Geschichte (nicht nur) einer Familie
77jahre

Di 19.07.1932, Brief von Anneliese an Walter: “es kommt ja bei einem so langen Leben, wie wir es hoffentlich noch vor uns haben, nicht auf einige Monate an”

Newby, am 18. July 1932.

Mein lieber Junge!

Nun habe ich heute morgen Deinen lb. Brief bekommen und freue mich, mal wieder ein Lebenszeichen von Dir bekommen zu haben. Und nun willst Du gar meinen Rat haben? Ich freue mich, daß das Ende Deines Briefes schon soviel ruhiger klingt, als der Anfang; und inzwischen hast Du sicher in aller Ruhe und Gründlichkeit – denn dafür kenne ich Dich ja – noch weiter über den zu fassenden Beschluß nachgedacht. Und bist Dir wohl gar schon schlüssig geworden? Und gebrauchst meinen Rat wohl am Ende garnicht mehr?

Denn – natürlich kann ich Dir nur ganz intuitiv raten, denn mir fehlen ja die Über- und Einblicke. Immerhin wäre es wohl – würde es wenigstens für mich sein – recht niederdrückend, wenn ich nun sagen würde: “Das mußt Du selbst am besten wissen.” Und so will ich Dir dann meine Meinung einmal schreiben, denn sagen wäre ja sicher viel schöner, geht aber leider nicht.

Natürlich lasse ich Dir in allem freie Hand, denn das Vertrauen habe ich zu Dir, daß Du gut und reiflich überlegst und das Beste und nicht das Schnellste wählst. Denn so sehr ich auch verstehen kann, daß das so gut bestandene Examen Deines Freundes Dich zu baldiger Nachahmung anregt – es kommt ja bei einem so langen Leben, wie wir es hoffentlich noch vor uns haben, nicht auf einige Monate an. Und jedes Examen kostet eine Menge an Zeit und Nervenkraft; und da Du beides für Dein jetziges und zukünftiges Leben nötig hast, heißt es ernsthaft zu überlegen. Nun sagst Du selbst, dass ein mit “gut” bestandenes Examen in Mineralogie Deine Fakultäten in keiner Weise stärkt, aber für eine ev. Anstellung von Nutzen sein kann; darauf kommt ja nun letzten Endes im Augenblick alles an. Ist aber bei einem Nachmachen von Mathematik als Halbfach die Möglichkeit einer Anstellung nicht wahrscheinlicher und größer, selbst wenn dieses Examen erst einige Monate später abgelegt werden könnte? Daß gerade das Beackern dieser großen Wissenschaft im Augenblick eine ungeheure Belastung für Dich mit sich bringt, weiß ich recht gut. Es tut mir leid für Dich, daß Du nicht jetzt mehr Ruhe hast, aber ich hoffe, daß auch für Dich einmal bald eine ruhigere und beschaulichere Zeit kommen möge und ich hoffe, daß ich sie Dir nach Möglichkeit noch verschönen kann.

Nun befürchte ich im Augenblick das eine: machst Du erst Mineralogie nach, entfernst Du Dich durch die Vorbereitung für dieses Fach immer weiter von der mathematischen Wissenschaft – (d. h. für die Vorbereitungszeit) und es gehört dann nachher ungeheuer viel Energie und Nervenkraft dazu, sich wieder einem ernsthaften Studium der Mathematik hinzugeben. Wenn Du nun meinst, 2 Stunden täglich erübrigen zu können, dann ist schon allerhand zu schaffen. Natürlich gehört halt viel Energie dazu, diese Zeit täglich zu erübrigen, fast zuviel, aber das Ziel lohnt es. – Nun ist es allwieder einmal fast ½ 1h nachts – entschuldige deshalb, wenn meine Gedanken ein wenig kross sind. Schreib mir mal, zu was Du Dich entschlossen hast, ich lege die Entscheidung natürlich ganz in Deine Hand!!

Aber schreib mir bitte immer, wenn Du so etwas hast. Sieh, ich hätte Dir ja auch schreiben können: es ist fabelhaft hier – was im Augenblick wirklich stimmt (Mrs. Th. überschüttete mich gestern u. heute mit Geschenken und Liebenswürdigkeiten – nachdem sie mir am Samstag wieder versichert hatte, ich wäre für sie eigentlich keine Hilfe –) aber schließlich würdest Du dann später – wenn ich einmal von dieser Zeit hier sprechen würde – immer denken, daran habe ich ja keinen Teil gehabt.

Ich habe jetzt hier 2 nette junge Mädels kennen gelernt, mit denen ich 2-3 mal abends zusammen Tennis spiele oder ausgehe. Zudem ist unser deutscher paying-guest jetzt da; doch davon im nächsten Briefe. Für heute Schluß, ich bin sooo müde und morgen vor dem breakfast will ich noch einige Vokabeln lernen. Jetzt wird hier auch mehr gesprochen und selbst Mrs. Thompson hat gesagt, ich hätte schon was gelernt. – Ist aber nicht viel!!!!! –

Herzlichste Grüße u. Küsse u. auf baldiges Wiederhören

Deine Anneliese.

Viele Grüße für Deine lb. Angehörigen. Wie geht es Deiner lb. Mutter?

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