So 10.07.1932, Brief von Anneliese an ihre Eltern: “Wenn es immer so wäre wie jetzt, käme ich überhaupt nicht wieder nach Schwelm!”
Poststempel: 11. Juli, 1130am
Newby, am 10. Juli 1932.
Liebe Eltern!
Nun ist es Sonntag abend, wunderschön warm und klar und wo bin ich wohl mit meinen Gedanken? Ich habe ja so bedauert, kein Flugzeug zu besitzen. Immerhin habe ich heute wohl den nettesten Tag hinter mir, den ich je hier im Hause verlebt habe. Natürlich danke ich recht herzlich für Mutters schönen Bericht und erwarte den nächsten mit grosser Spannung! Was mag da alle[s] drinstehen?Mrs. Thompson fuhr Donnerstag Freitag um 11h fort XXX Seitdem ist es herrlich! Ich unterhalte mich bei jeder Mahlzeit und abends mit Dr. Thompson, der ein sehr kluger und belesener Mann ist und sich sehr für Deutschland interessiert. Wie kommt der Mann nur an diesen Drachen? Am Freitag war ich mit den Kindern bis ½ 5h und am Samstag von ½ 11 – ¾ 1 h am Strand; es war sehr schön u. warm u. die beiden ziemlich artig, weshalb ich ihnen ein Eishörnchen spendierte. Samstag abend spielte mir Dr. Thompson auf dem Grammophon die IX. Synfonie [sic] von Beethoven vor und wir plauderten dabei. Heute nach dem Mittagessen hörte ich bei einer Tasse Kaffee! Chopin, die V. Beethovensche und die Mondscheinsonate; und wenn Sie da ist, sitzt jeder in seiner Ecke und sagt keinen Ton, falls sie nicht gerade zu schimpfen hat. Ich werde ohne sie blendend und schneller fertig und die Kinder sind artiger. Wenn Kinder dauernd hören, daß die Mutter an mir was auszusetzen hat, können sie ja auch keinen Respekt vor mir kriegen! Nach dem Tee gingen wir zu Mrs. Severs auf ½ Stündchen. Mittwoch Abend soll ich mit dem einen engl. Mädel Tennis spielen. Unser paying-guest läßt nichts von sich hören. In 4 Wochen kommt Gerti voraussichtlich. Heute habe ich den Bericht für den General-A[nzeiger] fertig gemacht. Viel Ruhe habe ich dabei nicht gehabt – vielleicht könnt Ihr noch manches korrigieren. Er ist ja etwas lang geworden – ich hätte noch mehr gewusst – doch ich glaube, es ist schon zuviel! Glaubt Ihr, man kann die Schrift entziffern, oder muss es abgetippt werden! Schreibt mal genau Eure Meinung; bei etwas mehr Ruhe wäre wohl mehr herausgekommen. –
Nun bin ich morgen und übermorgen noch allein, will alles sauber und ordentlich machen und dann kann sie aussetzen was sie will! Ich habe nebenbei gesagt an Lotte Lüttje geschrieben – wir hören öfters voneinander – (sie sagte in ihrem letzten Brief, daß sie sehr viele bekannte junge Leute dort habe und viel Abwechslung), ob sie vielleicht in ihrem Ort für mich für später etwas finden kann, vielleicht für September oder Oktober. Bis dahin sehe ich ja hier, wie sich alles entwickelt, bleiben kann ich ja immer, falls ich nicht rausgeschmissen werde! Es sind viel Haustöchter hier nur 2-3 Monate gewesen! Wenn es immer so wäre wie jetzt, käme ich überhaupt nicht wieder nach Schwelm!
Ja, Muttel, die Kinder haben dunkelblonde Haare – sie können auch mal entzückend sein – aber meist sind sie ungezogen und dann garnicht reizend! Wenn ihr Vater ihnen was verbietet, sagen sie: ungezogener Bengel, ich will es Mutti sagen und sie wird dich schlagen! Nett, nicht wahr? Außerdem hat mir Mrs. Th. gesagt, daß sie Kinder u. auch ihre eigenen nicht besonders gern habe!!! – Das Kleid hatte ich natürlich gern im Anf. d. Ausverkaufes; ob 42 unten herum passt??? Für Kittel herzl. Dank, hoffentlich kommt er bald. Dgl. bitte etwas Fissancrem und Rheilaperlen. Über Trude habe ich mich amüsiert – tut doch gut, wenn man beneidet wird! Grüße bitte N. und ich warte auf den Reisebericht! Holdes Krankheit tut mir herzlich leid. Wißt Ihr mehr? Für alle die anderen Nachrichten schönen Dank, sie haben mich sehr interessiert. – Letzte Woche habe ich 3 mal Erdbeeren mit flüssiger Sahne gehabt!
Lieber mal stille sein – Du glaubst ja garnicht Muttel, wie oft ich das bin, Du würdest mich garnicht wiederkennen. Aber manchmal, dann möchte ich ihr so ins Gesicht springen – aber sie ist klug – auch ein Verdienst – wenn auch nicht ihrer!
Auf die Wahl sind wir hier alle sehr gespannt; Dr. Thompson interessiert sich überhaupt sehr für Politik, besonders für deutsche. Er fragt mich oft und ich versuche immer, ihm Auskunft zu geben.
Ich lerne jeden Abend bis ½ 12 h Vokabeln, meist die letzte Stunde im Bett und morgens von ½ 7 h bis 7 ¼ h, dann werde ich geweckt. Ich glaube, ich bin schrecklich unbegabt, daß ich nicht schon mehr gelernt habe. Ich verstehe zwar schon ganz gut, mache aber beim Sprechen noch unendlich viele Fehler! Andere Leute haben mir zwar gesagt, ich hätte schon allerhand gelernt – ich bezweifle das.
Immerhin hoffe ich in ½ Jahr genug gelernt zu haben! Man kann ja auch zu Hause noch weiterlernen, nicht wahr? Am Sonntag hat Brenda Geburtstag. Sie wünschst sich von mir: Schokolade, Taschentücher u. einen Autobus. Mit ihr ist viel schwerer umzugehen, als mit Shirley, sie hat nicht viele gute Eigenschaften. In unserem Garten sind die Rosen in schönster Blüte, wie ist es dort? Neulich sagte sie mir, ich könnte mein u. der Kinder Zimmer doch schon vor dem Frühstück (8 ½ h) fertig haben, das tu ich aber nicht, da habe ich mich u. die Kinder anzuziehen!
Herzlichste Grüße für Euch, Glaremins, Ibings, Fischers, Müllers usw…. Eure Anneliese!
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