So 24.07.1932, Brief von Anneliese an ihre Eltern: “Ich bin schon lange nicht mehr still, wenn ich Recht habe”
Poststempel: 24. Juli, 6 pm
Newby, 17. July 1932.
Liebe Eltern!
Recht schönen Dank für Euren lb. Brief – ich schreibe in aller Eile. Nun ist es schon der 19. und heute ist die Karte fortgegangen. Also, die Tage “ohne” waren sehr schön; aber – sie kam wieder und fand dann nach langem Suchen auch wirklich etwas auszusetzen: Seit Donnerstag abend ist nun Hedi, unser paying-guest aus Ludwigshafen hier. Der Vater ist reicher Fabrikant, sie einziges Kind, oft krank gewesen, sehr verwöhnt, selbstbewußt u. herrlich, 19 Jahre alt – sieht aus wie 25 und kann kein Englisch!
In Deutschland würde ich sie nicht angucken, aber hier kommen wir ganz gut zusammen aus. Typ “Erika” – aber schlimmer!! und sehr musikalisch. Wir gehen jeder unseren Weg, auch mal zusammen und sind sehr freundlich zueinander, manchmal auch weniger. Es ist aber für mich sehr gut, daß sie da ist, denn es wird viel mehr gesprochen und ich habe viel mehr Mut etwas zu sagen, da sie soviel Fehler macht! Na, nun hat mir selbst Mrs. Thompson versichert, daß ich allerhand zugelernt habe, da muß es wohl stimmen. Sie ist seit der neue Gast hier ist zuweilen von rührender Freundlichkeit – vielleicht aus Dankbarkeit, daß sie Hedi nicht als Haustochter hat! Heute hat sie mir 2 kleine Bleistifte, ein sehr hübsches dreieckiges Tuch und eine Hemdhose geschenkt, was sagst Du nun? Hoffentlich hält diese Laune an. –
Nun ist es schon Sonntag, 24. 7. Die letzte Woche ist mal wieder im Fluge vergangen. 3 Abende habe ich mit Cissely Tennis gespielt. Donnerstag nachmittag habe ich mit dem Schweizer Mädelchen (19 Jahre) einen 5 Std. langen Spaziergang durchs Moor und die “englische Schweiz” gemacht, wunderschön. Abends bin ich mit Hedi nach Scarborough in “The Spa” (d. ist der Brunnen) gegangen. Da gabs schöne Musik und Beleuchtung! Wir beiden verstehen uns soweit recht gut – sind aber grundverschieden und halten gegen “Sie” immer zusammen; das ist oft sehr nötig. Ich bin schon lange nicht mehr still, wenn ich Recht habe und das ist bei ihr entschieden angebrachter.
Zudem schrieb mir Lotte Lüttje, daß die Nichte der Dame, wobei sie ist, gern eine deutsche “au pair” ohne gegens. Vergütung als Haustochter hätte und gern mit mir korrespondieren will. Sie lebt in Südengland bei Winchester, hat einen 2jährigen Sohn, ein Mädchen u. großen Bekanntenkreis. Ihr Mann wäre oft fort und sie möchte mich gern mehr als Begleiterin haben. Ich habe Gerti – die gerade in der Gegend ist – gebeten, einmal auf meine Kosten hinzufahren und zu hören – vielleicht zum 15. 9. oder 1. 10. Sollte es zum 1. 10. sein, könnte ich vielleicht vorher noch 14 Tage mit Gerti in London sein. Natürlich muß man vorläufig noch abwarten. Und ich kann vorläufig immer noch hier bleiben – ob immer, fragt sich – ich bin mir jeden Augenblick klar, daß ich “fliegen” kann. Sie liebt die Veränderung. Ich möchte hier nicht als paying-guest sein!! Gestern waren sie mit den Kindern fort u. da hat Hedi frech weg gefragt, ob ich mit ihr nach Scarborough gehen könnte, was dann nach einiger Anstellerei auch gewährt wurde; so waren wir im Kino – haben allerdings nicht allzu viel verstanden. Heute sind er und sie nach Leeds – ich erfuhr das auch schon ½ Std. bevor sie fuhren! Nächste Woche will ich mit Cissely einmal eine 1 Std. lange Abend-Dampferfahrt machen. –
Für Euren lb. Brief wie immer recht vielen herzl. Dank. Ist etwas mit Hans? Er hat mir noch nicht wieder geschrieben!! Ich muß noch eins von den Passbildern haben, das Hans von mir machte, bitte recht bald! Auf das Paket freue ich mich! Mein Geld hat sich leider schon verringert. An Onkel H. und Hilde habe ich geschrieben. Mein altes Gewicht habe ich wieder erreicht und will nun stoppen. Zum Baden ist es hier augenblicklich zu kalt. Frau Döringhaus ist köstlich und Du mußt fein sein!! Für die Berichte (Zeitung) herzl. Dank. Wir alle sind auf die Wahl gespannt. Auf die Nachricht über Frl. Seydlitz bin ich gespannt. Wie war der Kaffee? Kann Vater auch noch schreiben? Meinen Strandanzug habe ich nun 1mal getragen, sehr fein! –
Hoffentlich ist Onkel Heiner zufrieden!! Weißst Du? Geld zum Geburtstag ist mir natürlich das Liebste. Was sagt Ihr zu meinem Plan, ev. zu wechseln? Nun will ich meine beiden Puten ausführen – es ist leider regnerisch, Hedi bewundert meine Geduld mit ihnen – ich manchmal auch. – Die Ehekrisen in dieser Familie sind sehr interessant – nicht immer schön. Ich freue mich auf den nächsten Brief.
Mit herzl. Grüßen und Küssen bin ich
Euer Kind.
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