Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

So 31.07.1932, Brief von Anneliese an ihre Eltern: “Ich hatte mein rosa Kleid an, von dem auch hier alles begeistert ist”

Poststempel: 02. August, 1130 am

Newby, am 30. Juli 1932.

Liebe Mutti und lieber Vater!

Recht herzl. Dank für Paket und Brief. War das eine Freude, hier solch einen gabenreichen Gruß von Euch zu erhalten! Das Kleid gefällt mir sehr und sitzt fabelhaft! Ich habe es gleich erst einmal angezogen. So – nun ist es gleich 11h abends – ich habe gerade meine Haare gewaschen und sitze nun in meinem Zimmer und “trockne”. Dabei kann man gut schreiben und – Vokabeln lernen. – ich habe garnicht gedacht, daß es soviele Vokabeln auf der Welt gibt.

Und morgen wird also gewählt; wir sind alle gespannt. V. Papen gewinnt hier mehr und mehr an Achtung. Heute hat mir Dr. Thompson einen Vortrag über v. Papens Rede im Rundfunk [siehe auch hier] gehalten. Die letzten Tage waren – abgesehen von allerhand Irrungen im Tone – recht zufriedenstellend. Diese Woche habe ich einmal wieder in der See gebadet, es war fast warm und herrlich. Habe auch meinen Strandanzug angehabt! Es könnte hier so herrlich sein, wenn nur die Frau anders wäre. Am Sonntag waren Hedi und ich allein mit den Kindern. Die kleine Shirley ist süß. Brenda mag ich weniger gern. Da habe ich dann tüchtig gelernt. Am Montag habe ich abends mit Cissely und Betty und Mrs. Midden Tennis gespielt. Mrs. M. ist schon 2 mal in Deutschland gewesen und so haben wir allerhand Deutsch gesprochen und viel Freude gehabt. Dienstag habe ich mit Hedi und unserem Hunde “Streek” einen Abendbummel gemacht und hinterher geschrieben und gelernt. Am Donnerstag hatte ich frei. Da sind Hedi und ich zu Fuß nach Scarborough gegangen, haben dort den Lord Mayor von London ankommen und mit 4spanniger Kutsche durch die geschmückte Stadt fahren sehen. Nachher waren wir dann im Kino und haben “Private Lives” mit Norma Shearer gesehen; fabelhaft nett und ulkig. Gestern morgen habe ich Betty etwas beim Backen und Kochen geholfen, nachdem die Zimmer fertig waren und Mrs. Th. und die Kinder nach Scarborough gefahren waren. Abends bin ich mit meiner Tennisfreundin Betty zum Tanzen gewesen. Nun, ist solch ein Tanzabend hier komisch, dagegen ist der Verkehrsverein Ia. Rund herum im Saal stehen Stühle, worauf man sitzt – ganz wie in der Tanzstunde. Dann gibt es Musik und 7mal soviel Damen wie Herren. Wenn man sehr viel Glück hat, bekommt man auch mal einen mit! Es ist aber ganz in der Ordnung, wenn Mädels zusammen tanzen. Ich habe allerhand getanzt und mich recht gut unterhalten und kam dann um 2h nach Hause – es fing aber erst um ½ 11h an. Ich hatte mein rosa Kleid an, von dem auch hier alles begeistert ist.

Heute – Sonntag – regnet es tüchtig. Ich bin heute morgen mit Mrs. Turner, die mit Mrs. Severs zusammen wohnt, und Hedi in Scarborough in der Kapelle gewesen, habe aber nicht viel gehabt, da ich schreckliches Kopfweh hatte. Ich bin dann auch nach dem Mittagessen zu Bett gegangen und habe bis ½ 5h geschlafen. Mrs. Thompson war recht nett, ist aber froh, daß ich die Kinder gleich doch selbst baden will. Aber es ist nicht mehr so schlimm und kommt wohl daher, daß ich mit nassem Haar zu Bett gegangen bin. Heute Abend sind wir zu einer Tasse Tee zu Bettys Tante gebeten.

Mit Hedi komme ich recht gut aus. Wir gehen jeder unseren Weg, wenn wir alleine sein wollen und nehmen es uns dann auch gegenseitig nicht übel; wir sind aber auch oft zusammen. Warum ich mit diesem “Erika-Typ” immer ziemlich gut auskomme, ist mir ja eigentlich nicht ganz klar. Die Ähnlichkeit mit Eka ist oft frappant! Eka schrieb mir kürzlich, daß sie drauf und dran wäre sich richtig zu verlieben, wenn sie nicht aufpasste. Heute hat Mrs. Thompson Hedi gesagt, daß sie nicht mehr lange bleiben kann, weil zuviel Besuch kommt, das ist doch eigentlich allerhand bei 2 £ die Woche, nicht wahr?

Die beiden (er und sie) wollen Ende August – September für 3 Wochen nach Schweden reisen. Während der Zeit kommt dann ein anderer Dr. zur Vertretung; außerdem will ihre Schwester kommen. Ich möchte ihnen ja nicht gern einen Strich durch die Rechnung machen, vorausgesetzt, daß ich die andere Stelle bekomme, kann aber, wenn es nicht anders gehen sollte, auch keine Rücksicht nehmen. Das tuen sie ja auch nicht, siehe wieder Hedi. Ich habe an die Dame in B[urleigh] geschrieben, daß es mir am besten passte, wenn ich Ende Sept. oder Anfang Oktober nach dort kommen könnte. Ich möchte aber vorher auf alle Fälle 8 – 14 Tg. bei Gerti in London sein. Wie sich das nun machen läßt, ist noch fraglich. Ich denke, ich will hier garnichts von der anderen Stelle sagen. Ich habe ihr erzählt, daß Du die Augensache gehabt hast und im letzten Brief geschrieben habest, Dir ginge es nicht gut. Vielleicht setzt Du einmal eine solche Notiz in Deinen nächsten Brief. Ist es dann soweit, sage ich, Du bist kränker geworden und ich muß nach Hause, will aber erst noch einige Tage in London bleiben. Ich denke, das ist besser, als ihr die Wahrheit zu sagen, denn dann würden die letzten Tage für mich zur Hölle werden. Aber erst mal abwarten! –

Für die Blusen u. allen übrigen Inhalt d. Paketes herzl. Dank, kann alles gut gebrauchen; die Plätzchen haben fein geschmeckt! Die Platte z. Bild hat Hans wohl, ich schreibe heute noch an ihn. Micky-Mausschlüssel ist i. d. blauen Spardose oben links im Schreibtisch. Was macht Hilde? Was gibts sonst Neues? Will diese Woche mit Betty ins Theater “Lilac Time“  - 3 Mäderl-Haus.

Herzlichst Eure Anneliese.

Noch keine Kommentare

Noch keine Kommentare...

Schreib' doch den ersten!

Schreib einen Kommentar: