die Bilder sofort. Über Onkel Heiners Bericht habe ich mich sehr gefreut; die Zeitung müsst Ihr mir bitte aufheben.
Für Blumen und Berichte vielen, vielen Dank. Auch ich freue mich auf Weihnachten, Muttel!! Die Dame in Burleigh ist 30 Jahre, ihr Mann hat tagsüber in der Stadt zu tun. Sie hat einen 2jährigen Jungen und ich soll ihr im Haushalt helfen. Sie spielt Tennis u. Federball und hofft, daß ich mitspielen kann. Der Brief ist sehr nett geschrieben, aber das besagt ja garnichts. Lotte Lüttje wird sie dieser Tage sehen und mit ihr sprechen und mir dann darüber berichten. Sobald ich mehr weiß, hört Ihr von mir. Alle Schwelmer Neuigkeiten haben mich sehr interessiert, bitte um mehr. –
Um den Walter-Besuch beneide ich Euch sehr! Hoffentlich habt Ihr recht schöne Tage zusammen.
Nun Schluß! Herzlichst
Eure Anneliese.
veröffentlicht am 6. August 2009 um 16.15 Uhr
in Kategorie: Anneliese Merten