Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Di 02.08.1932, Brief von Anneliese an Walter: “ich habe mich schnell davon gemacht!”

August 2nd, 1932.

My dear Walter!

I am sitting here by the sea in a wonderful café with Hedi and Streek our beautiful black dog. The band is playing a nice song. The sea is coming in and the air is strong and fresh. Mrs. Th. and the children are shopping in Scarborough. Thanks so much for your letter received yesterday. I see, you have quite enough to do but I hope you’re happy. It is very difficult for me to write this letter in English as I am always talking to Hedi. I’m so sorry.

Nun also in Deutsch. Für Deine Schwelmer Ferien wünsche ich Dir recht viel Freude!! Schreib mir bitte recht bald einmal, wann und für wie lange Du hinfahren willst. Und dann laß mich bald einmal hören, was Du alles in Deinen Ferien angefangen hast. Es ist ja einesteils recht schön, daß Du einige Schüler hast. Aber ich glaube, mein lieber Junge, daß Du auch ohne all die Arbeit nicht auf dumme Gedanken kommen würdest!

Ich war hier letzte Woche mit Betty auf einem Tanzabend. Nein, ist das komisch!! Rund herum im Saal stehen Stühle, worauf man sich setzt. Tische und etwas zu trinken gibt’s nicht. Dann sind 7 mal soviele Damen wie Herren da und es ist ganz in der Ordnung, wenn Mädels zusammen tanzen. Ich habe mich soweit ganz gut unterhalten, fand es etwas schwierig auf die Musik, das Tanzen und die Unterhaltung zu achten, aber höchst interessant. Leider hörte ich hinterher, daß der boy, der immer mit mir tanzte, wohl ein ganz horribler sein muss, denn der bobby bat meine kl. Freundin, mich nicht alleine mit ihm nach Hause gehen zu lassen, was ja aber garnicht zu befürchten war, denn ich habe mich schnell davon gemacht! Ist das nicht ulkig.

Letzten Sonntag waren wir abends bei Bettys Tante und Onkel eingeladen. Hedi spielte wundervoll Klavier: Beethoven, Chopin, Brahms und we all were quite happy. Nun hat man Hedi beigebracht, daß sie in 14 Tg. zu räumen habe, da Besuch käme. Da kannst Du einmal wieder einen typischen Zug dieses Hauses sehen, ein jg. Mädel, das für 1-2 ev. auch 3 Monate angemeldet war, ohne genügende Sprachkenntnis einfach nach 1 Monat auf die Straße zu setzen! Ich habe heute morgen einen sehr netten Brief von der Dame in Burleigh erhalten und werde nun wohl am 19. 9. hier fortgehen und zwar erst für 14 Tage nach London zu Gerti und dann am 1. Okt. nach B. Die Dame hat einen Jungen von 2 Jahren und ist selbst erst 30 Jahre alt. Hoffentlich habe ich dort Glück! und kann viel lernen! Dr. Th. und Mrs. Th. reisen Ende August für 3 Wochen nach Schweden. In der Zeit ist dann eine Schwester von ihr hier. Vorher wollen ihre Mutter und Schwester zu Besuch kommen. Sie war in letzter Zeit eigentlich sehr nett, aber heimisch könnte ich mich hier nie fühlen, man gehört eben nicht dazu. –

Nun wollen wir eben noch an die See und eine Aufnahme machen. Morgen abend will ich ins Theater “Lilac Time” = Dreimädelhaus. Ich kann mich nun schon einigermaßen gut unterhalten, muß aber noch viel – viel mehr lernen!

Heute fand ich in meiner Tasche eine Fahrkarte von Hagen nach Schwelm mit dem Stempel 5. 8. 1931. Erinnerst Du Dich an Blankenstein?

Hans scheint sich sehr wohl zu fühlen in seinem neuen Beruf.

Was haben denn Dein Bruder und Deine Schwester für ihre Ferien vor?

Schreib mir doch bitte recht bald einmal recht viel, willst Du? Es ist jetzt dinner-time, ich muß die Kinder und mich fertig machen. –

Was für Briefe hat denn eigentlich Carola nachher geschrieben, waren die auch so unpersönlich? So, mein lieber Junge, ich gucke gerade auf die roten Rose im Garten, ein rot – so schön gerade zum Denken an Dich geschaffen. Ich freue mich ja doch auf die Zeit, wenn ich wieder in Deutschland bin. Bin heute 8 Wochen fort.

Herzlichste Grüße und Küsse

Deine Anneliese.

Viele lb. Grüße für Deine Angehörigen.

Vielleicht gehe ich schon eher, denn eben hat mir Mrs. Th. gesagt, daß die Kinder nächsten Monat zur Schule kommen.

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